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Prostatakrebs: längeres Überleben, aber nicht um jeden Preis

15. November 2018 | von Ingrid Müller

Männer mit Prostatakrebs machen offenbar Tauschgeschäfte, wenn es um ihre Krebsbehandlung geht. Sie opfern ein längeres Überleben, wenn im Gegenzug die Nebenwirkungen der Therapie geringer ausfallen.

Das längere Überleben bei Prostatakrebs steht wohl für die meisten Männer ganz oben auf der Wunschliste, wenn es um die Therapiewahl geht. Einige Behandlungen bei Prostatakrebs bergen jedoch das Risiko von Erektiler Dysfunktion und Inkontinenz. Dies gilt besonders für die Operation (radikale Prostatektomie) und die Strahlentherapie

Bekannt ist, dass diese beiden Folgen der Therapien die Männer am meisten belasten. Sie brauchen Wochen oder Monate, um sich von den Nebenwirkungen zu erholen und einige sogar weitere Behandlungen deswegen.

Prostatakrebs: Nebenwirkungen senken die Lebensqualität

Jetzt fand eine Studie britischer Forscher vom Imperial College London heraus, dass Männer mit neu diagnostiziertem Prostatakrebs sogar bereit sind, einige Lebenszeit zu opfern – wenn sie damit im Gegenzug die Impotenz und Inkontinenz vermeiden und ihre Lebensqualität verbessern können. Beide Folgen der Krebsbehandlungen bewerten Männer als besonders wichtig und sind daher bereit, sich weniger „radikal“ behandeln zu lassen. 

„Wir wissen, dass sich die Männer ein langes Leben wünschen, aber viele von ihnen werden infolge der Behandlungen depressiv. Ihre Lebensqualität sinkt und ihre persönlichen Beziehungen leiden erheblich“, erklärt der Studienleiter Prof. Hashim Ahmed. Die Ergebnisse ihrer Studie stellten die Forscher auf der Krebskonferenz 2018 des National Cancer Research Institute vor.

Prostatakrebs: Lebenszeit oder Nebenwirkungen?

Die Forscher befragten 634 Männer, bei denen Ärzte in verschiedenen britischen Krankenhäusern neu Prostatakrebs diagnostiziert hatten. Der Krebs in der Prostata hatte noch bei keinem Mann gestreut, also Metastasen in den Lymphknoten oder anderen Organen gebildet. 

74 Prozent der Männer litten unter einem Prostatakarzinom mit niedrigem oder mittlerem Risiko, 26 Prozent hatten dagegen einen Hochrisiko-Prostatakrebs. Alle hatten ihre Diagnose mitgeteilt und allgemeine Informationen dazu bekommen. Verschiedene Therapieoptionen hatten sie noch nicht mit ihren Ärzten diskutiert.

Die Forscher präsentierten den Männern zwei verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Beide unterschieden sich hinsichtlich der Überlebenszeit, dem Risiko von Inkontinenz und Erektiler Dysfunktion, der Erholungszeit und dem Risiko für weitere Behandlungen. Die Männer sollten angeben, für welche Behandlung sie sich entscheiden würden. Die Forscher wiederholten die Befragung mehrmals und variierten dabei immer wieder den Einfluss auf die Überlebenszeit und die Nebenwirkungen. Auf der Basis der Therapiewahl der Männer konnten die Forscher identifizieren, wie wichtig jeder einzelne Faktor einem Mann durchschnittlich war.

Tauschhandel bei Prostatakrebs: Männer opfern längeres Überleben

Das Überleben war für die Männer der wichtigste Faktor, gefolgt von der Möglichkeit, die Inkontinenz zu vermeiden, keine weitere Behandlung zu brauchen und zuletzt – die Erektionsfähigkeit zu erhalten. Allerdings waren die Männer auch bereit, einen „Tauschhandel“ zwischen den Nebenwirkungen der Therapien und der Lebenszeit vorzunehmen.

So gaben sie eine 0,68-prozentige Chance auf ein längeres Überleben auf, wenn sie dafür die Möglichkeit auf den Erhalt der Kontinenz um einen Prozentpunkt erhöhen konnten. Ähnliches ließ sich auch für das Risiko weiterer Behandlungen feststellen: Eine 0,41-prozentige Chance auf eine längere Lebenszeit tauschten sie ein, wenn ihre Chance um ein Prozent höher war, keine weiteren Behandlungen mehr absolvieren zu müssen. Und für eine um ein Prozent höhere Chance, ihre Erektionsfähigkeit zu erhalten, opferten sie 0,28 Prozent ihrer potenziellen Lebenszeit.

„Es ist offensichtlich, dass das Überleben bei der Therapiewahl für die Männer an erster Stelle steht. Die Studie zeigt aber auch, dass wir es differenzierter betrachten müssen“, sagt Ahmed. Zwar wünschten sich die Männer ein langes Leben – aber nicht um jeden Preis. „Sie bewerten Krebsbehandlungen höher, die weniger Nebenwirkungen haben. Und zwar so sehr, dass sie dafür ein kürzeres Leben in Kauf nehmen.“

Weniger belastende Behandlungen bei Prostatakrebs sind möglich

Auch wenn jeder Mann mit Prostatakrebs unterschiedliche Behandlungen bevorzugt: Es sei wichtig für sie zu wissen, dass viele Männer über diese Balance zwischen Lebenszeit und Lebensqualität nachdenken, so die Autoren. „Sie sollen nicht glauben, dass es falsch ist, solche Gedanken zu hegen.“

Für manche Männer mit Prostatakrebs eignen sich weniger belastende Behandlungen, zum Beispiel die aktive Überwachung (active surveillance) oder das beobachtende Abwarten (watchful waiting). Auch dieHIFU sowie die Kälte- oder Wärmetherapie ist für manche Männer eine Möglichkeit, bei der Ärzte den Prostatakrebs gezielt angehen und gesundes Gewebe schonen.

Quelle

  • Ahmed H. et al. ‚Evaluating the trade-offs men with localised prostate cancer make between the risks and benefits of treatments: the COMPARE study,‘ Abstract number 1967