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Shared Decision Making (SDM) – gemeinsam entscheiden bei Krebs

12. Februar 2026 | von Ingrid Müller - Chefredakteurin, aktualisiert und medizinisch geprüft

Shared Decision Making (SDM) bedeutet, dass Sie mit Ihren Ärztinnen und Ärzten eng zusammenarbeiten. Gemeinsam entscheiden alle über Diagnosemethoden und Behandlungen, zum Beispiel bei einer Krebserkrankung wie Prostatakrebs.

Kurzübersicht

  • Was ist Shared Decision Making? SDM bedeutet gemeinsame (partizipative) Entscheidungsfindung, Gespräche über Diagnosemethoden und Behandlungen finden gleichberechtigt auf Augenhöhe statt
  • Wie funktioniert SDM? Patienten und Patientinnen sind an allen Entscheidungsprozessen beteiligt, gute kommunikative Fähigkeiten der ärztlichen Fachleute sind gefragt
  • Wie läuft es ab? Laienverständliche Informationen über Krankheit, Behandlungen und Alternativen, Entscheidungshilfen geben, alles gemeinsam abwägen, Entscheidung treffen oder vertagen, Plan erstellen
  • Vorteile: mehr Vertrauen, Wissensgewinn, Teilhabe,  Autonomie, Kontrolle, Therapietreue und eventuell auch bessere Gesundheit
  • Herausforderungen: Entscheidungshilfen nicht für alle Krankheitsbilder verfügbar, noch keine flächendeckende Umsetzung – oft wegen Zeitmangel, Trainingsmöglichkeiten für Ärztinnen und Ärzte

Was ist Shared Decision Making?

Shared Decision Making (SDM) ist ein patientenzentrierter und noch relativ neuer Kommunikationsansatz in der Medizin. Dabei sprechen Ärztinnen und Ärzte mit ihren Patienten und Patientinnen auf Augenhöhe und handeln auch so. Gemeinsam diskutieren sie zum Beispiel die Vor- und Nachteile von Untersuchungen und Therapien , legen sie fest und verantworten sie anschließend zusammen. Der Entscheidung über eine medizinische Maßnahme geht also ein Dialog zwischen zwei gleichberechtigten Parteien voraus. Shared Decision Making lässt sich daher als gemeinsame, partizipative oder partnerschaftliche Entscheidungsfindung übersetzen.

Beim SDM nehmen Sie eine aktivere Rolle als bisher ein. Sie übernehmen mehr Eigenverantwortung und sind ein zentraler Teil des Entscheidungsprozesses. Nicht nur Kriterien wie die fachliche Expertise, medizinische Wirksamkeit einer Diagnosemethode oder Behandlung fließen in die Entscheidung mit ein, sondern auch Ihre persönlichen Ziele, Wünsche, Werte, Überzeugungen, Präferenzen und Ihre Lebenssituation. Am Ende des strukturierten Kommunikationsprozesses steht eine Entscheidung, die informiert und wertebasiert ist und gemeinsam getragen wird. Sie geben also die Verantwortung nicht an Ihr Behandlungsteam ab, sondern teilen sie miteinander. 

SDM auf einen Blick:

  • Partnerschaft und Augenhöhe zwischen Behandelnden, Patientinnen und Patienten.
  • Verständliche Informationen über Untersuchungen und Behandlungen, Nutzen und Risiken.
  • Persönliche Werte, Präferenzen, Überzeugungen und Lebenssituation erfahren Berücksichtigung.
  • Gemeinsame Verantwortung für die getroffenen Entscheidungen.

Wie funktioniert SDM?

SDM bedeutet, dass Sie an allen wichtigen Entscheidungsprozessen beteiligt sind. Die Bertelsmann Stiftung fand in einer Umfrage heraus, dass viele Patientinnen und Patienten das sehr gut finden: Mehr als die Hälfte (55 Prozent) der Befragten gab an, an der Entscheidungsfindung bei Untersuchungen und Behandlungen teilhaben zu wollen. Der „Mitmach-Patient“ ist also inzwischen gefragt.

Allerdings geht es nicht darum, dass Sie genauso kompetent sind wie Ihre Ärztinnen oder Ärzte. Das können Sie auch gar nicht, denn medizinische Fachpersonen haben Ihnen ein langjähriges Medizinstudium voraus. Vielmehr erhalten Sie – in laienverständlicher Form – sämtliche Informationen von Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin, die für Ihre persönliche Entscheidungsfindung wichtig sind. 

Für das SDM sollten Ärztinnen und Ärzte:

  • besondere kommunikative Fähigkeiten mitbringen/erlernen und einen guten Kommunikationsstil pflegen.
  • zugewandt, freundlich und verständnisvoll mit Ihnen sprechen.
  • Ihre persönlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten zum Verständnis medizinischer Sachverhalte und Zusammenhänge berücksichtigen. Medizinische Fachausdrücke sind für Laien in der Regel unverständlich.

 

Wie läuft das Shared Decision Making ab? 

Die partizipative Entscheidungsfindung ist ein strukturierter, kommunikativer Prozess, der verschiedene Schritte beinhaltet:

Informationen vermitteln

Der Arzt oder die Ärztin erklärt Ihnen Ihre Diagnose und Krankheit, zum Beispiel Prostatakrebs. Dies geschieht laienverständlich und möglichst ohne medizinische Fachbegriffe. Sie sollten alle Informationen gut verstehen können. Fragen Sie immer nach, wenn Ihnen etwas unklar ist. 

Sie können außerdem selbst alle Fragen stellen, die Ihnen durch den Kopf gehen oder auf dem Herzen liegen. Teilen Sie außerdem Ihre Gedanken, Sorgen, Ängste und Nöte, aber auch Ihre Wünsche, Ziele oder Erwartungen mit. Umgekehrt darf der Arzt oder die Ärztin Ihnen ebenfalls dazu Fragen stellen, um herauszufinden, welche Therapie am besten zu Ihnen passt.

Möglichkeiten diskutieren und abwägen

Sie erhalten Informationen über  alle Behandlungsmöglichkeiten und deren Alternativen. Diskutiert werden außerdem die Vor- und Nachteile, der Nutzen und mögliche Risiken. Medizinische Vorschläge zu Diagnosemethoden und Behandlungen basieren in der Regel auf den Richtlinien der Schulmedizin (sog. „evidence based medicine“ oder evidenzbasierte Medizin). In den medizinischen Leitlinien, zum Beispiel zu Prostatakrebs, ist das derzeit beste verfügbare Wissen zu Diagnoseverfahren und Therapien bei einer Erkrankung festgehalten. Im Rahmen klinischer Studien wurde ihre Wirksamkeit nachgewiesen. 

Entscheidungshilfen nutzen

Tipp!

Auf der Website Share to Care finden Sie Entscheidungshilfen – auch zu Prostatakrebs und möglichen Behandlungen

Sie erhalten von Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin Entscheidungshilfen. Das sind strukturierte Informationsmaterialien, die Sie im Entscheidungsprozess unterstützen sollen. Patienteninformationen gibt es zum Beispiel als Broschüren, Videos oder digitale Werkzeuge (Tools). Zu Prostatakrebs bieten auch die Krebsberatungsstellen wie die Deutsche Krebsgesellschaft, das Deutsche Krebsforschungszentrum oder die Deutsche Krebshilfe weiterführende Informationen an. 

In die Entscheidungsfindung fließen auch Ihre individuellen Lebensumstände, Präferenzen, Werte und Wünsche mit ein. Die Entscheidungshilfen sind eine Ergänzung zum Gespräch mit Ihrem Behandlungsteam, kein Ersatz. 

Entscheidung treffen oder vertagen

Jetzt loten Sie gemeinsam mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin alle Möglichkeiten aus, wägen alle Fakten und Argumente gut gegeneinander ab und treffen dann eine Entscheidung im Team. Sie können Ihren Entschluss aber auch noch vertagen. Am Ende aller Überlegungen sollte jedenfalls ein Plan stehen, den Sie zusammen mit Ihrem Behandlungsteam umsetzen.

Welche Vorteile hat die gemeinsame Entscheidungsfindung?

