Prostatakrebs - Operation mit Roboter

29. Oktober 2018 | von Ingrid Müller

Die Operation mit einem Roboter bei Prostatakrebs ist in vielen Kliniken längst Alltag. Der Urologe Dr. Frank Schiefelbein erklärt im Interview, wie sie funktioniert, für wen sie sich eignet und welche Vorteile sie bringt.

Herr Dr. Schiefelbein, Sie operieren Prostatakrebs seit 2008 mit einem Operationsroboter. Wie haben wir uns das vorzustellen?

Dr. Frank Schiefelbein, Würzburger Urologe

Zunächst einmal operiert der Roboter nicht alleine, wie viele meinen. Er macht also von sich aus keine eigenständigen Bewegungen, sondern übersetzt nur die Operationsschritte des Arztes. Und zwar präziser, als dies der Operateur selbst könnte. Diese Kombination aus Mensch und Maschine ist so erfolgreich, dass Mediziner in den USA den Prostatakrebs in mehr als 90 Prozent der Fälle mit der Unterstützung eines Robotersystems operieren.

Woraus besteht das Robotersystem genau?

Der Operationsroboter besitzt zwei Komponenten. Einerseits die OP-Konsole mit einem 3D-Monitor und der Steuerungsmöglichkeit für die OP-Instrumente, die wiederum durch eine zentrale Steuer- und Recheneinheit kontrolliert werden. Zum anderen verfügt der Roboter über ein mechanisches Seilzugsystem, das die feinen Mikroinstrumente im Körper des Patienten bewegt. Über die Konsole steuert der Operateur einen Kamera-Arm und drei Operationsarme, und zwar durch die Bewegungen seines Daumens, Zeigefingers und Handgelenks. Die Instrumente sind praktisch der „verlängerte Arm“ des Operateurs. Im Gegensatz zu einer offenen Schnittoperation steht der Operateur also nicht selbst am Operationstisch.

Welche Männer profitieren besonders von einer Op mit dem Roboter?

Man kann sagen: Je komplizierter der Eingriff ist und je aufwändiger die Operationsschritte zur Rekonstruktion und Präparation für den Arzt sind, desto größer ist der Vorteil durch das Roboter-System. Wir haben im letzten Jahr an unserer Klinik in Würzburg 470 radikale Prostatektomien durchgeführt, davon mehr als 300 mit dem Roboter-System.

Inkontinenz ist eine häufige Folge der radikalen Prostatektomie. Schneidet der Roboter hier besser ab?

Bezüglich der Inkontinenz haben Männer, die wir mit Hilfe eines Roboters operieren, auf jeden Fall Vorteile. Schon in der Frühphase nach der Operation erzielen wir hohe Kontinenz-Raten. Nach einem Jahr beträgt die Harnkontinenz mehr als 90 Prozent. Aber es gibt noch weitere Vorteile: Wir arbeiten mit der Technik der Bauchspiegelung, bei der nur kleine Schnitte nötig sind. Teilweise sind sie weniger als einen Zentimeter groß. Damit sind die Narben kleiner, Wundheilungsstörungen sind seltener und die Schmerzen nach dem Eingriff fallen geringer aus. Der Patient erholt sich rascher und findet nach dem Krankenhausaufenthalt schneller in sein normales Leben zurück. In der Regel bleibt ein Patient sieben bis neun Tage bei uns.

Und wie steht es mit der Erektilen Dysfunktion?

Den Erhalt der Potenz und das Risiko für die Erektile Dysfunktion müssen wir differenzierter betrachten. Aus Gründen, die im Tumor selbst liegen, können wir nicht jeden Mann potenzerhaltend operieren. Denn dabei verbleiben Teile der Prostatakapsel im Körper des Patienten. Bei einem ausgedehnten und schlecht differenzierten Tumor können wir diese Operationstechnik deshalb gar nicht anwenden. Nur bei einem Tumor, der noch auf die Prostata begrenzt und gut differenziert ist, ist eine potenzerhaltende Op-Technik möglich. Hier kommt es allerdings darauf an, ob wir das Nervengefäßbündel auf beiden Seiten oder nur einseitig erhalten können. Bei einem jüngeren Patienten mit beidseitig potenzerhaltender Operationstechnik gelingt der Erhalt der Potenz ohne Hilfsmittel bei 70 Prozent und mit medikamentöser Unterstützung in nahezu 90 Prozent.

Kommt die Roboter-Op für alle Männer mit Prostatakrebs in Frage?

Hier muss ich leider sagen: nein. Wenn ein Patient bestimmte Vorerkrankungen hat, vor allem Herz‑, Lungen- oder Gefäßerkrankungen, können wir den Eingriff nicht mit dem Roboter durchführen. Der Grund ist, dass wir den Patienten speziell lagern müssen – in der sogenannten Oberkörpertieflagerung. Für diese Patienten wählen wir eine andere Operationstechnik.

Welche Vorteile bietet der Roboter für den Operateur?

Gegenüber der konventionellen Bauchspiegelung, der Laparoskopie, bei der wir ebenfalls durch kleine Schnitte unter der Haut operieren, bietet das Roboter-gestützte Operieren einige Vorteile. Zunächst arbeiten wir mit einer Doppelkamera – also einer für jedes Auge. Diese Kamera liefert uns ein dreidimensionales, hochauflösendes Bild aus dem Körper. Durch die HD-Technik haben wir eine hervorragende Sicht und die Bilder lassen sich bis zu 15-fach vergrößern. Der Arzt erkennt also wichtige Strukturen wie Nerven und Gefäße besser, was den Eingriff sicherer für den Patienten macht.

Außerdem besitzen die Mikroinstrumente Doppelgelenke. Dadurch erreichen wir eine außergewöhnliche Bewegungsfreiheit und können Bewegungen durchführen, zu denen ein Mensch mit seinen Fingern nicht in der Lage wäre. Auf engstem Raum können wir somit sehr komplexe Präparationsschritte vornehmen. Der Operateur ist die gesamte Operation über sehr entspannt. Er kann an der Steuerkonsole sitzen und die Arme abstützen. Er bewegt die Instrumente vollständig kontrolliert und ohne jegliches Zittern.

Wie lange dauert eine durchschnittliche OP mit dem Roboter?

Die Operation mit dem Robotersystem dauert ungefähr so lange wie eine herkömmliche Op. Generell hängt die Operationsdauer davon ab, ob wir potenzerhaltend oder nicht operieren oder ob wir mehrere Lymphknoten entfernen müssen. Im Schnitt dauert die OP zwei bis zweieinhalb Stunden.

Wer ist – neben dem Roboter – an einer solchen Op beteiligt?

An der Operation mit Roboter sind drei Personen beteiligt. Zunächst der Operateur an der Steuerkonsole. Außerdem ein Arzt, der direkt beim Patienten steht und über zwei gesonderte Instrumente – die Trokare – Nahtmaterial einbringt und gegebenenfalls Gewebematerial entfernt. Dazu kommt eine OP-Schwester, die instrumentiert.

Wie teuer ist ein Operationssystem mit Roboter?

Die Kosten sind sehr hoch. Allein der Anschaffungspreis für das Roboter-System liegt bei etwa 1,7 Millionen Euro. Dazu kommen die Wartungskosten von 150.000 Euro pauschal im Jahr. Die einzelnen Instrumente können wir nur für zehn Operationen verwenden. Anders als in anderen europäischen Ländern und in den USA können wir in Deutschland die zusätzlichen Kosten leider noch nicht mit den Krankenkassen abrechnen.

Übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die Prostatakrebs-Op mit Roboter?

Die gesetzlichen Kassen ein Deutschland bezahlen pauschal einen Betrag für die Durchführung einer radikalen Prostatektomie. Dieser ist unabhängig von der Technik, mit der wir operieren. Dennoch verlangen wir den Patienten in unserer Klinik keine zusätzlichen Kosten ab. In Deutschland liegt der Anteil aller radikalen Prostatektomien, die mit dem Operationsroboter-System durchgeführt werden, bei mehr als 40 Prozent. In den nächsten Jahren erwarten wir ein Zusatzentgelt, das die Mehrkosten für die Instrumente und deren Aufbereitung abdeckt.

 

Interview: Martina Häring