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Früherkennung von Prostatakrebs: Zuckertest im Blut

09. Juni 2020 | von Ingrid Müller

Prostatakrebs lässt sich umso besser heilen, je früher Ärzte ihn entdecken. Jetzt haben britische Forscher eine neue Methode entwickelt, um bösartige Tumoren in der Prostata schneller und zielgenauer auszuspüren: einen speziellen Zuckertest fürs Blut.

Je früher Ärzte Prostatakrebs aufspüren, desto besser ist er behandelbar und desto höher sind auch die Überlebenschancen für Männer. Dieser Zusammenhang ist schon länger bekannt und gilt auch für viele andere Krebsarten. Derzeit gibt es verschiedene Möglichkeiten zur Früherkennung von Prostatakrebs: PSA-Test, Tastuntersuchung und transrektaler Ultraschall (TRUS). Liefern diese Methoden Anhaltspunkte für Prostatakrebs, folgt eine Prostatabiopsie, bei der Ärzte Gewebeproben aus den verdächtigen Bereichen entnehmen.

Flüssigbiopsie: Zucker im Blut nachweisen

Forscher der University of Birmingham entwickelten jetzt eine neue Methode, um Prostatakrebs zu diagnostizieren: Einen speziellen Test, der besondere Zuckermoleküle im Blut nachweist. Er solle frühere Ergebnisse mit größerer Genauigkeit und Sicherheit liefern, sagen die Forscher. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im Fachblatt Advanced Functional Materials. Weltweit forschen Wissenschaftler seit vielen Jahren an der „Flüssigbiopsie“ (liquid biopsy), die eine Krebserkrankung anhand einer einfachen Blutprobe nachweisen kann. Einige Tests, die auf verschiedene Substanzen als Biomarker abzielen, haben in Studien schon vielversprechende Ergebnisse geliefert.

Die Besonderheit der neuen Technik ist, dass wir Glykane mit einer so hohen Genauigkeit erfassen und unterscheiden können.

Prof. Paula Mendes, University of Birmingham

Zuckertest – künstliche Andockstellen für Glykane

Im Blick hatten die britischen Forscher um Prof. Paula Mendes die sogenannten Glykane. Das sind komplexe Zuckerverbindungen, bei denen mehrere Kohlenhydrate zu größeren Molekülen verknüpft sind. Diese Zucker heften sich im Blut an das Eiweiß „prostataspezifisches Antigen“ (PSA). Bekannt ist, dass sich die Glykane geringfügig verändern, wenn ein Mensch an Krebs erkrankt ist.

Es gibt eine Vielzahl von Glykanen, die bei unterschiedlichen Krebsarten eine Rolle spielen. Die britischen Forscher entwickelten jetzt eine Technik, mit der sich Zuckermoleküle mit hoher Genauigkeit nachweisen lassen. Sie verwendeten ein synthetisches Kohlenhydratmaterial, mit dem sie jeweils die „Gussform“ für ein spezielles Glykan herstellten. Diese passgenauen „Andockstellen“ fixierten sie dann auf einer Oberfläche, so dass anschließend nur jenes besondere Glykan daran binden konnte – aber keine anderen Substanzen. Diese Bindungsgerüste ließen sich für verschiedenste Glykane maßschneidern, so die Forscher.

Bluttest kann Glykane sicher identifizieren

„Die Besonderheit der neuen Technik ist, dass wir Glykane mit einer so hohen Genauigkeit erfassen und unterscheiden können“, erklärt Laura Mendes, die Hauptautorin der Studie. „An ein PSA-Molekül können sich zwar 56 verschiedene Zucker anheften, aber nur vier davon sind bei Prostatakrebs relevant. Unser Test kann diese vier mit hoher Sicherheit identifizieren“, so Mendes weiter. Die Anzahl der gefundenen Glykane könne nicht nur Hinweise darauf liefern, ob Prostatakrebs vorhanden sei, sondern auch, wie aggressiv oder weit fortgeschritten er ist.

