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Beckenbodentraining: „Niemand muss mit einer Windel herumlaufen“

04. Februar 2019 | von Martina Häring

Physiotherapeutin Ute Schmuck erklärt, wie es nach einer Prostatakrebs-Behandlung zu Inkontinenz kommt und was Mann dagegen tun kann.

Inkontinenz ist eine häufige Folge der radikalen Prostatektomie, aber auch der Bestrahlung nach Prostatakrebs. Selbst wenn die Inkontinenz oft nur vorübergehend ist – viele Männer leiden sehr darunter. Ute Schmuck, Physiotherapeutin mit Schwerpunkt Männerurologie, erklärt im Interview, wie die Inkontinenz entsteht und was Mann tun kann.

Frau Schmuck, warum ist nach einer Prostata-Op überhaupt ein Beckenbodentraining sinnvoll?

Nach einer Prostataoperation müssen Männer Dinge einüben, die sonst automatisch funktioniert haben. Das ist sozusagen der anatomischen Neukonfiguration geschuldet, welche die Entfernung der Prostata mit sich bringt: Der innere Schließmuskel wird komplett entfernt. Seine Arbeit muss anschließend der äußere Schließmuskel mit übernehmen. Er kann diese Mehrarbeit problemlos leisten, allerdings ist es sehr hilfreich, ihn gezielt zu trainieren.

Wie macht Mann das?

Der äußere Schließmuskel wird über den sogenannten Pudendus-Nerv gesteuert, der aus dem Rückenmark kommt. Während der innere Schließmuskel komplett autonom – also ohne bewusste Betätigung – arbeitet, ist der äußere Schließmuskel ein Mix aus verschieden arbeitenden Muskelfasern: 70 Prozent autonom, 30 Prozent bewusst steuerbar. Letztere kann man über ein gedankliches Kommando in Spannung versetzen – zum Beispiel durch die Vorstellung, einen imaginären Tropfen in der Harnröhre anzuhalten. Aber prinzipiell lassen sich beide Anteile durch spezielle Übungen trainieren.

Einen imaginären Tropfen?

Allein ein Gedanke reicht, um einen Nerv zu trainieren. Das ist durch mehrere Studien belegt. Wenn man nur daran denkt, einen imaginären Tropfen, der die Harnblase verlässt, festzuhalten, trainiert man diesen Nerv bereits. Übrigens kommen die Fragen, die Sie jetzt stellen, praktisch bei jedem Mann auf. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man Männer am besten über die linke Hirnhälfte erreicht: Männer wollen immer verstehen, was passiert und warum sie eine bestimmte Übung machen sollen. Und sie wollen wissen, wann sie wieder kontinent werden. Hat man diese Fragen einmal geklärt, sind die meisten sehr motiviert.

Wie lange dauert es, bis man nach einer radikalen Prostatektomie wieder kontinent wird? Und schafft das jeder Mann?

Anspruch und Ziel einer guten Physiotherapie sind immer, komplett trocken zu werden. Wer von einem guten Urologen operiert wurde und bereits vor der Operation mit dem Beckenboden-Training begonnen hat, ist bei mir mit ein bis zwei Traningseinheiten pro Woche nach maximal acht bis zwölf Wochen wieder kontinent. Frühere Bestrahlungen oder begleitende Probleme wie zum Beispiel Rückenschmerzen können das Üben erschweren. Dann kann es auch mal ein bisschen länger dauern. Aber mit einer Erwachsenenwindel muss heute bei den verfügbaren guten Operationsmethoden niemand mehr herumlaufen.

Ute Schmuck ist Physiotherapeutin mit langjährigem Schwerpunkt männliche Urologie, Dozentin, Autorin und Online-Trainerin.

Erleben Sie, dass Männer solche Ängste haben?