Mehrere Studien haben nachgewiesen, dass das Shared Decision Making einige Vorteile und positive Effekte besitzt. Einige Beispiele:

  • SDM kann das Vertrauen in die eigenen Entscheidungen und die Autonomie stärken. Es kann dabei mithelfen, die Kontrolle über die Erkrankung und das eigene Leben ein Stück weit wiederzugewinnen.
  • Wenn Sie sich ernstgenommen und respektiert fühlen, kann sich das auf Ihre Patientenzufriedenheit auswirken.
  • Die partizipative Entscheidungsfindung kann zu einem Wissensgewinn und mehr Teilhabe beitragen.
  • SDM kann einen Beitrag leisten, dass Ihre Erwartungen realistischer sind. Überzogenen Hoffnungen oder unbegründeten Ängsten kann SDM entgegenwirken. 
  • Eine gelungene Kommunikation zwischen Ihnen und Ihrem Behandlungsteam kann sich eventuell  positiv auf die Gesundheit auswirken und vielleicht auch Komplikationen vermeiden. Allerdings ist dies wissenschaftlich noch nicht ausreichend nachgewiesen.
  • Ist der Dialog vertrauensvoll, halten sich Patienten und Patientinnen viel häufiger an die ärztlichen Empfehlungen und zeigen eine größere Therapietreue. Wer nicht hinter seiner Therapie steht, neigt eher dazu, sie nicht konsequent durchzuführen oder sie sogar abzubrechen. Adhärenz oder (engl.) Compliance sind die Begriffe für die Therapietreue. 

 

Dass Ärzte und Ärztinnen ihren Patienten von oben herab (paternalistisch) Behandlungen verordnen, gehört meist der Vergangenheit an. Früher galten sie als „Götter in Weiß“, welche die alleinige Autorität hatten. Ohne Mitsprache ihrer Patienten und Patientinnen entschieden sie über die Therapie, die sie für am besten hielten. Das Ergebnis war, dass viele ihre Medikamente in der Schublade verschwinden ließen und sie nicht einnahmen, weil sie den Sinn und Zweck der Behandlung nicht einsahen. Die Adhärenz war in vielen Fällen gering. 

Außerdem hat sich das Informationsverhalten in den letzten Jahren grundlegend gewandelt. Es gibt inzwischen viele Möglichkeiten, um sich über Diagnosemethoden und Therapien zu informieren. Patientenverständliche Informationen sind heute auf vielen Webseiten im Internet frei zugänglich. Viele Menschen befragen vor oder nach einem Arztbesuch ohnehin Dr. Google oder inzwischen die Künstliche Intelligenz (KI), zum Beispiel ChatGPT. Allerdings bringen beide nicht immer zufriedenstellende und medizinisch korrekte Ergebnisse. Viele Menschen sind heute aufgrund der vielfältigen Informationsmöglichkeiten deutlich kompetenter, was ihr jeweiliges Gesundheitsproblem oder ihre Krankheit angeht. Somit können sie auch besser eine mündige, informierte Entscheidung treffen. 

Herausforderungen bei SDM

Dennoch gibt es beim Shared Decision Making in der Onkologie und in anderen Fachgebieten der Medizin noch einige Herausforderungen und Verbesserungsbedarf. Einige Punkte:

  • Strukturierte medizinische Entscheidungshilfen sind bisher nicht für alle Krankheitsbilder verfügbar.
  • Es muss ausreichend Trainingsmaßnahmen für Ärztinnen und Ärzte geben, in dem Sie das Shared Decision Making erlernen können. 
  • In Kliniken und Arztpraxen wird SDM oft noch nicht ausreichend umgesetzt (es gibt aber einige Modellprojekte, zum Beispiel in Bayern). Ein möglicher Grund ist Zeitmangel. Viele Ärztinnen und Ärzte haben einen hektischen klinischen Alltag und oft nur wenig Zeit für ausführliche Gespräche. 
  • Medizinische Informationen zu Krankheitsbildern, Untersuchungen und Therapien sind oft sehr komplex. Es ist nicht ganz einfach, solche Informationen gut verständlich zu vermitteln. Menschen haben eine verschiedene Gesundheitskompetenz und bringen unterschiedliche Fähigkeiten fürs Verständnis mit. 
  • In akuten Krankheitsfällen oder wenn eine Therapiemöglichkeit eindeutig überlegen ist, besitzt SDM einige Einschränkungen. Der Einsatz in der Notfallmedizin ist aber nicht unmöglich.
  • Auch wenn viele Menschen sich heute stärker über Gesundheitsthemen informieren – nicht jeder möchte bei seiner Gesundheit eine aktive Rolle einnehmen. Manche vertrauen allein auf ihren Arzt oder ihre Ärztin und wünschen sich eine klare Empfehlung. 

 

Quellen: