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Pestizid Chlordecon: Prostatakrebs ist Berufskrankheit

10. Januar 2022 | von Ingrid Müller

Das Pestizid Chlordecon kann Prostatakrebs verursachen. Auf den Antillen wurde die Chemikalie Jahrzehnte lang auf Bananenplantagen eingesetzt – viele Landarbeiter erkrankten. Jetzt gilt Prostatakrebs im Zusammenhang mit Chlordecon als Berufskrankheit. 

Jahrzehntelang setzten Landarbeiter auf den beiden größten französischen Antilleninseln - Guadeloupe und Martinique - das Pestizid Chlordecon auf ihren Bananenplantagen ein. Die Chemikalie sollte die Früchte vor dem Bananenrüsselkäfer schützen. Doch Chlordecon – das zeigte sich Jahre später – hatte massive Schäden gleich auf mehreren Ebenen angerichtet: im Landbau, in den natürlichen Ökosystemen und vor allem bei der Gesundheit der Bevölkerung. Denn Landarbeiter auf den Antillen erkrankten vermehrt an Prostatakrebs. Forschende hatten schnell den Verdacht, dass diese Krebserkrankung bei den Männern mit dem hohen Pestizideinsatz zusammenhing. 

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Prostatakrebs durch Chlordecon - finanzielle Entschädigung

Jetzt hat die französische Regierung entschieden, die erkrankten Arbeiter auf den Antillen finanziell zu entschädigen. Prostatakrebs, der in Verbindung mit dem Pestizidkontakt stehe, werde nun als Berufskrankheit anerkannt. Dies teilte das Landwirtschaftsministerium in Paris im Dezember 2021 mit. Damit können die an Prostatakrebs erkrankten Arbeiter jetzt auf finanzielle Hilfen hoffen. 

Die Höhe der Entschädigung und die Anzahl der Menschen, denen diese zusteht, veröffentlichte das Ministerium jedoch nicht. Die Voraussetzung sei aber, dass Landarbeiter dem Pestizid über mindestens zehn Jahre hinweg ausgesetzt waren und der Prostatakrebs spätestens vierzig Jahre nach dem Kontakt mit Chlordecon aufgetreten sei.

 

Chlordecon - Aufnahme über die Nahrung

Chlordecon ist ein organischer Schadstoff, der von 1972 bis 1993 in großen Mengen auf den Bananenplantagen der Antillen eingesetzt wurde. Chemisch ähnelt das Molekül einer Art „Käfig“ aus Kohlenstoff- und Chloratomen. Diese chemische Struktur macht das Chlordecon auch so robust und widerstandsfähig. Der Schadstoff ist sehr stabil in der Umwelt, überdauert lange in den Böden und ist nur begrenzt abbaubar. So sind Menschen dem Insektizid über Jahrzehnte ausgesetzt. 

Sie können Chlordecon zum Beispiel über verseuchtes Trinkwasser und belastete Nahrungsmittel wie Fisch und Wurzelgemüse aufnehmen. Das sind Nahrungsmittel, die die Bevölkerung vor Ort in größeren Mengen konsumiert. Die Behörden empfehlen deshalb schon seit längerem, solche kontaminierten Lebensmittel nur in sehr begrenzten Mengen zu verzehren. Das Wasser wird über Kohlefilter aufwändig vom Chlordecon gereinigt.

 

Chlordecon wirkt wie ein Hormon

Das Pestizid besitzt vermutlich viele schädliche Wirkungen für die Gesundheit. So wiesen Studien nach, dass Chlordecon das Risiko für Frühgeburten erhöht. Außerdem beeinträchtigt es die kognitive und motorische Entwicklung von Babys. Besonders gefährlich scheint der Schadstoff jedoch für Männer zu sein, denn Chlordecon erhöht das Risiko für Prostatakrebs erheblich. Das gilt umso mehr, wenn Prostatakrebs schon in der Familie vorkommt.

Chlordecon lagert sich im Fettgewebe an und reichert sich dort an. Biologisch ist es nur sehr schwer und langsam abbaubar. Der Schadstoff kann somit über lange Zeit seine schädliche Wirkung entfalten. Chlordecon besitzt östrogenähnliche Eigenschaften und zählt zu den hormonaktiven Substanzen. Wenn sie in den Körper gelangen, können sie schon in geringsten Mengen die Gesundheit schädigen, indem sie in das Hormonsystem eingreifen. 

Chlordecon bindet unter anderem in der Prostata an eine Andockstelle (Rezeptor) für Östrogene, über die ein verstärktes Zellwachstum und eventuell auch die Bösartigkeit vermittelt werden. 

 

Chlordecon erhöht Risiko für Prostatakrebs 

Forschende vermuteten schon viele Jahre einen Zusammenhang zwischen der Belastung mit Chlordecon und den im Vergleich zu anderen Ländern hohen Raten an Prostatakarzinomen auf den Antilleninseln. So ist die Anzahl der Männer mit Prostatakrebs auf Martinique und Guadeloupe ungefähr doppelt so hoch wie auf dem französischen Festland. Und bei der Zahl der Neuerkrankungen liegen die beiden Antilleninseln weltweit auf den vorderen Plätzen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die International Agency for Research on Cancer (IARC) hatten Chlordecon schon im Jahr 1979 als „wahrscheinlich krebserregend“ für Menschen eingestuft.

Mehr Licht in die Zusammenhänge zwischen Chlordecon und dem Prostatakrebs auf den Antillen brachte die „Karuprostate-Studie“ eines internationalen Forscherteams. Die Forschenden verglichen 623 Fälle von Prostatakrebs mit 671 Männern, die nicht an dieser Krebsart erkrankt waren. Sie wollten ihre Hypothese überprüfen, dass Chlordecon die Entwicklung von Prostatakrebs auf den Antillen begünstigt. 

Wie stark die Männer dem Chlordecon ausgesetzt waren, bestimmten sie anhand der Konzentration des Pestizids im Blut. Nach dem Kontakt mit dem Insektizid war das Prostatakrebsrisiko deutlich erhöht und auch die Konzentration des Chlordecon im Blutplasma war hoch.  Die Ergebnisse wurden außerdem dadurch gestützt, dass Männer, die Chlordecon aufgrund von genetischen Varianten schlechter eliminieren konnten, ein höheres Risiko für Prostatakrebs hatten. 

Am höchsten war die Gefahr für Männer mit einer familiären Historie von Prostatakrebs, etwa wenn Verwandte ersten Grades wie der Vater oder Bruder erkrankt war.  Die Studie bewies als erste Untersuchung, dass es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Einwirkung von Chlordecon und Prostatakrebs gibt. Sie festigte auch die Annahme, dass Substanzen mit östrogenähnlicher Wirkung aus der Umwelt an der Entwicklung von Prostatakrebs beteiligt sein können. Die Forschenden betonten jedoch, dass beim Prostatakrebs noch andere Risikofaktoren eine Rolle spielen, zum Beispiel der Lebensstil. 

Ursachen und Risikofaktoren

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Chlordecon – Geschichte eines Umweltgiftes

Chlordecon wurde im Jahr 1951 erstmals künstlich hergestellt, 1952 patentgeschützt und ab 1958 in den Vereinigten Staaten produziert. Es kam hauptsächlich als Pestizid in der Landwirtschaft zum Einsatz. Im Jahr 1976 wurden die Herstellung und der Vertrieb von Chlordecon in den Vereinigten Staaten verboten. Der Grund war ein Störfall mit erheblichen Umweltverschmutzungen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen von Arbeitern und Anwohnern.

Frankreich erlaubte jedoch im Jahr 1981 die Wiederaufnahme der Produktion für den
Bedarf der Antillen. Das Insektizid wurde in Brasilien hergestellt, in Frankreich weiterverarbeitet und dann an die Antillen verkauft. In Frankreich war die Produktion seit 1991 verboten, doch die Restbestände wurden bis 1993 an die Antillen geliefert. 

In der BRD wurde Chlordecon im Jahr 1980 und in der DDR 1983 verboten. Im Jahr 2009 wurde das Pestizid in die Stockholmer Konvention der weltweit verbotenen Stoffe aufgenommen. Heute ist global keine Verwendung oder Produktion von Chlordecon mehr bekannt.

Quellen: