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Kastrationsresistenter Prostatakrebs – was hilft?

11. Juni 2019 | von Ingrid Müller

Kastrationsresistenter Prostatakrebs bedeutet, dass der Hormonentzug nicht mehr wirkt. Die Krebszellen sind unempfindlich geworden und vermehren sich auch ohne Testosteron. Alle Behandlungen im Überblick.

Kastrationsresistenter Prostatakrebs ist ein ziemlich rabiater Begriff für die Tatsache, dass der Krebs bei manchen Männern irgendwann trotz Hormonentzugstherapie weiter wächst. Obwohl die Testosteronwerte durch den Einsatz von Medikamenten niedrig sind, steigt der PSA-Wert. Dies gilt als Zeichen dafür, dass der Prostatakrebs voranschreitet. Wann dieser Zeitpunkt erreicht ist, können Ärzte nicht genau vorhersagen. Es ist von Mann zu Mann unterschiedlich. Unter anderem hängt es davon ab, wie aggressiv der Prostatakrebs ist und wie schnell er wächst.

Im Schnitt entwickelt sich ein kastrationsresistenter Prostatakrebs (auch hormonrefraktärer Prostatakrebs) jedoch zwei Jahre nach dem Beginn der Hormonbehandlung. Dann wirkt die Therapie, die das Testosteron senkt und das Wachstum des Krebses bremsen soll, nicht mehr. Haben sich Metastasen in den Knochen oder anderen Organen gebildet, ist der Prostatakrebs nicht mehr heilbar und Ärzte wählen eine palliative Behandlung. Die Therapien zielen jetzt darauf ab, den Tumor in Schach zu halten, die Beschwerden (z.B. Schmerzen, Müdigkeit) zu lindern, Lebenszeit zu gewinnen und die Lebensqualität so lange wie möglich zu erhalten.

Hormontherapie

Lesen Sie, wie die Hormontherapie wirkt und welche Möglichkeiten es gibt.

Kastrationsresistenter Prostatakrebs – Nutzen und Risiken der Therapien abwägen

Ein kastrationsresistenter Prostatakrebs bedeutet noch nicht, dass jetzt sämtliche Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Ärzte gehen mit verschiedenen Strategien gegen den Krebs und die Symptome vor, die vielleicht die Lebensqualität einschränken. Zu beachten ist jedoch, dass auch die eingesetzten Medikamente selbst einige Nebenwirkungen haben, die nicht unerheblich sein können. Welche Behandlung am besten geeignet ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab, zum Beispiel:

  • Ob und welche Beschwerden der Krebs genau verursacht und wie ausgeprägt sie sind.
  • Wie schnell der Krebs wächst und ob er Metastasen gebildet hat, etwa in den Knochen, der Leber oder Lunge.
  • Vom körperlichen und seelischen Zustand: Manche Männer mit Prostatakrebs haben schon einige belastende Behandlungen durchlaufen oder sind durch andere Erkrankungen körperlich geschwächt und psychisch erschöpft. Eine Therapie mit vielen Nebenwirkungen schadet hier vielleicht mehr als sie nutzt.
  • Von Ihrem Alter: Prinzipiell können auch ältere Männer eine Chemotherapie noch gut verkraften.
  • Ihren persönlichen Wünschen und Zielen: Ob Sie sich weitere intensive Behandlungen zutrauen oder zumuten möchten.

Sprechen Sie ausführlich mit Ihren behandelnden Ärzten und teilen Sie diesen Ihre Wünsche und Vorstellungen mit. Informieren Sie sich über Nutzen und Risiken aller Therapiemöglichkeiten. Erst wenn Sie alles verstanden und gut überlegt haben, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihren Ärzten, wie es weiter gehen soll. Die Wahl der Behandlung richtet sich entscheidend danach, ob Sie keine oder nur geringe Symptome oder Beschwerden verspüren.

Kastrationsresistenter Prostatakrebs – ohne oder mit wenigen Beschwerden

Nicht alle Männer haben Beschwerden, auch wenn der PSA-Wert steigt und die Krebszellen sich weiter vermehren. Ob die Behandlung schon bei einem PSA-Anstieg einsetzen sollte oder Ärzte zunächst abwarten, ob ein Mann Symptome entwickelt, ist noch nicht genau geklärt. Ärzte raten ihren Patienten daher zur Strategie des abwartenden Beobachtens (watchful waiting), wenn sie keine Symptome und Metastasen haben. Die Medikamente für den Hormonentzug nehmen Sie weiter ein.

Wenn Sie sich dennoch für eine weitere Behandlung entscheiden, haben Sie folgende Möglichkeiten:

Abirateron

Abirateron verstärkt die Hormonblockade und verhindert die Testosteronproduktion im gesamten Körper, auch in den Prostatakrebszellen. Es wird in Kombination mit Steroiden angewendet (Prednison, Prednisolon), weil dann die Nebenwirkungen geringer ausfallen. Männer nehmen Abirateron einmal täglich als Tablette ein. Die Nebenwirkungen können Wasseransammlungen (Ödeme) und Kaliummangel sein.

Enzalutamid

Enzalutamid blockiert die Andockstellen (Rezeptoren) für männliche Hormone. Der Wirkstoff zählt daher zu den Androgenrezeptorblockern. So hemmt er das Wachstum von Krebszellen. Das Medikament gibt es als Tabletten oder Kapseln. Seit September 2018 ist Enzalutamid auch für nicht metastasierten Prostatakrebs zugelassen, wenn der Krebs trotz Hormonblockade wächst. Enzalutamid kann unter anderem Kopfschmerzen und Hitzewallungen hervorrufen.

Chemotherapie

Zur Chemotherapie setzen Ärzte das zelltötende Mittel (Zytostatikum) Docetaxel ein. Es gehört zur Gruppe der Taxane, die natürlicherweise in der Eichenrinde vorkommen. Die Chemotherapie wirkt immer im gesamten Körper und attackiert Krebszellen. Sie schädigt das Erbgut (DNA) und greift in den Vermehrungszyklus der Tumorzellen ein – so sterben sie ab. Männer erhalten die Chemotherapeutika alle drei Wochen in Zyklen. In der Zeit dazwischen kann sich der Körper wieder erholen. Taxane haben jedoch erhebliche Nebenwirkungen, zum Beispiel Magen-Darm-Beschwerden, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Veränderungen des Blutbildes oder Nervenschäden (Missempfindungen, Taubheitsgefühle).

Sipuleucel‑T

Sipuleucel‑T ist ein „therapeutischer Impfstoff“ für Männer mit metastasiertem Prostatakrebs, die keine oder nur geringe Beschwerden haben und noch keine Chemotherapie brauchen. Er ist zwar seit dem Jahr 2013 für kastrationsresistenten Prostatakrebs zugelassen, aber seit 2015 nicht mehr in Europa erhältlich (nur USA). Die Gründe für die europäische Marktrücknahme des Herstellers sind unklar. Das Prinzip: Ärzte entnehmen dem Blut spezielle Immunzellen und behandeln sie im Labor mit einem besonderen Eiweiß. Dann verabreichen sie die Zellen per Infusion wieder. Jeder Patient erhält also seinen „persönlichen“ Impfstoff. So wollen Ärzte das Immunsystem wieder dazu bringen, Prostatakrebszellen gezielt anzugreifen. Das Abwehrsystem wird also wieder „scharf“ gemacht.

Kastrationsresistenter Prostatakrebs – mit Beschwerden

Verursacht ein kastrationsresistenter Prostatakrebs dagegen Beschwerden, gibt es weitere Behandlungsmöglichkeiten. Sie bremsen das Krebswachstum, lindern Beschwerden und können auch das Leben verlängern. Folgende Medikamente kommen bei Männern mit Symptomen und einem guten körperlichen Allgemeinzustand zum Einsatz:

Welche Medikamente? Übersicht

  • Chemotherapie mit Docetaxel alle zwei bis drei Wochen
  • Abirateron in Kombination mit den Steroiden Prednison oder Prednisolon
  • Enzalutamid 
  • Radium 223 ist ein radioaktiver Stoff, den Ärzte nur dann einsetzen, wenn ausschließlich Knochenmetastasen vorliegen. Weil Radium 223 dem Kalzium sehr ähnlich ist, lagert es sich die Substanz in die Knochen ein. Die Strahlen haben eine kurze Reichweite und attackieren Krebszellen in den Knochen gezielt. Radium 223 wird langsam in eine Vene gespritzt (sechs Injektionen im Abstand von mehreren Wochen). Bei Metastasen in anderen Organen wenden Ärzte Radium 223 nicht an. Die Substanz kann beispielsweise Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auslösen.

Bei Männern, die aufgrund vorausgegangener Therapien oder Krankheiten körperlich geschwächt sind, behandeln Onkologen zunächst die Symptome. Intensivere Therapien würden sie noch stärker belasten. Eine Chemotherapie mit Docetaxel ist eine Möglichkeit, wenn der schlechte Allgemeinzustand auf die Metastasen zurückzuführen ist. Dann können Zytostatika den Zustand bessern. Neben den genannten Therapieoptionen kommen zusätzlich Steroide („Kortison“) zum Einsatz, zum Beispiel Dexamethason, Prednison oder Prednisolon. Die Medikamente wirken gegen Schmerzen, Müdigkeit und Appetitlosigkeit. Auch eine Schmerztherapie kann die Lebensqualität verbessern.

Behandlung nach einer Chemotherapie

Manchmal schreitet der Prostatakrebs trotz einer Chemotherapie mit Docetaxel fort. Dann gibt es folgende Behandlungsmöglichkeiten (Zweitlinientherapie) für Männer mit einem guten Allgemeinzustand:

Welche Medikamente? Eine Übersicht

  • Abirateron in Kombination mit Prednison oder Prednisolon
  • Chemotherapie mit Cabazitaxel: Das Zytostatikum gehört – wie Docetaxel – zu den Taxanen. Es greift in den Mechanismus der Zellteilung ein. Cabazitaxel kann schwere Durchfälle und Veränderungen des Blutbildes verursachen.
  • Enzalutamid
  • Radionuklidtherapie mit Radium-223 bei Knochenmetastasen
  • Sind sämtliche Behandlungen ausgeschöpft können Ärzte einen Therapieversuch mit Lutetium-177-PSMA unternehmen. Die Behandlung ist noch experimentell und Ärzte düren sie nur nach der Empfehlung einer interdisziplinären Tumorkonferenz anbieten.

Männer in schlechterem Gesundheitszustand können Ärzte im Prinzip die gleichen Therapien anbieten – eine Chemotherapie jedoch nur, wenn der schlechte Allgemeinzustand durch die Metastasen begründet ist. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, Steroide wie Prednison oder Prednisolon einzunehmen.

Quellen: