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Biopsie der Prostata: Zwei kombinierte Methoden sind besser

09. April 2020 | von Ingrid Müller

Die Kombination zweier Biopsie-Verfahren kann Prostatakrebs gezielter und verlässlicher aufspüren. Auch  aggressivere Varianten von Prostatakarzinomen lassen sich besser identifizieren, wie eine aktuelle US-Studie ergab.

Die Biopsie ist ein Standard in der Diagnostik der meisten Krebsarten – auch bei  Prostatakrebs. Ärzte können mit hoher Sicherheit herausfinden, ob in der Prostata gut- oder bösartige Zellen wachsen. Mit einer feinen Nadel entnehmen sie unter Kontrolle durch Ultrschall zufällig zehn bis zwölf Gewebeproben über die gesamte Prostata verteilt. Im Gegensatz zu anderen Krebsarten biopsieren Ärzte hier nicht gezielt einen Tumor, den sie zuvor auf Bildern gefunden haben. Vielmehr hoffen sie anschließend, in einer der Gewebeproben den Prostatakrebs nachweisen zu können. Das entnommene Gewebe analysiert ein Pathologe unter dem Mikroskop.

"Prostatakrebs ist einer jener bösartigen Tumoren, deren Diagnose im ‚Blindflug‘ durch systematische Biopsien erfolgt – ohne den genauen Ort des Tumors zu kennen."

Peter Pinto, National Cancer Institute

Biopsie bei Prostatakrebs – mit eingeschränkter Aussagekraft

Doch nicht immer ist die herkömmliche Prostatabiopsie aussagekräftig genug. So „erwischen“ Ärzte manchmal nicht die richtigen Stellen in der Prostata, in denen womöglich Krebszellen wuchern. Dann ist das Ergebnis negativ, obwohl der Mann eigentlich Prostatakrebs hat (falsch-negativ). Ärzte können bei der Biopsie also einen Prostatakrebs übersehen.

Manche Stanzen enthalten außerdem Krebszellen, die nur langsam wachsen. Dieser Krebs würde für die Männer zu Lebzeiten vermutlich keine Gefahr bedeuten. Weil Ärzte aber befürchten, einen aggressiveren Krebs vielleicht nicht erfasst zu haben, folgt manchmal eine umfangreichere Therapie als es eigentlich nötig gewesen wäre. Mediziner sprechen von „Übertherapie“. Auch das Gegenteil ist möglich: Männer können einen gefährlicheren Krebs haben als in den Stanzproben nachweisbar  – sie erhalten womöglich eine „Untertherapie“.

Ganz allgemein können Gewebeproben Krebszellen unterschiedlicher Aggressivität – also mit verschiedenem Gleason-Score – enthalten. Für die Behandlung von Prostatakrebs ist meist der höchste Gleason-Score ausschlaggebend.

Biopspie

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MRT, normale Biopsie oder beides?

Forscher des US-amerikanischen National Cancer Institute (NCI) entwickelten jetzt eine Methode, die eine verlässlichere Diagnose bei Prostatakrebs ermöglichen soll. Auch soll sie detailliertere Aussagen über die Gefährlichkeit und den Krankheitsverlauf von Prostatakrebs zulassen. Die Forscher verglichen in ihrer Studie zwei Biopsie-Methoden miteinander. Außerdem wollten sie wissen, was eine Kombination aus beiden bringt.

„Jahrzehntelang hat der ‚Blindflug‘ bei der Biopsie zu Überdiagnosen und damit zu unnötigen Behandlungen einer oft nicht tödlichen Krebsart geführt“, erklärt Peter Pinto vom NCI, der Seniorautor der Studie. „Umgekehrt haben wir einen hochgradig aggressiven Prostatakrebs übersehen und damit die Chance auf Heilung der Männer verspielt“, so Pinto weiter.

MRT-Bilder: Verdächtige Regionen in der Prostata zielgenau identifizieren

Normale Biopsie und MRT-geführte Biopsie im Vergleich

Die Forscher testeten, wie gut die herkömmliche Biopsie mittels Ultraschall im Vergleich zu einer MRT-geführten Biopsie abschnitt. Dabei legen Radiologen zuvor aufgenommene MRT-Bilder, die verdächtige Krebsherde zeigen, mit Ultraschallaufnahmen in Echtzeit übereinander. Die Studienergebnisse veröffentlichten sie in der Märzausgabe des renommierten Fachmagazins New England Journal of Medicine (NEJM).

