© vitanovski/iStock

Radiochirurgie – Cyberknife gegen Prostatakrebs

04. Dezember 2020 | von Ingrid Müller

Cyberknife ist eine Bestrahlungsmethode, bei der Ärzte mit einem präzisen „Strahlenmesser“ gegen bösartige Tumoren vorgehen – in der Prostata, aber auch in vielen anderen Organen und Geweben. Alles über die Radiochirurgie und das „Operieren mit Strahlen“. 

Was ist Cyberknife?

Cyberknife ist eine noch relativ neue radiochirurgische Methode, mit der sich gut- und bösartige Tumoren sehr präzise bestrahlen lassen. Das Wort Radiochirurgie bedeutet so viel wie „Operieren mit Strahlen“. Und Cyberknife lässt sich mit einem Messer vergleichen, das mit Strahlen schneidet. Entwickelt wurde die Bestrahlungsmethode von Forschern der Standford University.

Redaktion transparent

Warum wir den Markennamen Cyberknife nennen:

  • Der Name „Cyberknife“ hat sich in den Sprachgebrauch eingebürgert – bei Ärzten und Patienten.
  • Wir haben unsere Nutzer im Blick: Wer nach der radiochirurgischen Methode im Internet sucht, soll den redaktionellen Inhalt auch auffinden und sich informieren können
  • Neben dem Cyberknife gibt es noch andere Methoden der Radiochirurgie, die nach dem gleichen Prinzip arbeiten, zum Beispiel TrueBeam oder Novalis. Verschiedene Kliniken in Deutschland bieten sie an.

Radiologen richten dabei hohe Strahlendosen auf kleine Bereiche des Körpers, zum Beispiel auf bösartige Tumoren in der Prostata. So lässt sich gesundes Gewebe in der Umgebung besser schonen. Das Verfahren heißt auch „hypofraktionierte perkutane Strahlentherapie“. Im Vergleich zur normalen Bestrahlung funktioniert Cyberknife mit einer höheren Einzeldosis, geringerer Gesamtdosis und einer meist kürzeren Behandlungsdauer.

Stereotaktische Bestrahlung – was ist das?

Die stereotaktische Bestrahlung ist eine sehr präzise Methode der Strahlentherapie. Sie kann kleine Tumore oder Metastasen schonend und wirksam behandeln. Radiologen können dabei hohe Einzeldosen gezielt auf den Tumor richten und Risikoorgane besser schützen. Die Therapie ist ambulant möglich.

Wie funktioniert Cyberknife?

Cyberknife kombiniert drei verschiedene Technologien miteinander, die gemeinsam Hand in Hand arbeiten und so eine genaue Bestrahlung von Tumoren ermöglichen.

Linearbeschleuniger

Dieser erzeugt hochenergetische Photonenstrahlen (Röntgenstrahlen) und lenkt sie aus vielen verschiedenen Richtungen des Raums auf den Tumor. Die Strahlen treffen gebündelt auf das Krebsgewebe, überlagern sich dort, entfalten gezielt ihre Wirkung und schalten so den Tumor aus – vergleichen lässt sich dies mit einem „Kreuzfeuer“, in das der Krebsherd gerät.

Jeder einzelne Strahl für sich genommen wäre zu schwach, um dem Tumor etwas anhaben zu können. Aber zusammen genommen entfalten die Strahlen eine enorme Schlagkraft. Das umliegende gesunde Gewebe bekommt nur einen geringen Teil der Strahlenenergie ab und lässt sich somit weitgehend schonen.

Präzisionsroboter

Der Photonenstrahler ist an einem Roboterarm befestigt, der mehrere Gelenke besitzt und sich daher flexibel steuern lässt. Der Roboter besitzt verschiedene Sicherungssysteme, damit er dem Patienten bei der Bestrahlung nicht zu nahe kommt.

Computergesteuertes Bildortungssystem und dynamische Positionskorrektur

Cyberknife verfügt über ein spezielles Bildortungssystem. Dieses besteht aus zwei Röntgenröhren an der Decke und zwei Bilddetektoren, die sich im Boden befinden. So lassen sich Strukturen und Organe präzise im Raum orten.

