Fatigue bei Krebs - das hilft gegen bleierne Müdigkeit!

14. August 2018 | von Ingrid Müller

Die Fatigue bei Krebs ist sehr häufig. Patienten fühlen sich müde, antriebslos und erschöpft. Lesen Sie, wie sich die lähmende Müdigkeit behandeln und vertreiben lässt!

Eine Fatigue erleben viele Krebspatienten: Bis zu 90 Prozent leiden unter einer lähmenden Erschöpfung, die sowohl den Körper, Geist und die Seele erfasst. Den Zustand der Fatigue beschreiben viele Menschen mit Krebs so: Sie fühlen sich antriebslos, energielos, ausgelaugt, erschöpft und verspüren eine lähmende, bleierne Müdigkeit. Der Begriff „Fatigue“ ist Französisch und bedeutet übersetzt: „Müdigkeit“ oder „Erschöpfung“. Andere Namen dafür sind Fatigue-Syndrom oder Erschöpfungssyndrom. Umfragen brachten ans Licht, dass Krebspatienten die Müdigkeit als das am meisten belastende Problem empfinden. Sie bremst ihren Alltag aus und schmälert die Lebensqualität erheblich. Gut ist, dass die Fatigue bei vielen wieder nachlässt. Allerdings haben 20 bis 50 Prozent der Krebspatienten noch Monate oder sogar Jahre später mit der bleiernen Schwere zu kämpfen.

Was ist Fatigue? Nicht einfach nur Müdigkeit!

Mit einer normalen Müdigkeit, die wohl alle Menschen nach körperlichen und geistigen Anstrengungen überfällt, hat die Fatigue nichts zu tun. Stress, lange Reisen, ausufernde Meetings oder intensiver Sport fordern Körper und Geist und lassen sie ermüden. Nach einer Erholungsphase sind die meisten jedoch wieder fit und können mit neuer Tatkraft loslegen. Nicht so bei der Fatigue. Typisch für diese ist nämlich, dass auch regelmäßige Ruhepausen und ausreichender Schlaf die Erschöpfung nicht vertreiben können. Die Antrieblosigkeit, Lustlosigkeit, Mattigkeit und Müdigkeit werden zum täglichen Begleiter. Sie stehen in keinem Verhältnis zu den vorausgegangen Aktivitäten.

Welche Symptome treten bei einer Fatigue auf?

Das Erschöpfungssyndrom besitzt viele verschiedene Facetten. Häufige Symptome, von denen Patienten mit Fatigue berichten, sind:

  • Müdigkeit, Energielosigkeit oder ein unverhältnismäßig großes Bedürfnis nach Ruhe
  • allgemeine Schwäche, Mattigkeit, Abgeschlagenheit, schwere Glieder; viele fühlen sich schon morgens nach dem Aufstehen wie „erschlagen“
  • mangelnde körperliche Belastbarkeit
  • Motivationsverlust (auch bei Alltagsaktivitäten), Lustlosigkeit, Antriebslosigkeit, Desinteresse: Schon alltägliche Dinge wie das Einkaufen, Kochen oder Putzen sind schwer zu bewältigen
  • extremes Schlafbedürfnis, Schlafstörungen, der Schlaf bringt kaum Erholung
  • Ängste, Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Verlust der Lebensfreude
  • Frustration, Reizbarkeit
  • psychische Erschöpfung
  • Störungen von Konzentration, Aufmerksamkeit und Gedächtnis: Das Zuhören, die Kommunikation oder Abspeichern der einfachsten Dinge im Gedächtnis fallen schwer
  • soziale Entfremdung von Familie und Freunden

Fatigue-Ursachen: Woher kommt die lähmende Erschöpfung?

Damit eine Fatigue entsteht, müssen mehrere Faktoren zusammenspielen – nämlich körperliche, seelische und soziale Faktoren. „Die eine“ Ursache für die Müdigkeit gibt es nicht. Bei Krebspatienten kann einerseits die Tumorerkrankung selbst der Grund sein. Aber auch die Krebsbehandlungen und die gewaltige psychische Belastung durch die Krebsdiagnose können die Wurzel der Fatigue sein.

Fatigue durch die Krebserkrankung

Manchmal ist die enorme Müdigkeit ein erster Hinweis auf eine Krebserkrankung. Denn Tumorzellen wachsen schnell und verbrauchen mehr Energie als gesunde Zellen. Zugleich versucht das körpereigene Immunsystem, die Krebszellen zu bekämpfen. In der Folge bildet der Stoffwechsel Substanzen, welche die normalen Abläufe und Prozesse stören. Diese Belastungen lösen schließlich die Erschöpfung und bleierne Müdigkeit aus, so die Theorie.

Fatigue durch die Krebstherapien

Gegen Krebs setzen Ärzte oft eine ChemotherapieBestrahlung und weitere Behandlungen ein. Sie können ebenfalls der Grund für die Fatigue sein. Der Grad der Erschöpfung ist aber individuell sehr verschieden. Auch ist sie nicht an jedem Tag gleich intensiv ausgeprägt – es gibt gute und schlechte Tage.

Einige Beispiel für Therapien gegen Krebs, die eine Fatigue hervorrufen können:

Operation

Eine Operation belastet den Körper und die Seele oft enorm. Blutverlust, Narkose, Veränderungen im Stoffwechsel oder die Prozesse der Wundheilung sorgen für Müdigkeit und Abgeschlagenheit. Die meisten erholen sich aber wieder vollständig.

Chemotherapie

Bei einer Chemotherapie setzen Ärzte Zellgifte (Zytostatika) ein, welche die Vermehrung der Krebszellen stoppen und sie absterben lassen. Die Medikamente greifen aber nicht nur Tumorzellen, sondern auch gesunde Zellen an, die sich schnell teilen (deshalb auch der Haarausfall!). Für den Körper ist die Chemotherapie eine enorme Belastung, die sich in einer Fatigue äußern kann. Manche Zellgifte richten sich gegen Nervenzellen und beeinträchtigen die Aufmerksamkeit, Konzentration und das Gedächtnis. „Chemobrain“ – also „Chemienebel im Kopf“ – heißt das Phänomen umgangssprachlich. Allerdings wissen Forscher heute, dass auch die psychische und seelische Ausnahmesituation, die eine Krebsdiagnose bedeutet, bei der Entwicklung des Chemobrains mitspielt.

Strahlentherapie

Die hochenergetischen Strahlen bei der Strahlentherapie (Radiotherapie) setzen nicht nur verbliebenen Krebszellen zu, sondern auch dem Körper. Meist steigert sich die Fatigue im Zeitraum der Bestrahlung und klingt danach wieder ab. Die Kombination aus Chemotherapie und Bestrahlung kann die Fatigue besonders schwer ausfallen lassen.

Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 90 Prozent der Patienten bei einer Chemotherapie und Bestrahlung unter erheblicher Erschöpfung leiden. Normalerweise bessert sie sich wieder, wenn die Behandlungen abgeschlossen sind. Aber bei manchen Krebspatienten hält die Erschöpfung aber noch Jahre später an.

Weitere Ursachen der Fatigue bei Krebs

Der Grund für die Fatigue kann noch in anderen Begleiterkrankungen oder Behandlungen liegen. Beispiele sind:

  • Blutarmut (Anämie): Die Zahl der roten Blutkörperchen, die den Sauerstoff im Körper transportieren, sinkt. Viele Krebspatienten leiden unter einer Anämie, bedingt durch die Therapien. Die Folgen des Sauerstoffmangels sind Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Energielosigkeit.
  • Depressionen aufgrund der Krebserkrankung: Sie belastet nicht nur den Körper, sondern auch die Seele; so sind depressive Verstimmungen, Ängste, Traurigkeit oder Hoffnungslosigkeit die Folgen.
  • Infektionen: Krebsbehandlungen schwächen auch die Abwehrkräfte; Bakterien, Viren oder Pilze haben somit leichteres Spiel.
  • Nebenwirkungen von Medikamenten: Viele Medikamente für Krebspatienten haben Müdigkeit und Abgeschlagenheit zu Folge. Beispiele sind Schmerzmittel oder der Entzündungshemmer Kortison.
  • Mangelernährung und Gewichtsverlust: Krebstherapien sind oft mit Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen verknüpft. Ist der Körper jedoch nicht ausreichend mit Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen und anderen Nährstoffen (Kohlenhydrate, Fette, Eiweiße) versorgt, drohen Müdigkeit und Leistungseinbußen.

Fatigue behandeln – das sind die Möglichkeiten!

So vielfältig die Ursachen der Fatigue sind, so unterschiedlich sind auch die Behandlungsmöglichkeiten. Eine Therapie gegen die Fatigue, die allen Krebspatienten gleichermaßen hilft, gibt es nicht. Finden Sie gemeinsam mit Ihrem Arzt heraus, was Ihnen gut tut. Folgende Strategien, die den Körper, Geist und die Seele stärken sollen, setzen Ärzte zur Behandlung der Fatigue ein:

  • Medikamente, etwa wenn eine Anämie als Ursache der Fatigue anhand eines Blutbildes nachgewiesen ist. Ärzte setzen zum Beispiel Erythropoietin ein, das die Blutbildung anregt.
  • Bewegung und Sport: Ein gezieltes Bewegungstraining unter medizinischer Anleitung, das individuell auf Sie abgestimmt ist, erhöht Ihre Leistungsfähigkeit und Ausdauer. Beginnen Sie frühzeitig mit der körperlichen Aktivität – schon während der Chemotherapie oder Bestrahlung! Gut sind zum Beispiel ein maßvolles Ausdauer- und Krafttraining. Sport ist nicht nur gut für den Körper, sondern hellt auch die Stimmung und das Gemüt auf! Und beides erhöht wiederum die Lebensqualität.
  • Psychotherapie/Verhaltenstherapie: Sie zielt darauf ab, das Erleben und Verhalten bei Fatigue günstig zu beeinflussen. So sollten Sie die Fatigue besser bewältigen lernen. Suchen Sie einen Therapeuten, der Erfahrung mit der Fatigue bei Krebs hat.
  • Alltagsstrategien entwickeln: Lassen Sie sich von Ihrem Arzt beraten, wie sie Ihren Alltag so strukturieren und gestalten können, dass die Einschränkungen aufgrund der Fatigue weniger ins Gewicht fallen. Das funktioniert nur, wenn Sie sich nicht ständig überfordern und zu viel von sich verlangen – sonst stoßen Sie mit der Nase ständig auf Ihre mangelnde Leistungsfähigkeit.

Fatigue – Tipps für Ihren Alltag

Folgende Tipps können bei Fatigue hilfreich sein. Vielleicht müssen Sie mehrere ausprobieren oder miteinander kombinieren, um Ihrer Müdigkeit beizukommen

Reden!

Teilen Sie Ihrer Familie und Freunden mit, wie sich eine Fatigue anfühlt. So erreichen Sie ein besseres Verständnis und können auf Unterstützung im Alltag bauen!

Über- oder unterfordern Sie sich nicht!

Wenn Sie sich an einem Tag besonders fit fühlen, schießen Sie dennoch nicht über das Ziel hinaus. Sonst sind Sie womöglich am nächsten Tag doppelt so müde. Trauen Sie sich umgekehrt trotzdem etwas zu, wenn Sie sich ausgelaugt und müde fühlen. Bewegen Sie sich statt auf dem Sofa zu liegen und ihre Kräfte für den nächsten Tag aufzusparen. Am besten sind abwechslungsreiche Aktivitäten, die Ihrem Energieniveau entsprechen.

Alltagsaktivität langsam steigern

Schreiben Sie sich auf, was Sie tagsüber alles gemacht und unternommen haben. Geht es Ihnen am nächsten Tag gut, können Sie eine kleine Steigerung einlegen. Ist es anders herum, haben Sie sich zu viel zugemutet und Sie schrauben Ihre Aktivität wieder ein wenig zurück.

Nach vorne schauen

Denken Sie nicht ständig daran zurück, was Sie früher alles geschafft haben. Vergleichen Sie sich auch nicht mit Familienangehörigen und Freunden, die leistungsfähiger sind als Sie. Das erzeugt Frust, Reizbarkeit und depressive Verstimmungen! Nehmen Sie sich nur kleine Schritte vor und freuen Sie sich über jeden kleinen Erfolg!

Energielieferanten suchen!

Unternehmen Sie Dinge, die Ihnen wirklich Freude machen und Energie bringen! Machen Sie einen kleinen Ausflug, lesen Sie ein gutes Buch oder hören Sie Musik. Die Küchen zu schrubben oder den Keller aufzuräumen ist vermutlich eher ein Energieräuber.

Guter Schlaf

Lassen Sie frische Luft ins Zimmer und verbannen Sie PC, Smartphone,  Fernseher und andere Störenfriede aus dem Schlafraum! Außerdem: Gehen Sie möglichst jeden Tag zur gleichen Zeiten ins Bett und stehen Sie morgens wieder auf! So schlafen Sie insgesamt besser.

Stress weg!

Versuchen Sie, Stress möglichst von sich fernzuhalten. Erlernen Sie eine Entspannungstechnik, etwa Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung.

Gesund essen

Achten Sie auf eine gesunde Ernährung mit viel frischem Obst und Gemüse. Sie enthalten große Mengen an Vitaminen, Mineralien, Ballaststoffen und sekundäre Pflanzenstoffe. Gut sind auch Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Fisch und pflanzliche Fette. Schlagen Sie sich nicht einmal am Tag den Bauch voll, sondern essen Sie kleinere Portionen, die Sie über den Tag verteilen. Dann hat der Verdauungstrakt weniger zu tun – und Sie sind weniger müde.

 

Quellen

  • Deutsche Fatigue Gesellschaft, https://deutsche-fatigue-gesellschaft.de (Abruf: 14.8.2018)
  • Deutsche Krebshilfe: Fatigue/Chronische Müdigkeit bei Krebs, Blaue Ratgeber
  • Deutsche Krebsgesellschaft, https://www.krebsgesellschaft.de (Abruf: 14.8.2018)
  • Deutsches Krebsforschungszentrum, www.krebsinformationsdienst.de (Abruf: 14.8.2018)