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Alternativmedizin bei Krebs - wann sie riskant ist!

29. Juli 2018 | von Ingrid Müller

Viele setzen bei Krebs auf die Alternativmedizin, etwa pflanzliche Mittel, Homöopathie oder Akupunktur. Doch sie kann zur Gefahr werden und mehr schaden mehr als sie nützt, ergab eine Studie.

Wer an Krebs erkrankt, bekommt von den Ärzten meist Behandlungen aus der Schulmedizin vorgeschlagen: OperationChemotherapieBestrahlung oder Medikamente, die gezielt gegen die Tumorzellen wirken. Manche glauben nicht an die Wirksamkeit dieser Krebstherapien oder fürchten sich vor den Nebenwirkungen – und entscheiden sich deshalb für vermeintlich „sanftere“ Methoden der Alternativmedizin. 

Sie setzen auf die Traditionelle Chinesische Medizin mit Akupunktur, Homöopathie oder spezielle Krebsdiäten – entweder zusätzlich oder sogar als Ersatz für die Schulmedizin. Vor allem die Jüngeren halten offenbar große Stücke auf die Alternativmedizin: In einer Umfrage unter 18- bis 29-Jährigen schätzen sieben Prozent alternative Heilmethoden bei Krebserkrankungen als sehr effektiv ein.

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Alternativmedizin bei Krebs kann gefährlich werden

US-Wissenschaftler wollten jetzt wissen, wie es Krebspatienten ergeht, wenn sie ausschließlich die Alternativmedizin bei Krebs anwenden. Und was mit jenen Tumorpatienten geschieht, die dies nicht tun. Die Ergebnisse sind bedenklich: Wer bei seinem Krebs nur der Komplementärmedizin vertraute, hatte ein doppelt so hohes Risiko, die ersten fünf Jahre nach seiner Krebsdiagnose nicht zu überleben. 

Die sanften Behandlungen nützten demnach nicht nur nichts, sondern schadeten auch noch, indem sie die Überlebenszeit verkürzten. Die Forscher vermuten, dass der Alternativmedizin zugeneigte Krebspatienten diese nicht als Ergänzung, sondern als Ersatz zur Schulmedizin anwenden – sie sparten sich schulmedizinische Behandlungen also öfters ganz.

Krebspatienten mit und ohne alternative Heilmethoden im Vergleich

Die Forscher hatten die Daten von fast zwei Millionen Krebspatienten analysiert, die zwischen den Jahren 2004 und 2013 in den nationalen Krebsdatenbanken erfasst waren. Sie litten unter frühem Brust‑, Prostata-, Lungen- oder Darmkrebs, der noch keine Metastasen in anderen Organen gebildet hatte. Potenziell sind die Krebsarten in diesem Stadium gut heilbar. 

Als Komplementärmedizin stuften sie alle Behandlungen ein, deren Wirksamkeit nicht wissenschaftlich nachgewiesen ist und die nicht von einem Arzt verabreicht wurden. Als Schulmedizin definierten sie dagegen die Operation, Chemotherapie, Strahlentherapie und Hormontherapie. Eingerechnet wurden Krebspatienten, die mindestens eine dieser Therapien erhalten hatten.

Von allen Patienten filterten sie 258 Krebskranke heraus, die nur komplementärmedizinische Methoden genutzt hatten: 199 Frauen und 59 Männer, die im Schnitt 56 Jahre alt waren. Diesen stellten sie 1032 Patienten (798 Frauen und 234 Männern) als Kontrollgruppe gegenüber, die hinsichtlich der Krebsart, des Alters, Geschlechts und des Bildungsniveaus möglichst ähnlich waren. Der Unterschied war nur, dass diese keine Alternativmedizin angewendet hatten.

Viele Krebspatienten wollen keine Schulmedizin

Die Forscher fanden heraus, dass die an der Alternativmedizin orientierten Krebspatienten herkömmliche Krebsbehandlungen viel häufiger ablehnten.

  • 7 Prozent wollten keine Operation – bei der Kontrollgruppe waren es nur 0,1 Prozent
  • 34,1 Prozent lehnten die Chemotherapie ab (Kontrolle: 3,2 Prozent)
  • 53 Prozent entschieden sich gegen eine Strahlenbehandlung (Kontrolle: 2,3 Prozent)
  • 33,7 Prozent nahmen keine hormontherapie ein (Kontrolle: 2,8 Prozent)

 

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Und dieser Verzicht auf die etablierten Krebsbehandlungen hatte fatale Folgen: Aus der Gruppe der Krebspatienten, welche die Alternativmedizin gewählt hatte, überlebten deutlich weniger die ersten fünf Jahre nach der Krebsdiagnose (82,2 versus 86,6 Prozent). Umgekehrt liest es sich so: 17,8 Prozent starben in den ersten fünf Jahren, bei den schulmedizinisch behandelten waren es „nur“ 13,4 Prozent. Damit war das Sterberisiko der komplementärmedizinisch Behandelten in diesem Zeitraum deutlich höher.

Alternativmedizin bei Krebs: beliebte Methoden

Welche Methode der Komplementärmedizin die Krebspatienten eingesetzt hatten, wussten die Forscher nicht. Bekannte Heilvefahren sind:

  • Traditionelle Chinesischen Medizin (TCM) mit Akupunktur und einer besonderen Ernährungslehre
  • Homöopathie
  • pflanzliche Heilmittel, etwa die Misteltherapie
  • Ayurveda
  • Meditation
  • spezielle Krebsdiäten, zum Beispiel Verzicht auf Zucker und Kohlenhydrate
  • Nahrungsergänzungsmittel, etwa Vitamine, Selen, Zink und anderen Mineralstoffe

 

Dabei ist das Wort „Alternativmedizin“ im Grunde falsch, denn Onkologen sehen diese Behandlungen nicht als Alternative zur Schulmedizin, sondern vielmehr als eine Ergänzung oder Unterstützung zu diesen. Komplementärmedizin (komplementär = ergänzend) wäre deshalb richtiger. So setzen viele Onkologen setzen diese schon länger ein, um beispielsweise die Nebenwirkungen der etablierten Krebsbehandlungen zu lindern. In vielen Fällen sind so sogar erfolgreich, zum Beispiel bei Übelkeit aufgrund der Chemotherapie oder der lähmenden Müdigkeit – der Fatigue.

Krebspatienten: Erst informieren, dann entscheiden!

Die Autoren raten jedenfalls dazu, immer mit Ihrem behandelnden Arzt über sämtliche Behandlungsmöglichkeiten zu sprechen – auch über Vorbehalte, die Sie womöglich gegenüber der Schulmedizin hegen. Außerdem hilft es, sich über alle Vorteile und Risiken der Alternativmedizin bei Krebs gut zu informieren – dann entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrem Arzt!

Weitere Informationen zur Komplementärmedizin

Quelle:

  • Johnson SB et. al. Complementary Medicine, Refusal of Conventional Cancer Therapy, and Survival Among Patients With Curable Cancers, JAMA Oncology, 19. Juli 2018, doi:10.1001/jamaoncol.2018.2487