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Operation bei Prostatakrebs: radikale Prostatektomie

25. Mai 2018 | von Ingrid Müller

Die radikale Prostatektomie bedeutet, dass Ärzte die Prostata und den Prostatakrebs möglichst vollständig entfernen. Lesen Sie, für wen sich die Prostataentfernung eignet und welche Vor- und Nachteile sie besitzt.

Die Entfernung der Prostata – die radikale Prostatektomie – ist eine Behandlungsmöglichkeit für Männer mit frühem Prostatakrebs. Im besten Fall ist der bösartige Tumor lokal begrenzt und noch auf die Prostata beschränkt. Dann hat er die Kapsel noch nicht durchbrochen und auch nicht in die Lymphknoten oder Organe gestreut. Der Prostatakrebs hat also noch keine Metastasen gebildet. Die radikale Prostataektomie bietet die Chance, dass der örtlich begrenzte Prostatakrebs vollständig heilbar ist. Das heißt: Tumorfreiheit am besten bis zum Lebensende.

Die Operation bei Prostatakrebs kommt ebenfalls in Frage, wenn der Prostatakrebs schon größer und lokal fortgeschritten ist, also die Kapsel der Prostata durchdrungen hat. Allerdings bleibt es in diesem Fall meist nicht bei der alleinigen Entfernung der Prostata. Ärzte schneiden oft zusätzlich mehrere Lymphnoten und Teile des angrenzenden Gewebes heraus. Außerdem folgt oft eine Strahlentherapie, manchmal noch eine Hormonentzugstherapie über einen gewissen Zeitraum. So versuchen sie, das Rückfallrisiko zu bannen.

Früher Prostatakrebs: Operation, Bestrahlung oder aktive Überwachung?

Bevor Sie sich jedoch für oder gegen eine Operation bei Prostatakrebs entscheiden, besprechen Sie mit Ihrem Arzt immer sämtliche Behandlungsmöglichkeiten. Wägen Sie das Für und Wider gemeinsam gut gegeneinander ab. Denn die radikale Prostataentfernung birgt einige Risiken und Spätfolgen.

Was geschieht bei einer Prostatektomie?

Ein Chirurg entfernt bei der radikalen Prostatektomie immer die gesamte Prostata samt ihrer Kapsel. Dazu kommen Samenleiter, Samenbläschen und der innere Schließmuskel zwischen Harnblase und Harnröhre. Der Arzt durchtrennt zudem die Harnröhre, die direkt durch die Vorsteherdrüse verläuft. Die „losen“ Enden der Harnröhre verknüpft er später wieder miteinander.

Vermuten Ärzte, dass sich der Prostatakrebs schon weiter „auf den Weg gemacht“ hat, operieren Sie auch die Lymphknoten in der Nähe der Vorsteherdrüse mit heraus. Ziel ist es, sämtliche Krebszellen zu beseitigen – die Ränder des herausgeschnittenen Gewebes dürfen keine Tumorzellen mehr enthalten. Ein Pathologe prüft dies im Labor unter dem Mikroskop.

Wichtig ist es aber auch, die Harnkontinenz und Erektionsfähigkeit zu erhalten. Denn diese geraten bei einer Prostatakrebsoperation besonders oft in Gefahr, wenn der Chirurg die entsprechenden Nerven verletzt. Nur ein erfahrener Operateur sollte die radikale Prostatektomie durchführen, damit keine Inkontinenz und Erektile Dysfunktion drohen.

Prostatektomie – welche Operationsmethoden gibt es?

Es gibt verschiedene Operationsverfahren und Möglichkeiten, wie der Chirurg an die Prostata herankommt. Lesen Sie, welche die häufigsten Methoden sowie ihre Vor- und Nachteile sind!

Retropubische radikale Prostatektomie

  • Über einen Bauchschnitt in der Nähe des Bauchnabels gelangt der Arzt an die Prostata, das Bauchfell bleibt dabei unangetastet.
  • Die Lymphknoten lassen sich gleichzeitig entfernen.
  • Diese Op-Methode ist jedoch ein offener Eingriff, der mit Komplikationen verbunden ist. Dazu gehören beispielsweise Blutergüsse und Wundinfektionen. Auch verlieren Patienten mehr Blut bei der Operation.