Die zentrale Frage der meisten Männer ist: Was muss ich tun, damit ich bloß schnell von den Vorlagen wegkomme? Für Männer ist das noch schlimmer als für Frauen, auch weil sie das überhaupt nicht kennen. Frauen kennen Vorlagen durch die Monatsblutung. Männer haben noch mehr als Frauen das Gefühl, dadurch zum Kleinkind degradiert zu werden. Die Scham und die Angst, dass Außenstehende die Vorlagen bemerken, sind oft groß. Oft werden die Vorlagen deshalb von den Ehefrauen gekauft. Die Männer wollen damit einfach gar nichts zu tun haben – was wiederum die Gefahr birgt, bei diesem Thema in eine Abhängigkeit zu geraten.
Aber die Motivation, die Kontinenz möglichst schnell wiederzuerlangen, ist jedenfalls sehr hoch.

Kommt man denn um die Vorlagen irgendwie herum?

Vorlagen sind in der ersten Zeit notwendig. Ziel in meiner Praxis ist immer, mit Hilfe der Physiotherapie komplett von den Vorlagen wegzukommen. Außerdem ist es sinnvoll, sich Zwischenziele zu setzen: Je besser der Patient den Harnabgang kontrollieren kann, desto dünner sollten nach und nach die Vorlagen werden. Und auch die Anzahl der Vorlagen lässt sich sukzessive reduzieren. Bei manchen Männern läuft es dann so, dass sie nach einem Vierteljahr Beckenbodentraining nur noch eine ganz dünne, unauffällige Einlage für den Fall der Fälle mit sich herumtragen.

Wann sollte man mit dem Üben anfangen?

Optimalerweise schon vor der Operation. Wenn die Männer wissen, worauf es ankommt und die Übungen schon beherrschen, dann haben sie nach der Operation wenig oder sogar gar keine Probleme mit der Kontinenz.

In der Reha wird auch Physiotherapie gemacht. Reicht das denn nicht aus?

Leider nein, weil da nur in großen Gruppen geübt wird. Sie brauchen aber den 1:1‑Kontakt mit dem Therapeuten, damit Sie die Übungen richtig machen und ein Gefühl für den Beckenboden bekommen. Sie können die Übungen so oft wiederholen, wie Sie wollen. Wenn Sie sie falsch machen, bringen sie trotzdem nichts.

Kann das jeder Physiotherapeut?

Leider gibt es noch nicht so viele Physiotherapeuten, die den männlichen Beckenboden als ihr Steckenpferd haben. Ich beschäftige mich schon sehr lange mit dem Thema und bilde Kollegen aus. Die Urologie ist erst seit kurzem fester Bestandteil der Physiotherapeuten-Ausbildung, deswegen haben die meisten erstmal sehr wenig Praxis. Aber das Bewusstsein hat in den letzten Jahren zugenommen, das Interesse bei meinen Kollegen ist da, und es kommen viele zu mir, um sich weiterzubilden. Und auch bei den Männern nimmt das Interesse zu. Gerade bei den jüngeren Patienten ist das Bewusstsein heute ein anderes. Die Männer emanzipieren sich und ergreifen öfter die Initiative, das finde ich super. Das ist der richtige Weg: rechtzeitig zur Vorsorge gehen, und wenn eine OP nötig ist, sich schon vorher informieren. Informationen sind das A und O. Das ganze Thema verliert seinen Schrecken, sobald man sich informiert.

Wie findet man einen guten Physiotherapeuten, der sich mit dem Beckenboden auskennt?

Die einfachste Möglichkeit: Man geht ins Internet und sucht nach Physiotherapeuten, die auf den Beckenboden spezialisiert sind. Einige geben das auf ihrer Homepage an. Ansonsten kann man sich auch an den Deutschen Verband für Physiotherapie (ZVK), den
Physiotherapieverband VdB, eines der Beckenbodenzentren oder direkt an die Deutsche Kontinenzgesellschaft wenden. Ich empfehle außerdem immer, direkt beim Physiotherapeuten nachzufragen: Wie oft machen Sie das? Sind Sie auf das Thema spezialisiert? Und wenn nein: Kennen Sie jemanden, der spezialisiert ist? Die Idealvorstellung wäre für mich, dass der Urologe bereits den Weg ebnet und auf Nachfrage einen Physiotherapeuten empfiehlt. Das ist aber leider nicht immer so.

