Strahlentherapie bei Prostatakrebs: Bestrahlung von außen

01. Juni 2018 | von Ingrid Müller

Die Radiotherapie bekämpft Krebszellen in der Prostata mit der Kraft von Strahlen. Lesen Sie, wie die Strahlentherapie bei Prostatakrebs abläuft, welche Vor- und Nachteile sie hat und mit welchen Nebenwirkungen Sie rechnen müssen!

Die Strahlentherapie bei Prostatakrebs ist eine wichtige Behandlungsmöglichkeit, die Ärzte schon seit vielen Jahren erfolgreich anwenden. Männer mit einem frühen Prostatakarzinom haben gute Chancen, dass sich ihr bösartiger Tumor vollständig vertreiben und dauerhaft heilen lässt. Empfohlen ist die Bestrahlung (Radiotherapie) für Männern mit lokal begrenztem Prostatakrebs aller Risikogruppen, der noch nicht in andere Organe gestreut und Metastasen gebildet hat. Daneben profitieren auch Männer mit einem lokal fortgeschrittenen Prostatakrebs von der Bestrahlung, deren Tumor sich schon weiter ausgebreitet hat. Dann kombinieren Ärzte sie meist mit einer Hormontherapie. Auch für Männer mit fortgeschrittenem Prostatakrebs ist die Strahlenbehandlung eine Möglichkeit. Sie lindert Beschwerden, die der Prostatatumor verursacht, zum Beispiel Schmerzen bei Knochenmetastasen.

Ob eine Bestrahlung, Operation (radikale Prostatektomie)aktive Überwachung (active surveillance) oder kontrolliertes Abwarten (watchful waiting) für Sie die richtige Therapieentscheidung ist, besprechen Sie immer mit Ihrem Arzt. Die Wahl der Therapie hängt vom Stadium und der Aggressivität Ihres Tumors, aber auch von Ihrem Alter, bestehenden Erkrankungen und Ihrem körperlichen Allgemeinzustand ab.

Wie wirkt die Strahlentherapie bei Prostatakrebs?

Bei der Bestrahlung setzen Strahlenspezialisten (Radiologen) gezielt hochenergetische, elektromagnetische Strahlung gegen die Krebszellen ein. Gesundes Gewebe versuchen sie, so gut wie möglich zu schonen. Die Strahlen schädigen das Erbgut der Tumorzellen, die DNA. Im Gegensatz zu gesunden Zellen können Krebszellen diese Schäden aber nicht mehr reparieren – sie können sich nicht mehr teilen und sterben ab. Die Wirksamkeit und Heilungschancen, aber auch die Nebenwirkungen der Strahlenbehandlung sind mit jenen einer Operation vergleichbar.

Welche Arten von Bestrahlung bei Prostatakrebs gibt es?

Radiologen unterscheiden prinzipiell zwei Möglichkeiten, wie sie die Strahlen verabreichen und gegen das Krebsgewebe richten:

Bestrahlung von außen

Die Bestrahlung von außen durch die Haut heißt auch perkutane Radiotherapie.Diese Art der Strahlentherapie bei Prostatakrebs ist am besten erprobt.

Bestrahlung von innen

Die Bestrahlung von innen heißt Brachytherapie. Dabei verabreichen Ärzte entweder höhere Strahlendosen (High-Dose-Rate) oder niedriger Strahlendosen (Low-Dose-Rate). Abgekürzt beißen beide Varianten HDR-Brachytherapie und LDR-Brachytherapie.

Mittlerweile gibt es einige Weiterentwicklungen bei der perkutanen Strahlentherapie. Ein Beispiel ist die „intensitätsmodulierte Radiotherapie“, abgekürzt IMRT. Auch hier bestrahlen Radiologen den Tumor aus verschiedenen Richtung, variieren jedoch die Strahlungsintensität innerhalb der verschiedenen Bestrahlungsfelder. Sie ist also von Ort zu Ort verschieden. So versuchen Ärzte, umliegende Organe und Gewebe noch besser zu schonen.

Eine andere Variante ist die bildgestützte Radiotherapie mit dem Kürzel IGRT. Radiologen machen direkt vor der eigentlichen Bestrahlung und immer wieder zwischendurch CT-Bildaufnahmen. So können sie auf die Lage, Füllung oder Verschiebung von Organen direkt reagieren und die Bestrahlung anpassen. IMRT und IGRT sind zwar noch präziser, aber auch aufwändiger.

Wie läuft die Strahlentherapie bei Prostatakrebs ab?

Die Strahlentherapie ist eine nuklearmedizinische Methode, die gegen verschiedensten Krebsarten zum Einsatz kommt. Beispiele sind Brustkrebs, Darmkrebs, Lungenkrebs oder Prostatakrebs.

  • Ein Linearbeschleuniger erzeugt hochenergetische, elektromagnetische Strahlen und richtet sie von mehreren Seiten präzise auf die kranke Prostata.
  • Die Bestrahlung selbst haben Sie auf der Behandlungsliege schnell überstanden – sie dauert nur wenige Sekunden bis Minuten.
  • Auch sind Sie nach der Bestrahlung nicht radioaktiv belastet, wie viele bei einer nuklearmedizinischen Methode annehmen. Sie sind daher keine „strahlende Gefahr“ für Angehörige und Freunde!
  • Und: Auch wenn Sie alleine im Bestrahlungsraum sind – das Personal hat ein waches Auge auf Sie und spricht mit ihnen. Ängstigen müssen Sie sich also nicht!

Strahlentherapie will gut geplant sein!

Eine Strahlenbehandlung funktioniert nicht auf die Schnelle, sondern benötigt eine genaue Planung! Für jeden Patienten tüfteln Radiologen einen individuellen Behandlungsplan aus. Zuerst bilden sie die Prostata mit Hilfe der Computertomografie (CT) – einem Röntgenverfahren – genau ab. Dann bestimmen sie jenen Bereich der Prostata, den die Strahlen mit voller Wucht treffen sollen, und errechnen per Computer die persönliche Strahlendosis. Die Einheit für die Strahlendosis heißt „Gray“ (abgekürzt Gy). Ziel ist es immer, umliegendes gesundes Gewebe möglichst gut zu schonen.

Strahlen nur in kleinen „Häppchen“

Radiologen verabreichen die errechnete Strahlendosis deshalb niemals auf einmal, sondern in einzelnen Sitzungen über mehrere Wochen (meist sechs bis neun) verteilt, also in kleinen „Portionen“. Die Gesamtdosis sollte bei alleiniger Bestrahlung von außen nicht höher als 74 bis 80 Gray betragen. Sonst steigt das Risiko für Nebenwirkungen.

Wer einen Prostatakrebs mit niedrigem Risiko hat, fährt womöglich mit einer niedrigeren Strahlendosis besser. Der größere Nutzen eine erhöhten Strahlendosis wiegt womöglich die stärkeren Nebenwirkungen nicht auf. Eine Rolle bei dieser Entscheidung spielen das Alter oder bestehende Erkrankungen, die den körperlichen Allgemeinzustand verschlechtern. Allgemein bestrahlen Ärzte derzeit nur die Prostata. Ob die zusätzliche Bestrahlung der Lymphabflusswege im Becken Männern weitere Vorteile bringt, ist noch unklar – daher ist sie nicht empfohlen.

Besprechen Sie immer gemeinsam mit Ihrem Arzt, welche Chancen und Risiken eine Bestrahlung bedeuten. Wägen Sie sämtliche Argumente gut gegeneinander ab – erst dann entscheiden Sie!

Strahlentherapie bei Prostatakrebs: Vor- und Nachteile

Ein Vorteil der Bestrahlung liegt sofort auf der Hand: Männer müssen sich keiner Operation unterziehen. Ein chirurgischer Eingriff ist immer mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden, zum Beispiel Blutungen oder Wundinfektionen. Häufig leiden Männer nach einer Prostata-Operation an Inkontinenz oder Impotenz (Erektile Dysfunktion), weil der Operateur Nerven verletzt hat. Auch Wasseransammlungen im Gewebe (Lymphödeme) sind keine Seltenheit. Zudem sind Männer nach der Entfernung der Prostata zeugungsunfähig. Besonders für jüngere Männer, die eine Familie planen, ist dies ein wichtiges Argument.

Der Nachteil ist, dass Sie für die Strahlentherapie bei Prostatakrebs einen langen Atem und Geduld brauchen. Im Gegensatz zur Prostata-Op ist die Behandlung nämlich nicht innerhalb weniger Tage erledigt. Vielmehr müssen Sie fünfmal wöchentlich über sechs bis neun Wochen in die Klinik zur Bestrahlung fahren. Die Behandlung erfolgt ambulant und Sie können nach der Therapie wieder nach Hause gehen. Vor allem für Männer, die auf dem Land leben und längere Anfahrtswege haben, ist dies mit einigem Zeitaufwand verbunden. Problematisch ist die Anreise auch, wenn Sie gesundheitlich schlecht beieinander sind.

Nebenwirkungen der Bestrahlung bei Prostatakrebs

Wie die Operation besitzt auch die Strahlentherapie einige Nebenwirkungen, die sich auf den Alltag und die Lebensqualität negativ auswirken können. Diese können sich kurz nach der Behandlung entwickeln und wieder abklingen. Manche Einschränkungen bleiben jedoch dauerhaft bestehen oder treten erst Jahre danach als Spätfolgen auf.

Sofortige Nebenwirkungen der Bestrahlung

  • Rötungen der Haut im bestrahlten Gebiet
  • Darmbeschwerden: Durchfälle, Entzündungen der Darmschleimhaut, Darmblutungen
  • Probleme mit der Harnblase: Die Strahlen lösen Entzündungen an den Schleimhäuten in der Blase und Harnröhre aus; die Folge ist ein verstärkter Harndrang, der sehr unangenehm werden und die Alltagsaktivitäten einschränken kann.

Spätfolgen der Strahlentherapie bei Prostatakrebs

Impotenz (Erektile Dysfunktion)

Manche Männer entwickeln nach dem Ende der Bestrahlung eine Erektile Dysfunktion. Sie sind dann nicht mehr in der Lage, eine Erektion zu bekommen oder aufrechtzuerhalten. Dieses Risiko steigt, wenn Sie zusätzlich zur Strahlentherapie eine Hormonentzugsbehandlung erhalten. Es gibt aber Behandlungen, die dennoch einen weitgehend normalen Sex ermöglichen.

Inkontinenz

Einige Männer leiden nach der Strahlentherapie unter Inkontinenz – dabei geht der Harn unkontrolliert ab, was die meisten Männer als äußerst unangenehm empfinden. Die Inkontinenz kann jedoch unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Die einen leiden nur unter dem Harnverlust, wenn sie starken Druck auf die Blase ausüben, etwa beim Husten oder Niesen. Andere Männer sind dagegen dauerhaft inkontinentAlles über die Inkontinenz-Therapie lesen Sie hier!

Chronische Darmbeschwerden

Manchmal klingen die Entzündungen im Darm nicht wieder ab, sondern bleiben dauerhaft bestehen. Auch der Durchfall kann zum ständigen Problem werden, mit dem Männer zu kämpfen haben.

Prostatakrebs: Ist die Protonentherapie eine Alternative zur Bestrahlung?

Die „normale“ Strahlentherapie bei Prostatakrebs nutzt hochenergetische, elektromagnetische Strahlen. Anders die sogenannte Protonentherapie: Dabei beschießen Radiologen das Krebsgewebe der Prostata mit positiv geladenen Wasserstoffatomkernen, sogenannten Protonen. Derzeit liegen aber noch keine ausreichenden Beweise dafür vor, dass die Protonentherapie tatsächlich wirksam ist. Allerdings führen Forscher zurzeit eine Studie zur Wirksamkeit durch, deren Ergebnisse erst in einigen Jahren zu erwarten sind. Die Protonentherapie scheint einigen Untersuchungen zufolge ähnliche Nebenwirkungen auf den Harn- und Darmtrakt zu besitzen wie die herkömmliche Strahlenbehandlung bei Prostatakrebs.

 

Quellen

  • Interdisziplinäre S3-Leitlinie der zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms, April 2018
  • Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG), www. Gesundheitsinformation.de (Abruf: 1.6.2018)
  • Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), www.krebsinformationsdienst.de (Abruf: 1.6.2018)
  • Deutsche Krebsgesellschaft e.V., www.krebsgesellschaft.de (Abruf: 1.6.2018)
  • Deutsche Krebshilfe, Blaue Ratgeber „Strahlentherapie“, https://www.krebshilfe.de/fileadmin/Downloads/PDFs/Blaue_Ratgeber/053_0116.pdf