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Reha nach Prostatakrebs: »Wir können die seelische Verfassung verbessern«

14. Februar 2021 | von Ingrid Müller

Auch die Psyche von Männern kommt in der Reha nicht zu kurz. Der Urologe Prof. Ullrich Otto erklärt, sich Ärzte die Seele und den Körper nach einer Prostatakrebserkrankung wieder stärken können. Außerdem: Experten-Tipps für den Alltag! Interview von Ingrid Müller

Prof. Ullrich Otto, Ärztlicher Direktor des Urologischen Kompetenzzentrums für die Rehabilitation,  Kliniken Hartenstein, Bad Wildungen

Herr Prof. Otto, die meisten Männer sprechen nicht gerne darüber, wenn sie körperlich krank sind. Dies gilt umso mehr, wenn sie auch seelisch leiden. Kann eine Reha auch der Psyche helfen?

Die Psychoonkologie spielt in der Rehabilitation von Krebspatienten eine sehr bedeutende Rolle und ist deshalb auch ein wesentlicher Bestandteil des Therapiekonzeptes. Bei der Aufnahme eines Patienten in die Rehaklinik nehmen wir ein „Psychologisches Screening“ mit Hilfe eines Fragebogens vor. Er soll uns anschließend Auskunft über die Befindlichkeit des Patienten geben. So erfahren wir schon zu Beginn der Rehamaßnahme etwas über seine seelische Belastung. Ist sie stark ausgeprägt, leiten wir frühzeitig eine psychoonkologische Behandlung ein. Im Vordergrund stehen psychologische Einzelgespräche. Etwa 50 Prozent unserer Patienten nehmen die Möglichkeit einer psychoonkologischen Einzelbetreuung wahr. 

Am Ende der Rehabilitationsbehandlung bitten wir unsere Patienten, diesen Fragebogen  zu seiner Befindlichkeit erneut auszufüllen. Ein Vergleich der vor- und nachherigen Antworten zeigt uns, ob sich die psychische Belastung durch die Rehamaßnahme verbessert hat. 

In einer großen Studie konnten wir nachweisen, dass die Rehabilitationsmaßnahme in der Summe die seelische Verfassung deutlich verbessert hat - und somit auch die Lebensqualität. 

Einig sind sich Ärzte heute darüber, dass eine Krebserkrankung immer auch nahestehende Menschen betrifft. Daher kann auch die Partnerin oder der Partner den erkrankten Mann in die Reha begleiten. Sehen Sie Vorteile darin? 

Aus der Literatur wissen wir, dass die Angehörigen von Krebspatienten psychisch oft stärker belastet sind als die Betroffenen selbst. Man fasst dies mit den Worten zusammen „Cancer invades the family“, heißt frei übersetzt „Krebs befällt die gesamte Familie“. Deshalb ist es manchmal sinnvoll, dass der Patient gemeinsam mit der Partnerin oder dem Partner die Reha antritt. Nach dem Motto: Wir halten in guten und in schlechten Zeiten zusammen. Das beruhigt beide. 

Psychoonkologie

Warum psychologische Unterstützung für jeden Krebspatienten ratsam ist und wie die Psychoonkologie helfen kann. 

Eine Reihe von Patienten favorisiert jedoch die Strategie, sich alleine mit der Krebsdiagnose auseinanderzusetzen, um den Schock nach der Konfrontation mit der Diagnose Krebs zu verarbeiten. Dies geschieht somit jenseits seines persönlichen sozialen Umfeldes und ohne Einflussnahme von außen. 

Ob jemand die Rehamaßnahme mit oder ohne Partner bevorzugt, hängt nach unseren Erfahrungen sehr von der Persönlichkeitsstruktur des Patienten ab. 

Viele Männer wollen nach überstandenem Prostatakrebs wieder fit und leistungsfähig in den Alltag und Beruf starten. Traum oder Realität? 

Das kann ich Ihnen kurz und bündig beantworten: Es ist Realität! Die körperliche Leistungsfähigkeit eines Mannes verbessert sich schon während der drei oder vier Wochen seines Aufenthaltes in der Rehaklinik. Auch langfristig hat die wiedergewonnene körperliche Leistungsfähigkeit Bestand, wie wir in verschiedenen wissenschaftlichen Studien nachweisen konnten. 

Auch auf die  Möglichkeit der Reintegration in den Beruf wirkt sich die Rehabilitation positiv aus. Nach einer fachspezifischen urologischen Rehamaßnahme können mehr als 90 Prozent der Patienten erfolgreich in das Berufsleben zurückkehren. Das haben wir in einer großen Studie eindrucksvoll belegen können. 

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Nicht alle Rehakliniken schneiden bei den Männern selbst oder in fachlichen Bewertungen gleich gut ab. Gibt es Faktoren in einer Klinik, die zum Erfolg der Reha beitragen? 

Es genügt nicht, dass wir uns nur an die Leitlinien halten. Vielmehr müssen wir die Rehamaßnahme mit viel Empathie und medizinischer Kompetenz durchführen. Vor allen Dingen gilt es, die Rehamaßnahme mit vielen sinnvollen Inhalten zu füllen.

Selbst ist der Mann! So lautet ein altes Sprichwort. Gibt es auch Maßnahmen, mit denen Männer sich nach der Reha selbst helfen können? 

Aber ja, natürlich! Was sollte der Mann beachten? Erstens: Positiv denken! Drei weltweite Studien haben Folgendes bewiesen: Patienten, die positiv denken, weisen einen besseren Krankheitsverlauf auf als jene Patienten, die negativ denken. 

Zweitens: Sport, Sport, Sport, aber bitte kein Extremsport, sondern Bewegung in der Natur. 

Und drittens: Gesunde Ernährung! Viel Obst, Gemüse und Vollkorn – und maßvoll umgehen mit tierischen Lebensmitteln und Alkohol. Das alles trägt entscheidend zur Gesundheit des Mannes und zu seinem Wohlbefinden bei!

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