An der Studie nahmen 2.103 Männer teil, bei denen Radiologen zuvor im MRT Veränderungen in der Prostata gefunden hatten. Sie unterzogen sich sowohl einer MRT-geführten Biopsie als auch einer herkömmlichen Stanzbiopsie unter Ultraschallkontrolle. 1.312 dieser Männer erhielten danach die Diagnose Prostatakrebs. 404 Männer ließen ihre Prostata daraufhin im Rahmen einer Operation entfernen, der Prostatektomie.

Die Forscher verglichen nun beide Diagnosemethoden miteinander – die ungezielte „normale“ Biopsie und die MRT-geführte Gewebeentnahme. Sie fanden heraus, dass beide Methoden im Doppelpack 208 mehr Krebsdiagnosen ans Tageslicht beförderten als die ungezielte Biopsie allein. Die Stanzbiopsie selbst deckte nur 1.104 Prostatakarzinome auf. Im Umkehrschluss bedeutet es jedoch auch, dass die MRT-gestützte Biopsie allein viele Karzinome in der Prostata nicht gefunden hätte.

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Biopsie-Kombination erbringt genauere Diagnosen

Zudem waren die Diagnosen durch die Kombination beider Methoden verlässlicher und die aggressivsten Formen von Prostatakrebs ließen sich besser identifizieren. Bei Männern mit einer Prostatektomie lagen die Unterdiagnosen durch die Stanzbiopsie alleine bei ungefähr 40 Prozent. Bei der MRT-geführten Biopsie alleine waren es 30 Prozent. Die Kombination beider Verfahren lieferte dagegen nur 14,4 Prozent Unterdiagnosen beim Prostatakrebs.

Diese Tendenz ließ sich auch bei den aggressivsten Prostatakarzinomen beobachten: Die Stanzbiopsie lieferte bei 16,8 Prozent Unterdiagnosen, die MRT-geführte Biopsie bei 8,7 Prozent. Wurden beide gemeinsam eingesetzt, kamen Ärzte nur auf 3,5 Prozent Unterdiagnosen. Am meisten Erfolg versprach also ein Kombipack aus beiden Biopsie-Verfahren.

„Mit einer MRT-gestützten Biopsie zusätzlich zur Stanzbiopsie können wir die gefährlichsten und tödlichsten Krebsvarianten in der Prostata früher aufspüren. Und wir können Männern eine bessere Behandlung anbieten, bevor der Krebs in andere Organe streut“, hofft Peter Pinto.

Prostatakrebs ist unterschiedlich gefährlich

Prostatakrebs ist nicht gleich Prostatakrebs, sondern es gibt viele verschiedene Varianten davon. Sie unterscheiden sich vor allem in der Aggressivität und ihre Fähigkeit, Metastasen in anderen Organen zu bilden. Oft sind die Knochen zuerst betroffen, aber auch in der Leber und Lunge können sich Krebsabsiedlungen bilden.

Ein Prostatakrebs mit niedrigem Risiko birgt eine geringe Wahrscheinlichkeit für Männer, an diesem Krebs auch zu sterben. Oft ist zunächst auch keine Behandlung nötig und Ärzte kontrollieren und überwachen den Tumor nur. Aktive Überwachung oder engl. active surveillance heißt diese Strategie. Manche Prostatakarzinome sind dagegen sehr aggressiv und neigen dazu, schnell zu streuen und sich auszubreiten. Sie sind besonders gefährlich und für viele Todesfälle durch Prostatakrebs verantwortlich. Daher ist es auch so wichtig, die Aggressivität des Prostatakrebses von Beginn an richtig einzuschätzen.

Quellen:

  • Ahdoot M et. al. MRI-Targeted, Systematic, and Combined Biopsy for Prostate Cancer Diagnosis, N Engl J Med 2020; 382:917–928, March 5 2020, DOI: 10.1056/NEJMoa1910038, https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1910038
  • National Cancer Institute (NCI):Testing with combined biopsy method improves prostate cancer diagnosis in NCI study, press release, 4. März 2020,  https://www.cancer.gov/news-events/press-releases/2020/combined-prostate-biopsy
  • University of Maryland Medical Center, Adding MRI-targeted biopsy leads to more reliable diagnosis of aggressive prostate cancer, news release, 4. März 2020, https://www.eurekalert.org/pub_releases/2020–03/uomm-amb030420.php