Shared Decision Making - Arzt und Patient auf Augenhöhe

09. März 2019 | von Ingrid Müller

Shared Decision Making bedeutet, dass Arzt und Patient ein Team sind. Zusammen entscheiden sie über Diagnosemethoden und Behandlungen. Die meisten Patienten finden das gut.

Shared Decision Making (SDM) ist ein noch relativ junger Ansatz, bei dem Arzt und Patient gleichberechtigt auf Augenhöhe miteinander kommunizieren und auch so handeln. Gemeinsam legen sie zum Beispiel eine Therapie fest, stehen hinter ihr und verantworten diese auch zusammen. Der deutsche Begriff fürs Shared Decision Making ist partizipative oder partnerschaftliche Entscheidungsfindung

Patienten haben dabei eine aktivere Rolle, mehr Eigenverantwortung und sind somit ein wichtiger Teil des Entscheidungsprozesses. Die Bertelsmann Stiftung fand heraus, dass viele Patienten das Shared Decision Making sogar sehr gut finden: Mehr als die Hälfte (55 Prozent) der Befragten gab an, an der Entscheidungsfindung bei Untersuchungen und Behandlungen teilhaben zu wollen. Der „Mitmach-Patient“ ist also gefragt.

Wissen über Prostatakrebs?

Viele Männer tappen im Dunkeln, besonders wenn es um die Therapieentscheidung geht.

Shared Decision Making: Ärzte sind heute nicht mehr „die Götter in Weiß“

Dass Ärzte ihren Patienten paternalistisch – also von oben herab – Behandlungen verordnen, gehört inzwischen meist der Vergangenheit an. Früher galten Ärzte als „Götter in Weiß“, welche die alleinige Autorität hatten. Ohne Mitsprache ihrer Patienten entschieden sie über die Therapie, die sie für am besten hielten. Das Ergebnis war, dass viele Patienten ihre Medikamente in der Schublade verschwinden ließen und sie nicht einnahmen, weil den Sinn und Zweck der Behandlung nicht einsahen. 

Bekannt ist heute, dass Patienten, die nicht hinter ihrer Therapie stehen, dieser auch oft nicht treu bleiben. Sie neigen eher dazu, sie nicht konsequent durchzuführen oder sie sogar abzubrechen. Compliance, also Therapietreue, ist das englische Fachwort dafür.

Das Agieren der Ärzte ohne die Einbeziehung ihrer Patienten ist heute umso mehr überholt, weil sich das Informationsverhalten grundlegend gewandelt hat: Laienverständliche medizinische Informationen sind heute auf vielen Webseiten im Internet frei zugänglich. Und die meisten Patienten befragen vor oder nach einem Arztbesuch ohnehin Dr. Google – nicht immer zur Freude ihres Arztes. 

Sie informieren sich über Diagnosemethoden oder Therapien, die ihnen der Arzt vorgeschlagen hat. Damit wissen viele Patienten heute deutlich besser Bescheid über ihr jeweiliges Gesundheitsproblem oder ihre Krankheit – und können damit auch besser eine mündige, informierte Entscheidung treffen. Dennoch ergab die Umfrage der Bertelsmann Stiftung: 23 Prozent favorisieren es nach wie vor, dass der Arzt alleine entscheidet. Und 18 Prozent der Patienten entscheiden sogar komplett selbst – ohne den Arzt. Der jeweilige Bildungsstand und das Alter spielen dabei mit.

Wie funktioniert das Shared Decision Making?

Das Shared Decision Making bedeutet, dass Sie an allen wichtigen Entscheidungsprozessen beteiligt sind. Allerdings geht es nicht darum, dass Sie genauso kompetent sind wie Ihr Arzt! Das können Sie auch gar nicht, denn er hat Ihnen ein langjähriges Medizinstudium voraus. Vielmehr erhalten Sie – in laienverständlicher Form – sämtliche Informationen von Ihrem Arzt, die für Ihre persönliche Entscheidungsfindung wichtig sind. 

  • Das Shared Decision Making erfordert also auch von Ihrem Arzt besondere kommunikative Fähigkeiten und einen guten Kommunikationsstil. 
  • Er sollte immer zugewandt, freundlich und verständnisvoll mit Ihnen sprechen.
  • Außerdem sollte er Ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten zum Verstehen medizinischer Sachverhalte und Zusammenhänge berücksichtigen. Es bringt nicht viel, wenn der Arzt Ihnen sein Fachchinesisch um die Ohren haut.

 

Wichtige Schritte beim Shared Decision Making

  • Der Arzt erklärt Ihnen Ihre Diagnose und Krankheit ohne medizinisches Kauderwelsch, damit Sie anschließend gut im Bild sind.
  • Er informiert Sie über alle Behandlungsmöglichkeiten sowie deren Alternativen. Außerdem bekommen Sie ausführliche Informationen über die Vor- und Nachteile sowie Nutzen und mögliche Risiken. Ärzte orientieren sich bei ihren Vorschlägen an den Richtlinien der Schulmedizin (sog. „evidence based medicine“ oder evidenzbasierte Medizin). Darunter verstehen Ärzte das derzeit beste, verfügbare Wissen über Diagnoseverfahren und Therapien vieler Krankheiten. Im Rahmen klinischer Studien haben Forscher die Wirksamkeit nachgewiesen. Bei Prostatakrebs könnte die Therapieentscheidung auch das beobachtende Abwarten sein, bei der man zunächst auf eine Therapie verzichtet.
  • Sie erhalten von Ihrem Arzt Entscheidungshilfen, zum Beispiel Patienteninformationen als Broschüren, oder Adressen, unter denen Sie im Internet verlässliche medizinische Informationen finden. Zu Prostatakrebs bieten beispielsweise die Krebsorganisationen wie die Deutsche Krebsgesellschaft, das Deutsche Krebsforschungszentrum oder die Deutsche Krebshilfe Informationen an.
  • Bei der Entscheidungsfindung spielen immer auch Ihre individuellen LebensumständeVorliebenWerte und Wünsche eine wesentliche Rolle.
  • Sie können Ihrem Arzt alle Fragen stellen, die Ihnen auf dem Herzen liegen. Fragen Sie auch immer nach, wenn Sie etwas nicht verstanden haben. Teilen Sie ihm zudem Ihre Gedanken, Sorgen, Ängste und Nöte, aber auch Ihre Erwartungen mit. Umgekehrt darf der Arzt Ihnen ebenfalls dazu Fragen stellen, um herauszufinden, welche Therapie am besten zu Ihnen passt.
  • Sie wägen gemeinsam mit Ihrem Arzt alles gut gegeneinander ab, loten sämtliche Möglichkeiten aus und erst dann treffen Sie Ihre Entscheidung.
  • Im besten Fall steht am Ende aller Überlegungen ein Plan, wie Sie die Entscheidungen anschließend gemeinsam umsetzen.

 

Was bewirkt die gemeinsame Entscheidungsfindung?

Eine Auswertung vieler Studien ergab, dass das Shared Decision Making tastsächlich positive Wirkungen zeigt:

  • So stärkt es das Vertrauen der Patienten in die eigenen Entscheidungen und hilft, ein Stück weit die Kontrolle wiederzugewinnen. 
  • Außerdem führt das Shared Decision Making zu einem Wissensgewinn und mehr Teilhabe. 
  • Eine gelungene Kommunikation zwischen Arzt und Patient wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus: Ist der Dialog vertrauensvoll, halten sich Patienten doppelt so oft an die Empfehlungen ihres Arztes und zeigen eine größere Therapietreue.
  • Auch Komplikationen im Krankheitsverlauf sind seltener, zum Beispiel bei einer Krebserkrankung. So waren Krebspatienten, deren Ärzte sich gut mit der partizipativen Entscheidungsfindung auskannten, weniger depressiv und ängstlich.

 

Langer Weg zum Shared Decision Making in Deutschland

Dennoch gibt es beim Shared Decision Making in der Onkologie noch erheblichen Verbesserungsbedarf, wie die Nationale Krebskonferenz des Bundesministeriums für Gesundheit 2017 feststellte:

Shared Decision Making – Stand der Dinge

  • Das Shared Decision Making wird noch nicht ausreichend umgesetzt: Mindestens die Hälfte der Krebspatienten erlebt die Teilhabe in Entscheidungssituationen noch als eingeschränkt.
  • Bislang sind medizinische Entscheidungshilfen nur für wenige Entscheidungssituationen verfügbar.
  • Ärzte nehmen Trainingsmaßnahmen für das Shared Decision Making noch zu selten wahr.
  • Nur wenige Universitäten bieten bislang Trainings zur partizipativen Entscheidungsfindung für Studierende an, aber es werden mehr.
  • Auch in Kliniken ist das Shared Decision Making noch keine Routine. Oft sind Zeitdruck oder bestehende Hierarchien die Gründe. So hilft die partizipative Entscheidungsfindung nicht viel, wenn der Chefarzt anschließend alles über den Haufen wirft.

Fazit: Das Konzept der Shared Decision Making stößt auf breite Zustimmung bei Patienten und Ärzten – aber an der Übertragung auf den medizinischen Alltag hapert es noch.

Quellen: