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Hormontherapie bei Prostatakrebs – auch das Herz überwachen!

17. September 2021 | von Ingrid Müller

Eine Hormontherapie bei Prostatakrebs kann auch das Herz in Gefahr bringen. Das gilt umso mehr, wenn Männer schon Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall mitbringen. Eine regelmäßige Herzkontrolle sei daher ratsam, empfiehlt die Amerikanische Herzgesellschaft. 

Die Hormontherapie hilft Männern, deren Prostatakrebs hormonempfindlich ist und Testosteron für sein Wachstum braucht. Entziehen  Ärztinnen und Ärzte das männliche Geschlechtshormon oder blockieren seine Wirkung, fehlt den Krebszellen der „Treibstoff“ - sie können sich schlechter teilen und vermehren. Die Hormontherapie besitzt allerdings auch einige Nebenwirkungen. Sie erhöhe unter anderem das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Darauf weist die American Heart Association (AHA) in einer wissenschaftlichen Stellungnahme hin. 

Daher sollten Mediziner das Herz von Männern, die eine Hormontherapie erhalten, regelmäßig kontrollieren. So ließen sich eventuelle Herz-Kreislauf-Probleme rechtzeitig aufdecken und behandeln und das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall senken. Das wissenschaftliche Dokument wurde im AHA-Fachmagazin „Circulation: Genomic and Precision Medicine“ veröffentlicht.

Hormontherapie

Lesen Sie, welche Arten der Hormontherapie es gibt und wie sie den Prostatakrebs in Schach halten.

© Davizro Photography/Adobe Stock

„Unsere Stellungnahme enthält Daten zu den Risiken sämtlicher Arten von Hormontherapien. Mediziner und Medizinerinnen können sie als Richtlinie verwenden, um die Risiken von Herz-Kreislauf-Erkrankungen während der Krebsbehandlungen besser einzuschätzen und diese zu handhaben“, erklärt Tochi M. Okwuosa, Professor für Kardiologie am Rush University Medical Center in Chicago.

 

Hormontherapie bremst Prostatakrebs effektiv

Die Hormontherapie ist eine wichtige Therapiestrategie bei Prostatakrebs. Sie verlängert einerseits das Überleben der betroffenen Männer, ist aber andererseits mit verschiedenen Herz-Kreislauf-Risiken verbunden. Bekannt ist, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine häufige Todesursache bei diesen Männern sind  – und nicht der Prostatakrebs selbst.

Bei der Hormontherapie gibt es verschiedene Prinzipien:

  • Manche Medikamente unterdrücken die Testosteronproduktion, indem sie auf das Gehirn (die Hirnanhangdrüse = Hypophyse) einwirken. Dort wird die Bildung des Testosterons gesteuert. Die Arzneimittel sorgen dafür, dass die Hoden das Testosteron erst gar nicht bilden. Fachleute sprechen von Hormonentzugsbehandlung. Diese „medikamentöse Kastration“ hat die frühere „chemische Kastration“ weitgehend abgelöst,  bei der Ärzte beide Hoden entfernten. Zu dieser Gruppe von Arzneien gehören GnRH-Analoga (früher auch LHRH-Analoga) und GnRH-Antagonisten (auch LHRH-Antagonisten). Männer erhalten die Medikamente per Spritze.
  • Andere Arzneimittel blockieren dagegen die Andockstellen (Rezeptoren) für Testosteron an den Prostatakrebszellen. Sie heißen Antiandrogene oder Androgen-Rezeptor-Agonisten. Diese Medikamente hemmen nur die Wirkung des Geschlechtshormons an den Zellen, unterdrücken aber nicht seine Herstellung. Antiandrogene gibt es als Tabletten. Oft kombinieren Ärzte sie mit einer Hormonentzugsbehandlung, weil sie schwächer wirken.

 

Hormontherapie – Risiken fürs Herz

Die Forschenden analysierten mehrere Studien und identifizierten für die verschiedenen Gruppen von Medikamenten unterschiedliche Risiken.

Medikamente zur Reduktion der Testosteronproduktion: 

  • erhöhen die Blutfette - den Cholesterinspiegel und die Menge an Triglyzeriden.
  • Steigern das Körperfett
  • Vermindern die Muskelmasse
  • Beeinflussen die Fähigkeit der Zellen, Glukose zu verwerten – Fachleute sprechen von verminderter Insulinempfindlichkeit oder Insulinresistenz, die wiederum in einem Typ-2-Diabetes münden kann.

 

Diese Stoffwechselveränderungen bedeuten ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzversagen und den Herz-Kreislauf-Tod. 

Antiandrogene übten dagegen zum Beispiel diese Wirkungen auf das Herz und den Kreislauf aus:

  • Wasseransammlungen (Ödeme), etwa in den Beinen
  • Bluthochdruck (Hypertonie)
  • Minderdurchblutung des Herzens (ischämische Herzkrankheit)
  • Brustenge (Angina pectoris)

 

Die Forschenden fassen ihre Erkenntnissee so zusammen: GnRH-Antagonisten scheinen mit einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden zu sein scheinen als GnRH-Agonisten. Orale Antiandrogene erhöhten das Herz-Kreislauf-Risiko ebenfalls. Das galt besonders, wenn die Hormonbehandlung als kombinierte GnRH/Antiandrogen-Therapie zum Einsatz kam.

Hormontherapie

Fördert der Hormonentzug bei Prostatkrebs Demenzen? Wissenschaftler fanden Anhaltspunkte dafür. 

© Lotusbluete/Pixabay.com

 

Risikofaktoren und Dauer der Hormontherapie spielen mit

Je länger ein Mann die Hormontherapie anwendet, desto stärker klettert auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme. Allerdings seien noch weitere Studien nötig, um den Zusammenhang zwischen den Risiken und der Behandlungsdauer genauer zu beleuchten, so die Forschenden.

Das Herz-Kreislauf-Risiko war jedoch bei jenen Patienten am höchsten, die schon vor dem Beginn der Hormontherapie unter einer Herz-Kreislauf-Erkrankung litten oder zwei und mehr Risikofaktoren mitbrachten. Dazu gehören zum Beispiel Bluthochdruck, Fettleibigkeit (Adipositas), erhöhte Cholesterinwerte, Rauchen sowie ein Herzinfarkt oder Schlaganfall in der Familie. Das Vorhandensein von Risikofaktoren spielte demnach ebenfalls eine Rolle. 

 

Aufmerksamkeit der Ärzte fürs Herz gefragt

Okwuosa sagt: „Wir brauchen einen Team-basierten Behandlungsansatz, der Onkologinnen, Herzspezialisten, Hausärzte, Ernährungsexpertinnen, Endokrinologen und andere Fachleute umfasst. Für jeden Patienten müssen wir individuell das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall abschätzen, das mit einer Hormontherapie einhergeht, und dieses wirksam vermindern.“

Derzeit gibt es noch keine medizinischen Leitlinien für die Überwachung und Behandlung der Herzrisiken aufgrund einer Hormontherapie. In ihrer Stellungnahme fordern die Experten daher Ärztinnen und Ärzte auf, wachsam zu sein für eventuelle Herzprobleme bei ihren Patienten. Das gelte besonders, wenn schon eine Herz-Kreislauf-Erkrankung oder Risikofaktoren dafür bekannt seien. Aber auch bei allen anderen Patienten ohne vorhandene Herzprobleme gelte es, aufmerksam zu sein. Denn auch sie besitzen ein erhöhtes Risiko allein durch die Anwendung der Hormontherapie. 

„Patienten mit zwei oder mehr Risikofaktoren ist es womöglich empfehlenswert, vor dem Beginn der Hormontherapie einen Kardiologen aufsuchen. Und wer schon mit der hormonellen Behandlung begonnen hat, sollte mit seiner Onkologin besprechen, ob der Besuch bei einem Kardiologen vielleicht ratsam ist“, erklärt Okwuosa.

Einige Fragen dazu seien aber noch offen, sagen die Forschenden. Dazu gehöre, wie sich Patienten mit hohem Risiko erkennen lassen, welche Screening- und Nachuntersuchungen sinnvoll seien und wie sich das Erkrankungsrisiko durch einen gesunden Lebensstil und Medikamente am besten senken lasse.

Quellen: