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Prostatabiopsie – leidet die Erektionsfähigkeit?

05. Dezember 2019 | von Ingrid Müller

Kann eine Prostatabiopsie zu Erektiler Dysfunktion führen? Diese Frage ist noch weitgehend unerforscht. Eine neue Studie liefert jetzt Antworten, ob und inwieweit sich die Gewebeentnahme auf die Erektionsfähigkeit auswirkt.

Die Prostatabiopsie ist die einzige Möglichkeit, um Prostatakrebs sicher zu diagnostizieren. Ärzte entnehmen dabei mit Hilfe feiner Nadeln mehrere Gewebeproben aus den verdächtigen Bereichen der Prostata. Ein Pathologe analysiert das Gewebe anschließend im Labor unter dem Mikroskop. Krebszellen lassen sich so gut von gesunden Zellen unterscheiden. Auch wenn die Prostatabiopsie ein komplikationsarmer Eingriff ist – sie kann einige Nebenwirkungen haben, zum Beispiel Infektionen, Entzündungen, Blut im Urin, Stuhl oder Ejakulat sowie Probleme beim Wasserlassen.

Weniger bekannt und bislang kaum untersucht ist, ob die Prostatabiopsie die Erektionsfähigkeit leiden lässt und zu einer Erektilen Dysfunktion (ED) führt. Forscher aus den USA hatten vor einigen Jahren herausgefunden, dass Erektionsstörungen nach der Gewebeentnahme gar nicht so selten vorkommen und vermutlich unterschätzt werden. Ärzte sollten Männer unbedingt über diese Gefahr aufklären.

Risiken der Prostatabiopsie

Der Würzburger Urologe Dr. Frank Schiefelbein erklärt, welche Gefahren die Prostatabiopsie birgt. Außerdem: Ist eine Biopsie wirklich nötig?

Fragebogen zu Erektiler Dysfunktion – vor und nach der Prostatabiopsie

Die Urologin Dr. Esther García Rojo von der Universitätsklinik Madrid wollte dies jetzt genauer wissen. Sie untersuchte in einer neuen Studie, ob und inwieweit sich die Prostatabiopsie auf die Erektionsfähigkeit auswirkte. Sie verglich dabei zwei verschiedene Vorgehensweisen: die Gewebeentnahme über den Darm (transrektale Prostatabiopsie, sie gilt als Standard) und die Gewebeprobe über den Damm (transperineale Prostatabiopsie).

An der Studie nahmen 135 Männer teil, die im Schnitt 63,5 Jahr alt waren. Vor dem Eingriff sowie drei und sechs Monate danach beantworteten sie einen speziellen Fragenbogen zur Erektilen Dysfunktion, den International Index of Erectile Function‑5 (IIEF‑5). Die Männer machten zum Beispiel Angaben zur Stärke der Erektion, Orgasmusfähigkeit, Ejakulation, zum sexuellen Verlangen, Zufriedenheit mit dem Geschlechtsverkehr und zur Gesamtzufriedenheit mit dem Sexleben. Nach dem IIEF‑5 lassen sich der Schweregrad und das Ausmaß von Erektionsstörungen in fünf Kategorien anhand von Punkten einteilen:

  1. Keine Erektile Dysfunktion (ED): 26 bis 30
  2. Leichte ED: 22 bis 25
  3. Leichte bis mäßige ED: 17 bis 21
  4. Mäßige ED: 11 bis 16
  5. Schwere ED: 6 bis 10

Erektionsprobleme oft schon vor der Prostatabiopsie

Anhand dieser Skala konnten die spanischen Forscher den Schweregrad der Erektilen Dysfunktion bei ihren Patienten einschätzen. Vor der Prostatabiopsie war es so um die Erektionsfähigkeit der Männer bestellt:

  • 21 Prozent (28 Männer) hatten keine Erektionsprobleme.
  • 107 Männer litten dagegen schon zu Beginn unter Erektionsstörungen verschiedenen Ausmaßes: 40 Prozent (54 Männer) hatten leichte, 36 Prozent (49 Männer) mäßige und 3 Prozent (vier Männer) schwere Probleme mit der Erektion.

 

Im Durchschnitt erreichten die Männer im IIEF‑5 eine Punktzahl von bei 17,7.

Art der Prostatabiopsie ohne Einfluss auf die Erektionsfähigkeit

Anschließend unterzogen sich alle Männer entweder einer transrektalen oder einer transperinealen Biopsie. Drei Monate nach der Prostatabiopsie ergab sich folgendes Bild der Erektilen Dysfunktion:

  • 29 Prozent der Männer hatten eine normale Erektionsfähigkeit.
  • 38 Prozent zeigten eine leichte, 27 Prozent eine mäßige und 3 Prozent eine schwere ED.

 

Auch nach sechs Monaten waren diese Prozentzahlen nahezu unverändert:

  • 30 Prozent hatten keine Erektile Dysfunktion
  • 34 Prozent litten unter einer leichten, 28 Prozent unter einer mäßigen und 6 Prozent unter einer schweren Erektilen Dysfunktion.

 

Keinen Einfluss auf die Erektionsfähigkeit hatte der Weg, den Ärzte für die Prostatabiopsie gewählt hatten – ob über den Darm oder den Damm. Auch die Anzahl der entnommenen Gewebeproben (Stanzen) oder vorausgegangene Biopsien beeinflussten die Ergebnisse des IIEF‑5 nicht.

"Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass weder die Biopsie-Technik noch die Anzahl der Stanzen oder frühere Biopsien einen signifikanten Einfluss auf die Erektile Dysfunktion nach sechs Monaten haben."

Studienautoren

Erektile Dysfunktion bald durch Nerventransplantate behandeln?

Die Erektile Dysfunktion scheint also kein Problem nach einer Prostatabiopsie zu sein. Wohl aber sind Erektionsstörungen ein Thema für Männer mit Prostatakrebs, die sich einer Operation (radikale Prostatektomie) oder Strahlentherapie unterziehen. Danach hapert es bei vielen Männern mit der Potenz, weil der Nervus pudendus Schaden genommen hat. Er verläuft direkt an der Prostata vorbei und steuert unter anderem die Erektion und das Wasserlassen. Viele Männer erleben nach diesen Krebstherapien daher zusätzlich eine Inkontinenz – meist jedoch nur vorübergehend.

Auch wenn Ärzte heute nervenschonende Operationstechniken einsetzen, lassen sich beide Komplikationen nicht immer vermeiden.

Forscher aus Brasilien und kürzlich auch aus Australien haben eine neue Methode ausgetüftelt, die Männern nach einer Prostataoperation wieder zu einem befriedigenden Sexualleben verhelfen soll: Nerventransplantate aus dem Unterschenkel. Für eine normale Funktion der Beine sind sie dort nicht zwingend nötig. Die eingepflanzten Nerven sollen jene Verbindungen zum Gehirn wiederherstellen, die durch die Operation oder Bestrahlung verloren gegangen sind.

Und zwar so: Erstens sollen neue Nervenfasern sprießen und die Muskelzellen des Penis zur Aktion anregen. Zweitens muss das Gehirn lernen, diese neuen Pfade auch zu nutzen. Das Gehirn sei aber plastisch und könne sich deshalb an neue Gegebenheiten anpassen. Daher sollte dies gelingen, hoffen die Forscher. Die Nervenimplantate haben bei einigen Männern nach einer Prostatektomie Erfolge gezeigt. Zukünftig könnten sie eine neue Behandlungsmöglichkeit bei Erektiler Dysfunktion nach einer Prostatektomie sein.

Quellen

  • Esther García Rojo et al. Assessment of the influence of transrectal and transperineal prostate biopsies on erectile function: A prospective observational single-center study, International Journal of Urology, 01 September 2019, https://doi.org/10.1111/iju.14088
  • Katie S. Murray et. al. A prospective study of erectile function after transrectal ultrasonography-guided prostate biopsy, BJU International. 28 November 2014, https://doi.org/10.1111/bju.13002
  • Jose Carlos Souza Trindade, Fausto Viterbo, Andre Petean Trindade, Wagner JoseFavaro, Jose Carlos Souza Trindade-Filho: Long-term follow-up of treatment of erectile dysfunction after radical prostatectomy using nerve grafts and end-to-side somatic-autonomic neurorraphy: a new technique, BJU International, 2017, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1111/bju.13772
  • Jeanette C. Reece, David C. Dangerfield, Christopher J. Coombse: End-to-side Somatic-to-autonomic Nerve Grafting to Restore Erectile Function and Improve Quality of Life After Radical Prostatectomy, European Urology, August 2019, https://www.europeanurology.com/article/S0302-2838(19)30265–9/fulltext und https://about.unimelb.edu.au/newsroom/news/2019/april/improved-procedure-for-cancer-related-erectile-dysfunction