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Kastrationsresistenter Prostatakrebs: Neuer Subtyp entdeckt

07. Juni 2022 | von Ingrid Müller

Ein US-Forscherteam fand einen neuen Subtyp von Prostatakrebs, der sogar sehr häufig vorkommt - in bis zu 30 Prozent der Fälle. Mit neuen Medikamenten ließe er sich gezielt behandeln. 

Ein kastrationsresistenter Prostatakrebs ist schwer behandelbar, weil er unempfindlich gegenüber dem Hormonentzug geworden ist. Das Prostatakarzinom wächst dann auch ohne Testosteron weiter. Im Schnitt dauert es zwei bis drei Jahre, bis der Prostatakrebs hormonunempfindlich geworden ist. Bislang wurden zwei Untertypen beschrieben: der hormonempfindliche Prostatakrebs, der unter dem Einfluss von männlichen Geschlechtshormonen wächst, und der neuroendokrine Prostatakrebs, der selbst Hormone produziert. 

Jetzt fanden Forschende des Memorial Sloan Kettering Cancer Center (MSK) and der Weill Cornell Medicine einen dritten, bislang unbekannten Subtyp: den stammzellähnlichen Prostatakrebs (Engl. stem cell-like = SCL). Der Name rührt daher, dass ähnliche Gene wie in Stammzellen aktiv sind. Und SCL-Typ kommt offenbar gar nicht so selten vor – nämlich in etwa 30 Prozent aller Fälle. Die Erkenntnisse ebneten jetzt den Weg für gezielte Behandlungen dieses neu beschriebenen Subtyps, hoffen die Wissenschaftler. Die Ergebnisse ihrer Studie veröffentlichten sie im renommierten Fachmagazin „Science“.

Kastrationsresistenter Prostakrebs

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Organoide als „Avatare“ – organähnliche Strukturen  gezüchtet

Die Forschenden untersuchten 40 verschiedene Proben von Prostatakrebszellen, die sie von Männern mit dieser Krebserkrankung erhalten hatten. Dafür setzten sie jedoch eine noch relativ neue Technologie ein: sogenannte Organoide. Dies sind dreidimensionale, organähnliche Strukturen, die sich im Labor aus kleinen Gewebestücken züchten lassen. In diesem Fall dienten die Prostatakrebszellen der Patienten als Ausgangsmaterial. 

Organoide aus Prostatakrebszellen ähneln den ursprünglichen Tumoren. Sie sind also eine Art „Avatar“ eines Tumors. Daran lassen sich die Genetik, aber auch biochemische Vorgänge wie die räumliche Anordnungen und Interaktionen von Zellen untersuchen. Auch Krankheiten oder die Wirksamkeit neuer Medikamente können Forschende daran studieren. Die Herstellung solcher Organoide im Labor ist jedoch nicht ganz einfach. Es gilt, die richtigen Wachstumsbedingungen für die Zellen herauszufinden. Dazu gehören zum Beispiel die Strukturen, auf denen die Zellen wachsen, sowie die richtigen „Zutaten“ in Form von Wachstumsfaktoren. 

Dies könnte auch ein Grund sein, warum der Prostatakrebs-Subtyp den Wissenschaftlern so lange verborgen geblieben ist. „Prostatakrebs ist grundsätzlich schwer im Labor zu vermehren“, erklärt der Studienleiter Dr. Yu Chen. „Während es beim Schwarzen Hautkrebs und Lungenkrebs Hunderte von Zelllinien gibt, sind es beim Prostatakrebs nur drei oder vier Zelllinien, die wirklich nützlich sind“, so Chen weiter. 

Zusätzlich stellten die Forschenden aus allen 40 Patientenproben noch sogenannte Xenografts oder Xenotransplantate her. Dabei werden Tumorzellen eines Patienten mit Prostatakrebs in ein Tier eingepflanzt, in diesem Fall in eine Maus. In den Nagetieren wachsen und verbreiten sich die Krebszellen.