Außerdem lässt sich die Position des Roboters dynamisch anpassen. Patienten haben während der Bestrahlung LEDs auf ihrem Oberkörper, deren Bewegungen eine Kamera aufzeichnet. Während der Cyberknife-Behandlung verfolgt und korrigiert das System die Bewegungen des Patienten in Echtzeit. Es fertigt kontinuierlich neue Röntgenbilder an und vergleicht sie mit den ursprünglichen Aufnahmen der Computertomografie. So kann das System Abweichungen berechnen und Bewegungen des Tumors ausgleichen, zum Beispiel wenn ein Patient atmet (Atemkompensation). Beide Informationen – die Tumorposition und die Atembewegung – synchronisiert das System zeitlich und erstellt dann ein Modell der Tumorbewegung.

Cyberknife: Linearbeschleuniger, Roboterarm und Positionskorrektur in einem © Europaisches Cyberknife Zentrum Muenchen-Großhadern

Cyberknife bei Prostatakrebs – für welchen Mann?

Die Methode eignet für Männer mit lokal begrenztem Prostatakrebs. Manchmal wenden Radiochirurgen sie auch bei lokalen Rückfällen (Rezidiven) sowie Metastasen in den Lymphknoten oder Knochen an. Allerdings dürfen nicht zu viele Metastasen vorhanden sein. Bislang ist Cyberknife bei Prostatakrebs eine experimentelle Methode. Das bedeutet, dass Ärzte sie nur im Rahmen von Studien durchführen sollten.

Allgemein ist Cyberknife zur Behandlung von gut- und bösartigen Tumoren in verschiedenen Körperbereichen zugelassen, zum Beispiel Gehirn, Rückenmark, Wirbelsäule, Prostata, Lunge, Leber, Niere oder Bauchspeicheldrüse. Ob diese Form der stereotaktischen Bestrahlung für Sie in Frage kommt, hängt von der Art und Größe des Tumors ab. Zudem spielen noch individuelle Faktoren eine Rolle. Besprechen Sie sich immer mit Ihrem behandelnden Arzt, ob Cyberknife eine Behandlungsmöglicheit für Sie ist.

Wie wirkt die Cyberknife?

Dei radiochirurgische Methode funktioniert mit Hilfe von gebündelten Röntgenstrahlen. Diese schädigen das Erbgut der Krebszellen, die DNA. Im Gegensatz zu gesunden Zellen können bösartige Tumorzellen diese Schäden nicht mehr reparieren. Sie können sich nicht mehr teilen und vermehren – dann sterben sie ab. Der Körper beseitigt die toten Zellen im Anschluss.

Manchmal stellt sich die Wirkung bei Cyberknife erst allmählich ein. Einige Tumoren verschwinden langsamer als andere. Wichtig ist es daher, dass der Radiologe Erfahrung mit dem Verfahren hat. Denn auch geringfügige Veränderungen lassen sich positiv deuten – etwa, wenn der Tumor sein Wachstum einstellt oder nicht mehr aktiv ist.

Cyberknife bei Prostatakrebs – was sind die Besonderheiten?

Die Prostata ist ein bewegliches Organ – wie viele andere Organe auch. Und das ist eine große Herausforderung für Radiologen. Denn die Prostata kann ihre Position aufgrund der Darmaktivität, Füllung von Darm und Blase oder Bewegungen des Patienten (z.B. beim Atmen) unvorhersehbar ändern. Dann verändert sich auch die Lage des Tumors, den es zu bekämpfen gilt. Zudem ist die Prostata selbst auf Röntgenaufnahmen nicht erkennbar. Um sie aufzufinden, implantieren Ärzte vor der Behandlung vier kleine Goldmarker in die Prostata, sogenannte “Fiducials“. Dies geschieht unter örtlicher Betäubung und Kontrolle durch Ultraschallbilder.

Anhand dieser Goldmarker können Radiologen später die Position der Prostata per Bildortungssystem bestimmen und korrigieren. Es ortet, verfolgt und korrigiert Bewegungen automatisch – so lassen sich die einzelnen Strahlen gezielt zu ihrem Ziel hin steuern und abgeben. Gesundes Gewebe in der Umgebung der Prostata lässt sich auf diese Weise besser schonen.

Cyberknife – Ablauf der Bestrahlung

Wie bei jeder Behandlung steht am Anfang das Gespräch zwischen Arzt und Patient. Radiologen müssen gut über Ihre Krankengeschichte Bescheid wissen, zum Beispiel:

 

Ärzte erklären Ihnen die Behandlung ausführlich. Sie sagen Ihnen, wie sie abläuft und welche Chancen und Risiken sie birgt. Wichtig ist eine gute Planung der Therapie. Folgende Schritte umfasst die stereotaktische Strahlentherapie:

Computertomografie (Planungs-CT)

Ärzte ermitteln zunächst die genaue Form und Lage des Tumors in der Prostata anhand einer Computertomografie (CT). Diese arbeitet mit Röntgenstrahlung und nimmt den Körper „scheibchenweise“ auf. Meist kommt ein Kontrastmittel zum Einsatz. So entstehen detaillierte Schnittbilder aus dem Körperinneren. Daraus errechnen sie wiederum die notwendige Strahlendosis und Einstrahlrichtung.

Die Daten aus dem Planungs-CT verwenden Ärzte später zum Abgleich mit der tatsächlichen Position während der Cyberknife-Behandlung. Weil die Prostata beweglich ist und sich später verschieben kann, implantieren Ärzte vorab unter örtlicher Betäubung über den Damm winzige Goldmarker zur Markierung. Diese Stifte aus Gold sind wenige Millimeter lang und dienen als Orientierung während der Bestrahlung.

Bestrahlung planen

Experten erstellen vor der Behandlung einen ausgeklügelten Bestrahlungsplan. Die Software des Cyberknife-Systems nutzt dafür die Daten aus dem Planungs-CT und errechnet die optimale Strahlenverteilung. Die CT-Bilder lassen sich zudem mit Aufnahmen einer Magnetresonanztomografie (MRT= Kernspintomografie) oder Positronenemissionstomografie (PET) kombinieren. Der Arzt markiert auf den Bildern den Tumor sowie die angrenzenden Strukturen, die er möglichst gut schonen möchte.

Bestrahlung mit Cyberknife

Vorab der Strahlenbehandlungn helfen Ihnen vielleicht einige Tipps:

  • Tragen Sie normale, bequeme Kleider, die Sie nicht einengen. Sie sollten sich möglichst frei darin fühlen und gut bewegen können.
  • Sie können vorher normal essen und trinken, müssen also nicht nüchtern erscheinen.
  • Nehmen Sie auch eventuelle Medikamente wie gewohnt ein.
  • Vielleicht lassen Sie sich von einem Freund oder Angehörigen zur Behandlung begleiten – er kann Sie vor und nach der Bestrahlung unterstützen.

 

Der Ablauf der Cyberknife-Bestrahlung selbst lässt sich ungefähr so beschreiben:

  • Der Arzt positioniert Sie auf der Behandlungsliege – Sie sollten bequem, ruhig und entspannt liegen. Sie können auch Musik hören, wenn Sie mögen.
  • Während der Behandlung sind Sie alleine im Raum. Sie sind jedoch per Video und Sprechanlage mit dem Behandlungsteam nebenan verbunden.
  • Das Cyberknife wird durch einen Roboter geführt. Der Arm mit dem Photonenstrahler bewegt sich Schritt für Schritt zu den jeweiligen Positionen, die zuvor errechnet wurden. Dann wird der Tumor jeweils wenige Sekunden lang bestrahlt. Bevor das Gerät die Strahlen abgibt, nimmt es neue Bilder auf und gleicht sie mit den Daten aus dem Planungs-CT ab. So lassen sich Abweichungen erkennen und die Richtung der Strahlen korrigieren. Auch das gesamte Behandlungsteam überwacht jeden Schritt und kann jederzeit eingreifen. Zudem besitzt der Roboter verschiedene Sicherungssysteme und stoppt bei Abweichungen automatisch. Die Behandlung lässt sich unterbrechen und wieder fortsetzen.
  • Meist sind eine bis maximal fünf Sitzungen nötig – je nach Art und Größe des Tumors. Eine Behandlungssitzung dauert ungefähr 30 bis 90 Minuten.
  • Nach der Cyberknife-Bestrahlung können Sie ganz normal in Ihren Alltag zurückkehren.

 

Etwa drei Monate nach der Behandlung sollten Sie die Nachsorge wahrnehmen. Der Arzt fragt sie zu Ihrem Gesundheitszustand, Nebenwirkungen, Komplikationen und Ihrem Wohlbefinden.

Vorteile von Cyberknife

Die stereotaktische Bestrahlung besitzt einige Pluspunkte. Manche treffen allerdings auch auf die konventionelle Strahlentherapie zu. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Kürzere Behandlungszeit von höchstens fünf Tagen. Die konventionelle Bestrahlung von außen über die Haut dauert dagegen mehrere Wochen. Beide Bestrahlungsverfahren sind jedoch etwa gleich effektiv.
  • Die Behandlung ist schmerzfrei und funktioniert nicht-invasiv (ohne Op mit Schnitten)
  • Angrenzendes gesundes Gewebe wird geschont.
  • Sie können die Therapie ambulant durchführen – anschließend gehen Sie wieder nach Hause. Das gilt allerdings auch für die Strahlentherapie von außen.
  • Keine oder nur wenige Nebenwirkungen
  • Rasche Rückkehr in den Alltag

 

Cyberknife – Nachteile und Nebenwirkungen

Cyberknife gibt die Strahlen sehr zielgenau in den Tumor ab und sorgt dafür, dass umliegendes Gewebe keinen großen Schaden nimmt. Ein Nachteil ist, dass dies nur bei relativ kleinen Tumoren funktioniert. Daher eignet sich die stereotaktische Bestrahlung nicht für jeden Mann mit Prostatakrebs. Die Cyberknife-Behandlung kann – wie jede Therapie – mit Nebenwirkungen verbunden sein. Sie hängen von der Größe und Lage des Tumors sowie der eingesetzten Strahlendosis ab.

Möglich sind zum Beispiel:

  • Müdigkeit, Abgeschlagenheit
  • leichte Kopfschmerzen
  • Übelkeit

In der Regel klingen diese Beschwerden von selbst innerhalb weniger Tage ab und Patienten erholen sich wieder vollständig.

Strahlentherapie

Lesen Sie, wie die Bestrahlung von außen und von von innen mittels Brachytherapie funktioniert. Außerdem: Warum die Strahlentherapie nach einer Operation oft warten kann.

Cyberknife – bezahlt die Krankenkasse die Bestrahlung?

Einige Kliniken, die eine Cyberknife-Behandlung anbieten, haben spezielle Verträge mit den gesetzlichen Krankenkassen zur Übernahme der Kosten geschlossen. Ist die nicht der Fall, können Sie bei Ihrer Krankenkasse eine Einzelfallentscheidung beantragen. Wichtig ist immer vor der Behandlung: Fragen Sie bei Ihrer Krankenkasse nach und sprechen Sie mit den behandelnden Ärzten über die Kosten. So sind Sie auf der sicheren Seite und bleiben anschließend nicht auf hohen Geldbeträgen sitzen.

Die privaten Krankenversicherungen bezahlen die Cyberknife-Behandlung meist. Aber auch hier gilt der Ratschlag: Fragen Sie zuvor nach, damit Sie keine böse Überraschung erleben. Kliniken in vielen Großstädten wie München, Hamburg oder Berlin bieten die Cyberknife-Behandlung an. 

Achtung: Die S3-Leitlinie zu Prostatakrebs empfiehlt die hypofraktionierte Bestrahlung derzeit nur im Rahmen kontrollierter, klinischer Studien. Auch wenn sich die Methode in den Studien nicht bislang nicht als unterlegen im Vergleich zur konventionellen Bestrahlung gezeigt hat – Experten zufolge sind die bisherigen Studien noch nicht aussagekräftig genug – es müssen weitere folgen.

Quellen:

  • Europäisches Cyberknife Zentrum München-Großhadern, https://www.cyber-knife.net/de/behandlung/indikationen/prostata.html und https://www.cyber-knife.net/de/patienten/faq.html
  • Charité Universitätsmedizin Berlin, https://radioonkologie.charite.de/leistungen/cyberknife/behandlungsspektrum/prostatakarzinom/
  • Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms, Version 5.1, Stand: Mai 2019 https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Leitlinien/Prostata_5_0/LL_Prostatakarzinom_Langversion_5.1.pdf (Abruf: 23.11.2020)