Neben der Kontinenz leidet durch die Operation oder Bestrahlung oft auch die Potenz. Hilft das Beckenbodentraining da auch?

Ja, allerdings braucht man dabei meist die Kombination aus Physiotherapie und Medikamenten. Hier gilt: erst die Kontinenz, dann die Erektile Funktion trainieren. Das Eine muss zuerst funktionieren, da man für die Wiedererlangung der erektilen Funktion mehr Kraft braucht. Da steht den Patienten oft der Schweiß auf der Stirn. Prinzipiell beübt man aber beides parallel vom ersten Tag an.

Keine Zeit zum Üben? Gilt nicht!

„Das Argument, dass man keine Zeit zum Üben hat, zählt nicht“, sagt Ute Schmuck. Denn viele Übungen kann man ganz nebenbei machen und in alltägliche Situationen integrieren – z.B. wenn man morgens im Stau steht oder im Wartezimmer beim Arzt sitzt. „Bauch einziehen, Oberkörper lang machen, die Fersen in den Boden stemmen: Das sind zwar Kleinigkeiten, aber der Schließmuskel braucht das. Er möchte unterstützt werden.“

Diese Übungen können Sie nebenbei machen und so etwas für Ihre Kontinenz tun:

  • Abwechselnd den Bauchnabel rauschieben und reinziehen, bis es im Bauch gluckert: Fördert die Durchblutung der Blase.
  • Setzen Sie sich auf einen Stuhl und schieben Sie Ihre Hände von der Seite unter Ihre beiden Sitzbeinhöcker (das sind die knöchernen Vorsprünge, die man im unteren Bereich des Pos ertasten kann). In dieser Position kippen Sie Ihr Becken zur Seite, nach hinten, nach vorn. Stellen Sie sich vor, Sie würden auf einer imaginären Uhr sitzen, und kippen Sie Ihr Becken abwechselnd in Richtung der 3, 6, 9 und der 12 auf dem vorgestellten Ziffernblatt.
  • Im Stehen: Verlagern Sie Ihr ganzes Körpergewicht erst auf das eine, dann auf das andere Bein. Damit trainieren Sie bereits Ihren Beckenboden. Verstärken können Sie den Effekt, indem Sie mit Ihrem Spielbein eine imaginäre Luftmatratze aufpumpen.
  • Auch durch die Atmung können Sie Ihren Beckenboden trainieren: Atmen Sie durch die Nase ein und staccato-artig durch den Mund wieder aus und spüren Sie dabei, wie Ihr Beckenboden beim Ausatmen „zusammenschnurrt“, also aktiviert wird.
  • Beim Telefonieren oder in der Supermarkt-Schlange: Abwechselnd hoch auf die Zehenspitzen und wieder runter gehen. Stärkt die Kraft in den Beinen, und durch das Abdrücken der großen Zehe vom Fußboden fördern Sie den Schluss Ihrer Harnröhre.
  • Wenn Sie beim Husten den Kopf über die Schulter drehen, verlieren Sie keinen Urin.
  • Wenn Sie im Stau stehen und auf die Toilette müssen, ist es gut, eine Aufschubstrategie zu haben. Lutschen Sie ein Bonbon oder kauen Sie Kaugummi, wird die Speichelproduktion angeregt, und der Harndrang lässt nach.

Mehr zum Thema und zu geeigneten Übungen finden Sie in Ute Schmucks Handbuch, das unter ihrem Mädchennamen überall erhältlich ist: Ute Michaelis „Beckenbodentraining für Männer“, Elsevier München, 5. Aufl.