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Prostatakrebs-Subtyp SCL – in etwa 30 Prozent der Fälle

Anhand der Organoide bestimmten die Forschenden, welche Gene in den Zellen aktiv waren und welche nicht. Anhand dieser Informationen wiesen die Forschenden die Existenz des neuen Prostatakrebs-Subtyps nach. Innerhalb der SCL-Tumore identifizierten sie zudem einige Eiweiße (Proteine namens „YAP“ und „TAZ“), die gemeinsam an einem Strang ziehen und den Prozess der Resistenzentwicklung befeuern. Auch bei anderen Krebswarten wie Darmkrebs, Brustkrebs oder Lungenkrebs spielen diese molekularen Pfade eine Rolle. Daher versuchen Forschende, diese Wege zu unterbrechen und die Aktivität der Proteine zu stoppen.

Dann überprüften sie, ob dieser SCL-Subtyp schon in einer Biobank von 366 Prostatakrebstumoren vorhanden war. In etwa 30 Prozent der Fälle ließ er sich nachweisen. Tatsächlich war es in der Biodatenbank der zweithäufigste Typ – nach dem hormonempfindlichen Prostatakrebs. „Auf diesem Feld wird seit Jahren viel geforscht. Daher waren wir überrascht, eine große Gruppe von Patienten zu finden, deren Tumoren bisher noch nicht charakterisiert wurden“, sagt Chen. 

Neue Medikamente gegen den Prostatakrebs-Subtyp entwickeln

Weil jetzt die molekularen „Treiber“ dieses häufigen Untertyps bekannt sind, ließen sich neue Medikamente entwickeln, die genau auf diese abzielen, hofft das Forscherteam. Dies könnte die Behandlungsmöglichkeiten verbessern. Es gibt schon einige  Medikamente, die zwar noch experimentell sind, aber bei Menschen getestet werden. Diese blockieren das Wachstum des SCL-Subtyps im Labor und in Tierversuchen. Jetzt soll eine klinische Studie folgen, um diese Medikamente an Männern mit SCL-Prostatakrebs zu testen. 

Hormontherapie

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„In den letzten 80 Jahren war die Hormontherapie das Rückgrat der Behandlung von hormonempfindlichem Prostatakrebs“, so Chen. „Der Grund ist, dass nahezu alle Prostatatumoren bei der ersten Diagnose unter dem Einfluss von Testosteron wachsen.“ Werde der Prostatakrebs jedoch kastrationsresistent, verwandle  er sich in eine potenziell tödliche Erkrankung. Es gibt dann zwar immer noch Behandlungsmöglichkeiten, aber deren Auswahl ist begrenzt. 

Kastrationsresistenter Prostatakrebs – meist nach wenigen Jahren

Männern mit Prostatakrebs kann die Hormontherapie helfen, jedenfalls eine Zeit lang. Dabei kommen Medikamente zum Einsatz, welche die Testosteronproduktion unterdrücken oder die Wirkung des männlichen Geschlechtshormons an den Zellen abschwächen. Doch irgendwann – meist nach zwei bis drei Jahren der Hormontherapie – wird der Prostatakrebs unempfindlich gegenüber dem Hormonentzug. Er wächst dann auch ohne Testosteron weiter. Ein kastrationsresistenter Prostatakrebs braucht viel geringere Mengen an Androgenen. Er kann sich auch dann weiterentwickeln, wenn kaum mehr männliche Geschlechtshormone im Körper vorhanden sind. Die Wirkung der Hormontherapie ist daher nicht von Dauer. 

Ein hormonresistentes Prostatakarzinom liegt vor, wenn der PSA-Wert im Blut trotz Hormontherapie wieder klettert. Ärztinnen und Ärzte stellen dies fest, wenn drei PSA-Tests innerhalb von drei Wochen einen Anstieg zeigen. Auch bei Männern, die Symptome aufgrund ihres Prostatakrebses entwickeln, kann der Prostatatumor kastrationsresistent geworden sein. 

Quellen: