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PSA-Screening: PSA-Test nutzt nur wenigen Männern

07. Januar 2020 | von Ingrid Müller

Ein PSA-Screening mittels PSA-Test ist für die meisten Männer offenbar nicht nur wertlos, sondern richtet sogar erheblichen Schaden. Es drohen Überdiagnosen und Übertherapien. Zu diesem Schluss kommt ein neues Gutachten des IQWIG.

Ein PSA-Test bei gesunden Männern soll Prostatakrebs in einem frühen, hoch heilbaren Stadium aufspüren, und so die Überlebenschancen verbessern. Schon länger diskutieren Experten darüber, ob das PSA-Screening – also eine Reihenuntersuchung mittels PSA-Test an gesunden Männern – mehr nutzt als schadet. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG hat jetzt einen Vorbericht dazu veröffentlicht. 

Das Fazit der Prüfer zum Nutzen des Bluttests fällt miserabel aus: Zwar erspare das PSA-Screening mittels PSA-Test einigen Männer die Belastungen durch einen metastasierten Prostatakrebs oder verzögere sie, aber die Schäden durch Überdiagnosen und Übertherapien seien deutlich größer. Denn viele Männer müssten mit dauerhafter Inkontinenz und Impotenz rechnen – und das schon in relativ jungen Jahren.

"Männern ohne Verdacht auf Prostatakrebs sollte deshalb gegenwärtig kein organisiertes Prostatakrebs-Screening mittels PSA-Test innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung angeboten werden."

Jürgen Windeler, Institutsleiter des IQWIG

PSA-Screening aktuell

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat entschieden, dass Männer den PSA-Test weiterhin selbst bezahlen müssen.

PSA-Screening ist für viele Männer nutzlos

Das IQWIG analysierte insgesamt elf Studien, an denen mehr als 400.000 Männer zwischen 55 und 70 Jahren teilgenommen hatten. Die Forscher beobachteten die Männer 13 bis 20 Jahre lang. Alle Studien verglichen Männer, die ein PSA-Screening mittels PSA-Test wahrgenommen hatten, mit Männer ohne einen Bluttest auf das prostataspezifische Antigen.

Das IQWIG stellt fest, dass das PSA-Screening manchen Männern Vorteile bringt, weil sie nicht oder erst später an Metastasten durch Prostatakrebs erkrankten. Im Schnitt profitierten innerhalb von zwölf Jahren aber nur etwa 3 von 1.000 Männern von einem PSA-Test. Statistisch gesehen wurden diese drei Männer im Zeitraum von 16 Jahren vor dem Tod durch Prostatakrebs bewahrt.

Unklar ist jedoch, ob dies auch in einer Lebensverlängerung mündete, die für die Männer wesentlich war. Denn eine Veränderung der Gesamtsterblichkeit ließ sich in den Studien nicht nachweisen. Der Grund könnte darin liegen, dass Männer bei der Diagnose Prostatakrebs in der Regel schon älter sind. Viele sterben in höherem Lebensalter an ganz anderen Krankheiten als an ihrem Prostatakarzinom. So sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Herzinfarkt nach wie vor die Nummer eins unter den Todesursachen – bei Männern wie Frauen.

PSA - kompakt

Alles über das prostataspezifische Antigen,  die verschiedenen PSA-Werte, den PSA-Test, risikoadaptierten PSA-Test, das PSA-Screening und PSA-Rediziv.

PSA-Screening liefert viele Überdiagnosen

Das PSA-Screening nutzt also dem IQWIG zufolge nur wenigen Männern. Umgekehrt richte es bei gesunden Männern ohne Verdacht auf Prostatakrebs jedoch erheblichen Schaden an. Denn Überdiagnosen und falsch-positive Befunde seien durch den PSA-Test keine Seltenheit. In diesem Fall ist zwar der PSA-Wert erhöht, aber die Männer haben keinen Prostatakrebs – oder er wäre ihnen zu Lebzeiten vermutlich nicht gefährlich geworden. Denn Ärzte wissen, dass Prostatakrebs nicht gleich Prostatakrebs ist: Oft wächst er langsam, und nur bei wenigen Männer ist er so aggressiv, dass er sich schnell ausbreitet und Metastasen bildet.

"Allein die Diagnose eine potenziell tödlichen Erkrankung stellt für die überdiagnostizierten Männer schon einen Schaden dar."

IQWIG

Ein falsch-positiven Testergebnis in Form eines erhöhten PSA-Wertes zieht in der Regel eine unnötige Prostatabiopsie nach sich. So lag der Anteil der Screening-Teilnehmer, bei dem sich kein Prostatakrebs trotz erhöhtem PSA-Wert nachweisen ließ, zwischen 22 und 26 Prozent. Bei jedem vierten Mann war der Eingriff also überflüssig. Außerdem birgt Prostatabiopsie selbst einige Risiken, zum Beispiel Infektionen, Blutungen oder Probleme beim Wasserlassen. Bei etwa zwei Prozent der Männer traten nach der Biopsie Komplikationen auf.

Übertherapien dank PSA-Screening

Zu den Überdiagnosen kommen schließlich noch die Übertherapien. Männer bekommen dann eine Behandlung, die sie eigentlich nicht bräuchten. Die Krebstherapien belasten aber nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. So bringen Prostatakrebs-Behandlungen wie eine Operation (Prostatektomie)  oder Bestrahlung äußerst unangenehme Folgen mit sich, allen voran die Inkontinenz und Erektile Dysfunktion. Oft seien diese Komplikationen nicht mehr rückgängig zu machen. Sie wirkten über viele Jahre nach, weil die Männer bei der Diagnose oft noch jünger seien. Das IQWIG hat ausgerechnet, dass zusätzlich 3 von 1.000 Männern eine dauerhafte Inkontinenz durch das PSA-Screening befürchten müssen. Zusätzlichen 25 von 1.000 Männern droht eine permanente Impotenz.

PSA-Screening: Nutzen kann den Schaden nicht aufwiegen

Zuletzt hat das IQWIG den Nutzen und Schaden des PSA-Screenings auf die Waagschale gelegt. Screeningmaßnahmen schadeten gesunden Männern aufgrund der Überdiagnosen deutlich mehr als sie nutzten. „Sie können erhebliche Schäden nach sich ziehen“, erklärt Jürgen Windeler. Mit diesem Fazit steht das Institut in der Fachwelt nicht alleine da. Weltweit sprechen sich nahezu alle nationalen Gesundheitsbehörden und Fachgesellschaften gegen ein organisiertes, bevölkerungsbasiertes PSA-Screening aus.

Ist ein risikoadaptierter PSA-Test besser?

Viele Experten sprechen sich heute für ein sogenanntes risikoadaptiertes PSA-Screening aus, das auch in Deutschland geprüft wird. Der Begriff „risikoadaptiert“ bedeutet, dass Ärzte das individuelle Risikoprofil eines Mannes für Prostatakrebs ermitteln. So ist zum Beispiel ein erhöhter PSA-Wert mit 40 bis 45 Jahren ein besonderes Risiko, weil diese Männer öfters und früher aggressiven Prostatakrebs entwickeln. Ein weiterer Risikofaktor ist es, wenn Prostatakrebs gehäuft in der Familie vorkommt. Hier spielen die Gene eine entscheidende Rolle. „Dem risikoadaptierten PSA-Test kommt derzeit die größte Bedeutung zu“, sagt Dr. Frank Schiefelbein, Urologe in Würzburg.

Experten-Interview

Warum der risikoadaptierte PSA-Test die Zukunft ist, erklärt der Urologe Dr. Frank Schiefelbein im Interview.

Männer mit einem niedrigen PSA-Ausgangswert in diesem Alter ohne familiäres Prostatakrebsrisiko und mit unauffälligem Tastbefund der Prostata könnten erst nach fünf Jahren oder später wieder ihren Arzt besuchen. Bei erhöhten PSA-Werten und familiärem Risiko sind dagegen engmaschige Kontrollen beim Arzt ratsam. Ganz verzichten auf die Krebsvorsorge könnten beim risikoadaptierten PSA-Test Männer über 70 Jahre, bei denen die Tastuntersuchung unauffällig war und in deren Familien Prostatakrebs nicht in der Familie liegt.

Die Vorsorgeintervalle sind also nicht für alle Männer gleich, sondern richten sich nach dem individuellen Risikoprofil. „Das spart Kosten im Gesundheitswesen – und wir vermeiden Überdiagnosen und unnötige Therapien“, erklärt Schiefelbein.

Quellen