Dr. David Montgomery, Forschungsdirektor von der Organisation Prostate Cancer UK, sagt: „Eine frühe und zuverlässige Diagnose von Prostatakrebs ist entscheidend, um die Behandlungen schonender ausfallen zu lassen und mehr Männer zu heilen“. Die Studie könne dazu beitragen, dass das Eiweiß PSA zukünftig eine gezieltere und genauere Möglichkeit sei, um Prostatakrebs festzustellen. Zudem ließen sich Rückschlüsse darauf ziehen, welche Männer eine rasche Behandlung bräuchten und wann eine abwartende Strategie möglich sei. Die Organisation Prostate Cancer UK hat die Studie finanziell unterstützt.

Um die Tauglichkeit ihres Zuckertests weiter zu überprüfen, wollen die Forscher bald Untersuchungen an Blutproben von Prostatakrebspatienten durchführen. Erst dann wird sich beweisen, ob der Zuckertest zukünftig eine Möglichkeit bei der Früherkennung von Prostatakrebs ist. Auch für andere Krebsarten wollen sie den Test weiterentwickeln, zum Beispiel für Eierstockkrebs. Von der Marktreife ist er aber noch ein großes Stück entfernt.

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PSA-Test und PSA-Screening – der Stand der Dinge

Derzeit setzen Ärzte bei der Früherkennung von Prostatakrebs neben anderen Untersuchungen auf den PSA-Test. Die Kosten dafür übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen nach wie vor nicht. Männer müssen ihn als Vorsorgeuntersuchung selbst bezahlen. Anders ist es, wenn Ärzte den Verdacht auf Prostatakrebs haben oder einen bestehenden Prostatakrebs überwachen und kontrollieren wollen. Dann bezahlen die Krankenkassen ihn.

Erst kürzlich hatte sich das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) in seinem Abschlussbericht wieder gegen ein PSA-Screening ausgesprochen. Das Institut versteht darunter, dass sich alle Männer ab einem gewissen Alter einem PSA-Test unterziehen – unabhängig von Grunderkrankungen und dem individuellen Risikoprofil. Das IQWIG will erst die Ergebnisse einer weiteren großen Studie abwarten, und dann die Empfehlungen eventuell anpassen – diese werden jedoch erst im Jahr 2028 erwartet. Bis dahin bleibt der PSA-Test eine Selbstzahlerleisung

Die deutschen und internationalen Fachgesellschaften sowie Selbsthilfeverbände kritisieren diese Entscheidung, weil sie den Begriff „Screening“ anders interpretieren. Sie favorisieren den risikoadaptierten PSA-Test statt eines flächendeckenden Screenings an gesunden Männern. Dabei berücksichtigen Ärzte immer mehrere Risikofaktoren, etwa einen erhöhter PSA-Ausgangswert im Alter von 40 oder 45 Jahren oder gehäuften Prostatakrebs in der Familie.

Der medizinische Nutzen des risikoadaptierten PSA-Tests sei als Baustein bei der Früherkennung von Prostatakrebs unbestritten, erklärt die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) in ihrer Stellungnahme. Männer sollten sich darüber bei Ihrem Urologen informieren.

Experten-Interview

Der Urologe Dr. Frank Schiefelbein erklärt im Interview, was ein risikoadaptierter PSA-Test ist und welche Vorteile er mit sich bringt »»

PSA-Test ist nicht immer zuverlässig

Der PSA-Test alleine ist nicht aussagekräftig genug. Es gibt viele Faktoren, die den PSA-Wert beeinflussen und in die Höhe klettern lassen. Beispiele sind Radfahren, Sex oder eine Prostataentzündung. Aufgrund des falsch-positiven Ergebnisse müssen sich Männer dann weiteren Untersuchungen unterziehen, etwa einer invasiven Stanzbiopsie. Umgekehrt zeigt der Test bei manchen Männern keinen erhöhten PSA-Wert an, obwohl sie Prostatakrebs haben. Sie erhalten ein falsch-negatives Ergebnis. Schon deshalb wäre ein neuer Test, der jederzeit zuverlässige Ergebnisse liefert, hilfreich – für Ärzte und die Männer.

 

Quellen