Hormontherapie bei fortgeschrittenem Prostatakrebs

13. Juni 2018 | von Ingrid Müller

Hat der Krebs bereits Metastasen gebildet, ist eine Hormonbehandlung Standard. Die wichtigsten Fragen und Antworten rund um Therapiemöglichkeiten, Nebenwirkungen und Wirkung.

Ärzte setzen die Hormontherapie ein, wenn der Prostatakrebs schon fortgeschritten ist. Er ist dann nicht mehr lokal auf die Prostata begrenzt, sondern hat schon schon in die Lymphknoten oder andere Organe gestreut. Krebsabsiedelungen oder Metastasen sagen Mediziner dazu. Der Prostatakrebs lässt sich nicht mehr mittels Operation oder Strahlentherapie entfernen oder zerstören. Ärzte müssen den gesamten Körper behandeln, weil sich der Krebs an mehrere Stellen des Körpers befindet.

Hormontherapie bremst Prostatakrebs

Die Standardtherapie in diesem Fall ist Hormontherapie. Dabei entziehen Ärzte dem Körper das männliche Geschlechtshormon Testosteron oder blockieren seine Wirkung. Unter diesem Einfluss dieses Hormons wächst nämlich der Prostatakrebs. Die Hormontherapie kann die Krebserkrankung oft Monate oder sogar Jahre ausbremsen. Ärzte setzen sie entweder als alleinige Therapie ein oder kombinierien sie mit anderen Krebsbehandlungen: der Operation, Bestrahlung und anderen Medikamenten, etwa einer Chemotherapie.

Studien haben gezeigt, dass die Kombination aus Hormon- und Chemotherapie dem alleinigen Hormonentzug überlegen ist.

Dr. Frank Schiefelbein

Facharzt für Urologie

Die Hormonbehandlung ist auch eine Möglichkeit, wenn noch keine Metastasen vorhanden sind, aber der Prostatakrebs örtlich (lokal) schon fortgeschritten ist. Manchmal spricht der allgemeine Gesundheitszustand eines Mannes gegen eine Operation oder Bestrahlung.

Die Hormontherapie bei Prostatakrebs ist eine sogenannte palliative Behandlung. Das heißt: Sie zielt nicht auf Heilung des Krebses ab. Sie soll jedoch die Krankheit aufhalten, das Leben verlängern und Beschwerden zu lindern. Diese Ziele sind mit der Hormontherapie bei Prostatakrebs oft gut zu erreichen.

Wie wirkt die Hormontherapie?

Prostatakrebszellen benötigen das männliche Sexualhormon Testosteron für ihr Wachstum. Entziehen Ärzte den Tumorzellen diesen Botenstoff, lässt sich die Krebserkrankung wirksam bremsen. Manchmal verkleinert sich der Tumor sogar wieder und der Prostatakrebs schreitet über Jahre nicht fort.

Auch gesunde Zellen der Prostata besitzen Andockstellen (Rezeptoren) für Testosteron auf ihrer Oberfläche. Heftet sich der Botenstoff dort an, startet in der Zelle eine Kettenreaktion – und diese führt schließlich zu einer verstärkten Zellteilung. Die Krebszellen sind so umprogrammiert, dass sie sich unkontrolliert und ungebremst teilen. Unter dem Einfluss des Testosterons wachsen sie immer weiter. Schließlich ist auch das umliegende Gewebe betroffen und später – im Falle einer Metastasierung – auch andere Stellen des Körpers, zum Beispiel die Knochen. Fehlt das Sexualhormon Testosteron, wird das Zellwachstum im gesamten Körper gebremst.

Video: Hormonentzug und Chemotherapie

Welche Arten von Hormontherapie gibt es?

Prinzipiell haben Ärzte zwei Möglichkeiten, um gegen das Testosteron vorzugehen:

  • Sie unterdrücken die Produktion des Testosterons (Hormonentzugsbehandlung)
  • Sie blockieren die Wirkung des Testosterons in der Zelle mit Medikamenten (Antiandrogene)

Hormonentzugstherapie

Ein Hormonentzug sorgt dafür, dass Testosteron erst gar nicht gebildet wird. Dies geschieht auf zwei Wegen:

Operative Kastration

Vor allem die Hoden bilden das Testosteron. Früher entfernten Mediziner einfach einen Großteil des Hodengewebes operativ, um die Produktion des Geschlechtshormons zu stoppen. Diese operative Kastration führen Ärzte heute nur noch selten durch. Denn für die Männer ist sie eine enorme psychische Belastung. Sie lässt sich zudem nicht rückgängig machen. Es gibt gute Alternativen zur operativen Kastration.

Medikamentöse Kastration

Medikamente können dafür sorgen, dass die Hoden kein Testosteron mehr bilden. Ärzte setzen dafür sogenannte LHRH-Analoga oder auch GnRH-Analoga ein. Die Arzneien wirken auf die Hirnanhangdrüse (Hypophyse), welche die Produktion des Testosterons steuert. Häufig eingesetzte Wirkstoffe sind beispielsweise Goserelin oder Leuprorelin.

Anfangs kurbeln LHRH-Analoga die Testosteronproduktion an, erst nach und nach kommt sie zum Erliegen. Daher kombinieren Mediziner diese Medikamente in den ersten Wochen mit einem anderen Wirkstoff, der die Testosteronwirkung an der Krebszelle aufhebt. Antiandrogene heißen diese Medikamente.

Ähnlich wie LHRH-Analoga wirken sogenannte LHRH-Antagonisten oder auch GnRH-Antagonisten. Sie heißen zum Beispiel Abarelix oder Degarelix.

Sowohl die LHRH-Analoga als auch die LHRH-Antagonisten werden als Spritzen verabreicht – je nach Präparat in Abständen von einem oder mehreren Monaten.

Eine Hormonentzungstherapie hat einige Nebenwirkungen. Das gilt sowohl für die operative als auch die medikamentöse Kastration. Denn das Testosteron steuert nicht nur das Wachstum von Prostatazellen, sondernist noch an vielen anderen Prozessen im männlichen Körper beteiligt. Die Nebenwirkungen können den Wechseljahrsbeschwerden bei Frauen ähneln. Beispiele sind:

  • Hitzewallungen
  • Antriebsschwäche
  • depressive Stimmung
  • Libidoverlust
  • Erektionsstörungen
  • Abnahme der Knochendichte (Osteopenie) bis hin zum Knochenschwund (Osteoporose)
  • Verlust von Muskelmasse
  • Gewichtszunahme
  • Brustschmerzen und Brustvergrößerung

Ob diese Nebenwirkungen auftreten und wie stark sie ausfallen, ist von Mann zu Mann verschieden. Dem Risiko einer Osteoporose und dem Muskelabbau können Sie zum Beispiel durch Sport entgegenwirken. Einige andere Nebenwirkungen lassen sich mit Medikamenten behandeln. Sprechen Sie immer mit Ihrem Arzt darüber!

Antiandrogene

Im Gegensatz zum Hormonentzug unterbinden Antiandrogene nicht die Testosteronproduktion. Vielmehr blockieren diese Medikamente die Wirkung des männlichen Geschlechtshormons an den Prostatakrebszellen. Antiandrogene haben zwar weniger Nebenwirkungen als die Hormonentzugstherapie, wirken jedoch auch schwächer. Ärzte empfehlen die Behandlung mit Antiandrogenen nur in bestimmten Fällen. Sie kommen vor allem für Männer mit Prostatakrebs in Frage, die noch keine Metastasen entwickelt haben. Die Medikamente nehmen Sie als Tabletten ein.

Wann sollte die Hormontherapie beginnen?

Die Hormontherapie ist mit einigen Nebenwirkungen verbunden. Sie ist deshalb nicht unbedingt sinnvoll, solange der Prostatakrebs keine Beschwerden verursacht. Ärzte geben deshalb folgende Empfehlungen:

  • Männer mit metastasiertem Prostatakarzinom, die unter Beschwerden leiden, sollen eine Hormonentzugsbehandlung bekommen.
  • Männern, die keine Beschwerden haben, können Ärzte die Hormontherapie anbieten. Besprechen Sie immer mit Ihrem behandelnden Arzt alle Vor- und Nachteile der Behandlung. Wägen Sie Nutzen und Risiken gut gegeneinander ab.

Wenn die Hormonentzugstherapie nicht mehr wirkt

Bekannt ist, dass die Hormonentzugstherapie nicht dauerhaft wirkt. Irgendwann wachsen die Krebszellen auch ohne den Einfluss von Testosteron. Mediziner sprechen von einem „kastrationsresistenten Prostatakrebs“. Wie schnell dies geschieht, ist individuell verschieden und lässt sich nicht genau vorhersagen. Es hängt unter anderem davon ab, wie aggressiv und schnellwachsend der Prostatakrebs ist. Im Schnitt sind Prostatakarzinome nach 1,5 bis 2,5 Jahren kastrationsresistent.

Manchmal schreitet der Prostatakrebs trotz einer Hormonbehandlung fort. Ärzte verfügen über verschiedene andere Medikamente, mit denen sie den Krebs behandeln können. Spezialisten verschiedener Fachrichtungen beraten meist gemeinsam, wie sie eventuelle Beschwerden am besten in den Griff bekommen. Dazu gehören beispielsweise Schmerzen, Knochenveränderungen oder Müdigkeit. Drei verschiedene Therapiemöglichkeiten gibt es, wenn der kastrationsresistente Tumor Beschwerden verursacht:

  • Docetaxel: Es ist ein Zellgift (Zytostatikum), das Ärzte im Rahmen einer Chemotherapie verabreichen
  • Abirateron: Das Medikament blockiert die Testosteronwirkung im gesamten Körper
  • Radium 223: Die radioaktive Substanz lagert sich in den Knochen ein und bekämpft dort Knochenmetastasen

Oft lässt sich durch diese Krebsbehandlungen eine gute Lebensqualität erzielen. Viele Männer können ihren Alltag weiterhin gut bestreiten.

 

Quellen

  • Interdisziplinäre S3-Leitlinie der zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms, Stand: April 2018
  • Deutsche Krebshilfe, Blauer Ratgeber „Prostatakrebs“: https://www.krebshilfe.de/fileadmin/Downloads/PDFs/Blaue_Ratgeber/017_0116.pdf
  • Patienten-Informationen der Deutschen Krebsgesellschaft: https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/krebsarten/prostatakrebs/therapie/behandlung-im-fortgeschrittenen-stadium.html (Abruf: 13.6.2018)