Radikale perineale Prostatektomie

  • Die Prostata wird über einen Schnitt zwischen dem Hoden und Darmausgang entfernt.
  • Die Op-Technik bedeutet weniger Verletzungen und einen geringeren Blutverlust als bei der retropubischen Variante.
  • Die Nachteile: Muss der Arzt einen Lymphnoten entfernen, braucht er einen weiteren Zugang über den Bauch. Außerdem besteht die Gefahr der späteren Stuhlinkontinenz.

Laparoskopische Prostatektomie

  • Die Laparoskopische Prostatektomie kommt ohne einen größeren Hautschnitt aus.
  • Sie zählt zu den sogenannten minimal-invasiven Verfahren („Schlüssellochchirurgie“).
  • Zugang zur Prostata bekommen Ärzte über den Unterbauch, durch den sie kleine Werkzeuge einführen und bis zur Prostata vorschieben.

Roboterassistierte Laparoskopische Prostatektomie

Ärzte setzen heute in vielen Kliniken Roboter als Helfer ein, um die Prostata zu entfernen. Die Vorstellung, dass Sie mit dem Roboter alleine sind und er Sie ohne Zutun eines Arztes operiert, ist aber falsch! Schätzungsweise 30 Prozent aller Prostatektomien geschehen unter Mithilfe eines Roboters. In den USA sind es sogar mehr als 85 Prozent. Der Zugang zur Prostata gelingt wiederum über den Unterbauch. Der Roboter übersetzt die Bewegungen des Operateurs in noch filigranere Aktionen. Eingebürgert hat sich der Begriff „daVinci-Operation“. Ihren Namen verdankt sie dem am häufigsten eingesetzten Robotersystem.

Beide laparoskopische Methoden bedeuten, dass Patienten weniger Blut verlieren und seltener Bluttransfusionen brauchen. Im Vergleich zur retropubischen Prostatektomie benötigen Sie nach der Prostata-Op weniger Schmerzmittel, tragen den Katheter kürzer und bleiben auch weniger lange im Krankenhaus. Dafür dauert die Operation etwas länger.

Prostata entfernen: Welche Op-Technik ist am besten?

Derzeit lässt es sich nicht abschließend bewerten, welches OP-Verfahren tatsächlich am besten abschneidet, wenn es um das Überleben, die Komplikationsraten, Inkontinenz und Impotenz geht. Die Gründe sind, dass es noch zu wenige aussagekräftige Studien gibt. Zudem beeinflussen die Erfahrung und Expertise des jeweiligen Operateurs das Operationsergebnis maßgeblich. Und die Patienten selbst bringen ebenfalls oft Faktoren mit, etwa bestehende Krankheiten, welche die Wahl des Operationsverfahrens beeinflussen. Auch das Alter spielt dabei mit. Die Literatur liefert jedoch Hinweise darauf, die verschiedenen Op-Techniken in erfahrenen Händen vergleichbare Ergebnisse erzielen.

Welche Vorteile hat die radikale Prostatektomie?

Studien ergaben, dass Männer mit einem lokal begrenzten Prostatakrebs unter bestimmten Voraussetzungen von der radikalen Prostatektomie profitieren:

  • Tumorstadien T1b bis T2, N0, M0
  • PSA-Wert unter 50 Nanogramm pro Liter (ng/l)
  • Lebenserwartung von mindestens zehn Jahren

Im Vergleich zum Watchful Waiting (abwartendes Beobachten) senkt die radikale Prostatektomie das Risiko deutlich, dass der Prostatakrebs fortschreitet und sich Fernmetastasen in anderen Organen bilden. Auch das Sterblichkeitsrisiko aufgrund des Prostatakrebses sowie die Gesamtsterblichkeit nehmen ab.

Welche Nachteile besitzt die radikale Prostatektomie?

Die Entfernung der Prostata beseitigt zwar im besten Fall alle Krebszellen, bringt aber auch einige Nachteile mit sich. Die wichtigsten Folgen der radikalen Prostatektomie und was Sie dagegen tun können!

  • Inkontinenz: Auch wenn Ärzte meist auf beiden Seiten der Prostata versuchen, nervenschonend zu operieren – manchmal verletzen sie Nerven und Blutgefäße, die für die Harnkontinenz wichtig sind. In der Folge verlieren Männer nach der Operation zumindest zeitweise die Kontrolle über ihre Blasenfunktion. Ein muskelstärkendes Beckenbodentraining ist eine Möglichkeit, mit der Sie Ihre Blasenfunktion wieder stärken können.
  • Impotenz (Erektile Dysfunktion): Eine Impotenz entsteht ebenfalls, wenn der Arzt Nerven verletzt, die für die Erektion wichtig sind. Hier können Medikamente und andere Hilfsmittel helfen, um die Erektionsfähigkeit zu unterstützen.

Selbst eine nervenschonende Op kann riskant sein: Männer haben eventuell ein erhöhtes Rückfallrisiko, weil sich nicht alle Krebszellen erwischen lassen. Wägen Sie daher immer alle Vor- und Nachteil gut gegeneinander ab. Und dann entscheiden Sie, ob Sie dieses Risiko in Kauf nehmen möchten. Das Watchful Waiting schneidet naturgemäß sowohl bei der Inkontinenz als auch der Impotenz besser ab.

Wenn Sie die Prostata enfernen lassen, kann dies weitere Einschränkungen bedeuten:

  • Lymphödem: Haben Ärzte im Rahmen der radikalen Prostatektomie Lymphknoten entfernt, besteht das Risiko für ein Lymphödem. Dabei lagert sich Flüssigkeit ins Gewebe ein. Die Gefahr eines Lymphstaus ist umso größer, je mehr Lymphbahnen der Arzt im Unterbauch durchtrennt hat. Ein Lymphödem behandeln Physiotherapeuten mittels Lymphdrainage.
  • Zeugungsfähigkeit: Eine radikale Prostatektomie bedeutet für viele Männer, dass sie nicht mehr zeugungsfähig sind. Grundsätzlich haben Sie die Möglichkeit, Spermien vor dem Eingriff einfrieren zu lassen. Manchmal versuchen Ärzte, die Samenzellen noch nach dem Eingriff direkt aus dem Hoden zu gewinnen. Die Erfolgsaussichten sind bei dieser Methode aber schwer abzuschätzen. Manchmal lässt sich der Kinderwunsch aber doch noch ermöglichen.

Prostatakrebs-Operation – ja oder nein? Eventuell Zweitmeinung einholen!

Bevor Sie sich für die radikale Prostatektomie entschieden: Diskutieren Sie alle Behandlungsmöglichkeiten mit Ihrem Arzt. Lassen Sie sich das Für und Wider sowie Alternativen gut erklären. Und: Fragen Sie nach, falls Sie etwas nicht verstanden haben. Geben Sie sich Zeit, um alle Möglichkeiten der Prostatakrebstherapie zu durchdenken.

Wenn Sie unsicher über den Therapievorschlag sind: Holen Sie sich eine Zweitmeinung ein! Dies ist übrigens kein Affront oder mangelndes Vertrauen gegenüber Ihrem Arzt, sondern ein normales Vorgehen. Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Ansprechpartnern bieten die Krebsberatungsstellen oder Krankenkassen. Wichtig ist bei Prostatakrebs immer, dass Sie letztlich hinter Ihrer Entscheidung für oder gegen die Prostatektomie stehen!

 

Quellen

  • Interdisziplinäre S3-Leitlinie der zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms, April 2018
  • Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG), www. Gesundheitsinformation.de (Abruf: 25.5.2018)
  • Horstmann M. et al.: Roboterassistierte radikale Prostatektomie 2017, Journal für Urologie und Urogynäkologie, 24, 2017
  • Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), www.krebsinformationsdienst.de (Abruf: 25.5.2018)
  • Deutsche Krebsgesellschaft e.V., www.krebsgesellschaft.de (Abruf: 25.5.2018)