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Hormonentzug bei Prostatakrebs - fördert er Demenzen?

25. Juli 2019 | von Ingrid Müller

Bei hormonempfindlichem Prostatakrebs entziehen Ärzte dem Tumor das Testosteron - und stoppen so das Wachstum. Aber der Hormonentzug scheint auch das Risiko für Demenzen zu begünstigen, ergab eine US-Studie

Der Hormonentzug ist eine der wichtigsten Behandlungen für Männer mit fortgeschrittenem, hormonempfindlichem Prostatakrebs. Ihr bösartiger Tumor braucht Testosteron für sein Wachstum. Kommt das männliche Sexualhormon in geringeren Mengen im Körper vor, fehlt dem Prostatakrebs schließlich der „Treibstoff“ – er schreitet nicht weiter voran und Männer gewinnen Lebenszeit.

Eine Datenanalyse aus dem US-Krebsregister SEERS ergab jetzt jedoch, dass der Mangel an Testosteron das Risiko für die Alzheimer-Krankheit und andere Formen der Demenz erhöhen könnte. Die Ergebnisse der US-Studie wurden im renommierten Fachmagazin  JAMA veröffentlicht. „Ärzte müssen die Vorteile und Langzeitrisiken der Hormonentzugsbehandlung bei Männern mit einer längeren Lebenserwartung sorgsam abwägen“, schreiben die Autoren. Schon vor Beginn der Behandlung sollten sie bei ihren Patienten auch das Demenzrisiko in die Therapieplanung mit einbeziehen.

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Männer mit und ohne Hormonentzug bei Prostatakrebs

Ravishankar Jayadevappa von der Perelman School of Medicine an der University of Pennsylvania und Kollegen werteten die Daten von gut 154.000 Männern mit Prostatakrebs aus. Sie hatten ein Alter von 66 Jahren und aufwärts. Alle waren entweder an lokalem oder fortgeschrittenem Prostatakrebs erkrankt. Etwa 62.300 dieser Männer erhielten innerhalb von zwei Jahren nach ihrer Krebsdiagnose eine Hormonentzugstherapie. Die anderen Männer (ca. 91.700) nahmen keine Medikamente ein, die das Testosteron verminderten.

In den folgenden acht Jahren erkrankten knapp 28.000 Männer an einer Demenz. Die Mehrheit (rund 16.700 Männer) bekamen die Alzheimer-Krankheit. Dies ist die häufigste Form der Demenz und das Erkrankungsrisiko steigt ganz allgemein mit den Lebensjahren. Weil die Männer schon bei der Diagnose älter waren, hatten sie also prinzipiell auch ein höheres Risiko für Alzheimer.

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Alzheimer ist wahrscheinlicher, wenn Testosteron fehlt

Doch ein Blick in die Zahlen zeigte, dass Männer unter Hormonentzug die Diagnose Alzheimer deutlich häufiger traf: Etwa 13 Prozent im Vergleich zu gut neun Prozent ohne Entzug des Testosterons. In der Allgemeinbevölkerung liegt die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken, bei ungefähr zwölf Prozent.

Noch höher fielen die Erkrankungszahlen bei anderen Formen von Demenzen aus: Unter dem Hormonentzug erwischte die Demenz knapp 22 Prozent der Männer – ohne Testosteronmangel waren es nur ungefähr 16 Prozent.

Risiko Demenzen: „Langzeitrisiken mit Männern besprechen“

Einige Faktoren schränkten jedoch die Aussagekraft der Studienergebnisse ein, sagen die Forscher. So seien nicht bei allen Männern das genaue Stadium der Krebserkrankung sowie die Dosis und Dauer des Hormonentzugs bekannt gewesen.

Auch wenn die Studienergebnisse insgesamt nicht einheitlich sind – schon früher hatten kleinere Studien einen Zusammenhang zwischen dem Hormonentzug und einer Demenz vermuten lassen. „Ärzte müssen ihre Aufmerksamkeit stärker auf die potenziellen kognitiven Effekte des Hormonentzugs richten – und diese Langzeitrisiken auch mit ihren Patienten besprechen“, erklärt Ravishankar Jayadevappa, der Hauptautor der Studie.

Und der Urologe und Co-Autor der Studie, Thomas Guzzo, sagt: „Ich denke, wir müssen uns jeden Patienten individuell ansehen. Sicherlich gibt es Männer, die einen Hormonentzug brauchen und besonders davon profitieren.“ Aber es gebe auch andere, bei denen der Nutzen nicht ganz so klar sei. „Und bei diesen müssen wir die Risiken der Antihormontherapie stärker in Betracht ziehen und gegenüber den Vorteile der Prostatakrebsbehandlung abwägen.“ Dies geschehe am besten über den Prozess der gemeinsamen Entscheidungsfindung, des Shared Decision Making, so Guzzo weiter. Ob ein Mann sich für den Hormonentzug entscheide, hänge von der Schwere der Krebserkrankung, aber auch von seinen persönlichen Wünschen ab.

Wie hängen Demenzen und Hormonentzug zusammen?

Als nächstes wollen die Forscher die biologischen Mechanismen aufspüren, wie genau der Hormonentzug die Entwicklung einer Demenz begünstigen könnte. Das Fehlen des Testosterons könnte einige Risikofaktoren für Alzheimer und andere Demenzen erhöhen, schreiben die Forscher. Beispiele seien Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depression oder ein Verlust der Magermasse des Körpers. Eine weitere Vermutung ist, dass der Testosteronmangel das Wachstum und die Regeneration von Nervenzellen beeinflusst. Dies geschieht, indem sich gefaltete beta-Amyloid-Eiweiße im Gehirn ansammeln, die als Mitverursacher von Alzheimer gelten.

Hormonentzug bei Prostatakrebs – unerwünschte Wirkungen

Der Hormonentzug bremst zwar den Prostatakrebs wirkungsvoll, besitzt aber – wie jedes Medikament – einige Nebenwirkungen. Folgende unerwünschte Wirkungen sind möglich:

  • Verlust der Libido und Erektile Dysfunktion
  • Zeugungsunfähigkeit
  • Hitzewallungen, Schweißausbrüche
  • Muskelabbau, Gewichtszunahme
  • Brustschmerzen, Brustwachstum (Gynäkomastie)
  • Knochenschwund
  • kognitive Störungen: Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis

 

Quellen

  • Ravishankar Jayadevappa et al. Association Between Androgen Deprivation Therapy Use and Diagnosis of Dementia in Men With Prostate Cancer, JAMA Netw Open. 2019; 2(7):e196562. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2019.6562, 3. Juli 2019, https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2737101
  • Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/prostatakrebs/behandlung-antihormontherapie.php (Abruf: 25.7.2019)