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Chemotherapie bei Prostatakrebs – für wen?

08. Mai 2019 | von Ingrid Müller

Eine Chemotherapie setzen Ärzte bei vielen Krebsarten ein, auch bei Prostatakrebs. Lesen Sie, welchen Männern sie hilft, wie sie abläuft und wie sich die Nebenwirkungen in Schach halten lassen.

Bei einer Chemotherapie rücken Ärzte Krebszellen mit Medikamenten zu Leibe, die im gesamten Körper wirken. „Systemisch“ sagen Ärzte dazu. Dabei verabreichen sie Krebspatienten hochwirksame Zellgifte, sogenannte Zytostatika oder Chemotherapeutika. Diese Arzneien verhindern die Teilung und Vermehrung der Krebszellen. Allerdings greifen sie auch gesunde Zellen an, die sich schnell teilen. Beispiele sind die Zellen der Haare, Haut oder Schleimhäute. Der Haarausfall ist wohl die Nebenwirkung, die die meisten Menschen mit einer Chemotherapie in Verbindung bringen. Daran lässt sich die Krebserkrankung schon optisch erkennen.

Chemotherapie bei Prostatakrebs – für welchen Mann?

Die Chemotherapie ist ein sehr wichtiger Baustein in der Behandlung vieler Krebsarten – von Brustkrebs bis Leukämie. Bei Prostatakrebs kommen die zelltötenden Mittel jedoch nur in besonderen Fällen zum Einsatz:

  • bei fortgeschrittenem Prostatakrebs mit Metastasen in Kombination mit einer Hormonbehandlung
  • wenn die Hormonbehandlung bei fortgeschrittenem Prostatakrebs nicht mehr ausreichend wirkt (kastrationsresistenter Prostatakrebs). Die meisten Männer beginnen zuerst mit einer Antihormonbehandlung, bei der Ärzte die Produktion oder Wirkung des männlichen Sexualhormons Testosteron blockieren. Bei einigen Männer wird der Prostatakrebs jedoch unempfindlich gegenüber den Medikamenten und die Krebszellen vermehren sich trotz des Hormonentzugs weiter.

Nicht sinnvoll ist die Chemotherapie bei Männern mit lokal begrenztem oder lokal fortgeschrittenem Prostatakrebs. Sie haben viele andere Möglichkeiten der Behandlung, zum Beispiel eine Operation (radikale Prostatektomie) oder eine Strahlentherapie.

Chemotherapie soll Prostatakrebs im Zaum halten

Ziel der Chemotherapie ist es, den Prostatakrebs in Schach zu halten, Beschwerden durch die Erkrankung zu lindern und die Lebenszeit zu verlängern. Den Prostatakrebs heilen können Ärzte mit einer Chemotherapie jedoch nicht. Die Therapie mit Zytostatika ist deshalb eine Palliativbehandlung. Ob eine Chemotherapie in Frage kommt, hängt nicht nur vom Prostatakrebs, sondern auch von individuellen Faktoren ab:

  • Ihren persönlichen Wünschen
  • Ihrem Alter,
  • körperlichen Allgemeinzustand
  • anderen bestehenden Krankheiten: In höherem Alter leiden viele unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, der Zuckerkrankheit Diabetes oder Übergewicht/Adipositas

 

Die Behandlung mit Zytostatika hat nicht unerhebliche Nebenwirkungen für den Körper, Geist und die Seele. Männer sollte daher immer das Für und Wider gut mit Ihrem Arzt abwägen – und erst dann entscheiden. Sie können sich auch eine Zweitmeinung zum ersten Therapievorschlag einholen, um mehr Sicherheit zu gewinnen.

Wie läuft eine Chemotherapie ab?

Ärzte verabreichen die Chemotherapie in Zyklen, also in bestimmten zeitlichen Abständen. In den Pausen dazwischen hat der Körper die Möglichkeit, sich zu erholen. Bei Prostatakrebs bekommen Männer die zelltötenden Medikamente in der Regel alle drei Wochen über eine Infusion. Die Wirkstoffe gelangen so direkt ins Blut und verbreiten sich schnell. Die Wirkung setzt allerdings nicht unmittelbar ein, sondern es dauert einige Zeit. Das Mittel der ersten Wahl bei Prostatakrebs ist das Zytostatikum Docetaxel. Kehrt der Prostatakrebs nach der Behandlung mit Docetaxel zurück (Rückfall, Rezidiv), ist Cabazitaxel eine weitere Therapiemöglichkeit.

Docetaxel und Cabazitaxel gehören zur Gruppe der Taxane. Der Grundstoff – das Taxol – kommt aus der Natur, nämlich aus der Rinde der Pazifischen Eibe. Taxane greifen in den Teilungsmechanismus der Krebszellen ein und sorgen so dafür, dass sie sich nicht vermehren können. Seit den 90er-Jahren sind sie ein fester Bestandteil der Krebstherapie.

Eine Chemotherapie können Sie meist ambulant in einer onkologischen Praxis oder in einer Klinik durchführen lassen. Sie können anschließend wieder nach Hause gehen und sich dort erholen.

Video: Hormon-Chemotherapie bei Prostatakrebs

Chemotherapie – die Nebenwirkungen

Eine Behandlung mit Zellgiften bringt oft nicht unerhebliche Nebenwirkungen mit sich. Doch Ärzte können Übelkeit, Erbrechen und Co heute gut mit unterstützenden Medikamenten in den Griff bekommen. Diese Behandlung heißt „supportive Therapie“. Nur gegen den Haarausfall ist noch kein wirksames Kraut gewachsen. Die wichtigsten unerwünschten Wirkungen von Taxanen im Überblick.

Haarausfall – typisch bei Chemotherapie

Taxane bremsen die Zellteilung, vor allem jener Zellen, die sich schnell teilen und erneuern. Und das trifft nicht nur auf Krebszellen, sondern auch auf die Zellen der Haarfollikel zu. Dies ist auch der Grund, warum bei einer Chemotherapie in der Regel die Haare ausfallen. Meist leiden nicht nur die Haare am Kopf, sondern am gesamten Körper: Augenbrauen, Scham- und Achselhaare sowie die Wimpern.

Männer kommen (angeblich) mit dem Haarausfall besser zurecht als Frauen, weil ein spärlicher Haarwuchs oder eine Glatze bei ihnen gesellschaftlich viel mehr akzeptiert ist. Für Frauen sei der Kahlkopf dagegen eine Entstellung, so das Urteil des Bundessozialgerichtes aus dem Jahr 2015. Auch einige Landesgerichte urteilten so. Deshalb bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen Männern, deren Haare während einer Chemotherapie ausfallen, auch keine Perücke – eigentlich ist das ein klarer Fall von Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung.

Demnach haben Männer grundsätzlich keinen Anspruch auf den künstlichen Haarersatz. Nur in Ausnahmefällen können sie auf Kostenübernahme durch die Kassen hoffen, zum Beispiel wenn die Kopfhaut stark vernarbt ist. Manchmal sind Krankenkassen jedoch auch kulant und übernehmen zumindest einen Teil der Kosten.

Was hilft?

Es gibt Experimente mit Kühlkappen während der Chemotherapie, welche die Durchblutung in den Haarwurzeln drosseln. Dadurch zirkulieren geringere Mengen an Blut in den Haarzellen – und damit an Krebsmedikamenten. In einigen Studien – vor allem bei Frauen mit Brustkrebs – konnten die Kühlhauben starken Haarausfall verhindern. Kühlhauben sind jedoch noch keine Routine in der Arztpraxis.

Die gute Nachricht ist: Der Haarausfall ist nur vorübergehend. Nach dem Ende der Chemotherapie wachsen die Haare wieder nach.

Fatigue

Die Fatigue bedeutet einen Zustand körperlicher, geistiger und seelischer Erschöpfung, der sich auch durch ausreichend Schlaf und Erholung nicht bessert. Viele Krebspatienten kommen im  Lauf ihrer Erkrankung an diesen Punkt. Ihnen fehlen der Antrieb und die Motivation, sie fühlen sich müde, energie- und kraftlos, obwohl sie sich weder körperlich noch geistig verausgabt haben.

Was hilft?

Alle Behandlungen bei Fatigue lesen Sie hier »»

Übelkeit und Erbrechen

Übelkeit und Erbrechen sind häufige Begleiter einer Chemotherapie. Aber nicht alle Zytostatika rufen diese Symptome im gleichen Ausmaß hervor.

Was hilft?

Übelkeit und Erbrechen lassen sich gut mit Anti-Brech-Mitteln behandeln, sogenannten Antiemetika. Die Medikamente wirken direkt im Brechzentrum im Gehirn und dämpfen seine Aktivität. So lassen sich Übelkeit und Erbrechen meist gut in Schach halten.

Hautprobleme

Die Chemotherapie mit Taxanen kann die Haut und Schleimhäute in Mitleidenschaft ziehen, denn auch Hautzellen teilen sich rasant und sind ein (ungewolltes) Angriffsziel der Zytostatika. Die Haut kann sich röten, schuppen, jucken oder austrocknen. Manche entwickeln einen Hautauschlag, ähnlich wie bei einer Akne.

Was hilft?

Wichtig bei einer Chemotherapie ist eine gute, sanfte Hautpflege, die die Haut nicht weiter strapaziert und vor Druck, Hitze, Feuchtigkeit und Verletzungen schützt. Einige Tipps:

  • Lauwarmes statt heißes oder kaltes Wasser verwenden
  • Die Haut nur abtupfen statt trocken rubbeln
  • Verletzungen vermeiden, etwa beim Nassrasieren, und so Infektionen vorbeugen
  • Keine zu enge Kleidung und Schuhe tragen, die die Haut aufreiben
  • Haut vor direktem Sonnenlicht schützen, nicht ins Solarium gehen, im Freien lichtundurchlässige Kleidung tragen
  • Eincremen, zweimal täglich
  • Gegen Juckreiz hilft Kühlen
  • Bei Schmerzen sind die Wirkstoffe Paracetamol oder Ibuprofen geeignet

Nagelveränderungen

Darüber hinaus kann Docetaxel die Nägel dunkel verfärben. Manchmal werden die Nägel brüchig und rissig, bekommen Rillen und Furchen oder lösen sich vom Nagelbett ab. Die Haut um die Nägel herum kann sich mit Bakterien und Pilzen infizieren und entzünden.

Was hilft?

Das Tragen von Kühlhandschuhen während der Chemotherapie schützt offenbar die Fingernägel. Durch die Kälte ziehen sich die Blutgefäße zusammen. Es fließt weniger Blut und somit auch weniger des Krebsmedikaments durch das gekühlte Gewebe. Auch die Fußnägel lassen sich mit Kühlkissen schützen.

Veränderungen des Blutbildes

Taxane beeinflussen die Bildung bestimmter Blutzellen im Körper. So sinkt die Anzahl an weißen Blutkörperchen, den Leukozyten. „Neutropenie“ ist der medizinische Fachausdruck dafür. Dadurch sinkt die Schlagkraft des Immunsystems, was anfälliger für Bakterien, Viren oder Pilze macht. Für Krebspatienten kann dies besonders gefährlich werden. Deshalb fertigen Ärzte vor der Behandlung mit einer Chemotherapie immer ein Blutbild an und prüfen die Anzahl der Leukozyten. Auch im Anschluss an die Behandlung kontrollieren Onkologen diese regelmäßig.

Daneben lässt die Chemotherapie auch die Anzahl der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) und der Blutplättchen (Thrombozyten) sinken. Erythrozyten sind für den Transport von Sauerstoff in die Organe und Gewebe wichtig, Blutplättchen für die Blutgerinnung. Blutarmut (Anämie) und ein Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) sind die Folgen.

Was hilft?

  • Manchmal setzen Ärzte bei Blutarmut besondere Medikamente ein, um die Bildung von Blutzellen zu stimulieren (blutbildenden Mittel).
  • Arzneien mit Wachstumsfaktoren helfen, einem Mangel an weißen Blutkörperchen vorzubeugen. Sie kurbeln die Bildung weißer Blutzellen an.
  • Sind die Blutwerte jedoch zu niedrig, müssen Ärzte manchmal die Chemotherapie unterbrechen, den nächsten Zyklus verschieben oder die Dosis der Zytostatika verringern.

Nervenschäden

Taxane können die Nerven angreifen und schädigen, vor allem an den Händen und Füßen. Medizinisch heißen die Nervenschäden „Neuropathie“. So können Missempfindungen wie Kribbeln oder Ameisenlaufen, Taubheitsgefühle, Störungen des Feingefühls oder Nervenschmerzen in den Armen und Beinen auftreten. Manche fühlen sich auch beim Gehen unsicher.

Oft sind die Nervenschäden mild ausgeprägt oder bessern sich nach dem Ende der Chemotherapie wieder. Bei starken Schäden an den Nerven, müssen Ärzte manchmal die Behandlung abbrechen.

Probleme im Verdauungstrakt

Taxen greifen die Schleimhäute in Mund, Speiseröhre, Magen und Darm an. Eine Chemotherapie mit Docetaxel kann mit verschiedensten Beschwerden im Verdauungstrakt verbunden sein: Durchfall, Verstopfung, Bauchschmerzen oder Magenschleimhautentzündung (Gastritis). Dagegen gibt es verschiedenste Medikamente. Mundspülungen mit entzündungshemmenden Wirkstoffen können die Entzündungen lindern.

Weitere Nebenwirkungen der Chemotherapie

Manche Krebspatienten erleben eine Überempfindlichkeitsreaktion (allergische Reaktion), bei der sich die Atemwege verengen, Atembeschwerden auftreten, die Haut rötet und der Blutdruck abfällt. Auch sind sie anfälliger für Infektionen. Diese Nebenwirkungen lassen sich gut behandeln und klingen nach der Chemotherapie wieder ab.

Eine Chemotherapie ist sicher für die meisten kein „Spaziergang“. Doch wie ausgeprägt die Nebenwirkungen sind, ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Sie hängen auch von der Dosierung und den eingesetzten Wirkstoffen ab. Nicht alle Zytostatika führen zu schweren Nebenwirkungen. Und in vielen Fällen klingen sie nach dem Ende der Chemotherapie wieder ab.

Quellen: