Psychoonkologie bei Krebs - Beistand für die Seele

10. Januar 2019 | von Ingrid Müller

Die Psychoonkologie kann helfen, wenn eine Krebserkrankung die Psyche in den Ausnahmezustand versetzt. Lesen Sie, wie Psychoonkologen Ihre Lebensqualität verbessern!

Die Psychoonkologie ist mittlerweile ein fester Bestandteil der Krebsbehandlung. Denn Krebs betrifft nicht nur den Körper, sondern setzt auch der Seele zu – und hier setzt die Psychoonkologie an. Eine Krebsdiagnose empfinden wohl die meisten Menschen als eine Radikalumkehr ihres bisherigen Lebens. Sie wirkt sich auf den Alltag, Beruf, das zwischenmenschliche Miteinander mit Angehörigen und Freunden sowie die eigene Psyche aus. Viele fühlen sich niedergeschlagen, verzweifelt, hoffnungslos und depressiv. Sie haben Schwierigkeiten, die Krebsdiagnose zu akzeptieren und erleben massive Ängste vor den Krebsbehandlungen, Nebenwirkungen und langfristigen gesundheitlichen Folgen.

Krebs wirft zudem einige existenzielle Fragen auf: Wie viel Lebenszeit habe ich noch? Wie steht es um meine wirtschaftliche Situation? Kann ich jemals wieder in meinen Beruf zurückkehren? All das wirkt sich negativ auf die Lebensqualität aus. So sinkt deswegen bei manchen sogar die Bereitschaft, die Krebstherapien tatsächlich zu meistern und zu Ende zu bringen.

Psychoonkologie – Interview

Warum psychologische Hilfe für jeden Krebspatienten ratsam ist, weshalb Männer sich oft damit schwer tun und welche Rolle Angehörige spielen, erklärt der Diplom-Psychologe Markus Besseler von der Bayerische Krebsgesellschaft im großen Interview mit der Prostata Hilfe Deutschland.

Psychoonkologie: Hilfe vom Expertenteam

Psychoonkologen sind Fachleute, die im Idealfall eine anerkannte Weiterbildung absolviert haben, zum Beispiel Ärzte, Psychologen, Psychotherapeuten, (Sozial)pädagogen oder Sozialarbeiter. Mehrere Institutionen bieten solche Weiterbildungen an. Zu beachten ist jedoch, dass der Begriff Psychoonkologe in Deutschland keine geschützte Berufsbezeichnung ist.

In der Psychoonkologie arbeiten noch weitere Experten verschiedenster Fachrichtungen zusammen. Gemeinsam versuchen sie, individuelle Lösungsmöglichkeiten für Sie zu finden. Dazu gehören, Kunsttherapeuten, Pflegende, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Seelsorger. Diese unterstützen und beraten Sie – auch in praktischen Alltagsfragen. Dies kann zum Beispiel der Wiedereinstieg in der Beruf sein, aber auch eine Hilfestellung beim Antrag auf Sozialleistungen. Denn der lästige Papierkram von Krankenkassen oder der Rentenversicherung ist vielen Patienten zu viel, wenn ihr Blick auf das Durchstehen der Krebsbehandlungen gerichtet ist. Die Angebote der Psychoonkologie können übrigens nicht nur Krebspatienten, sondern auch ihre Angehörigen wahrnehmen.

So hilft die Psychoonkologie

Die Psychoonkologie hat verschiedenste Aufgaben. Psychoonkologen:

  • … informieren und beraten Sie bei allen Fragen rund um Ihre persönliche Lebenssituation.
  • … setzen bestimmte Diagnosemethoden ein, um das Ausmaß Ihrer psychischen Belastungen zu erfassen, zum Beispiel strukturierte Fragebögen.
  • … schlagen Behandlungsmaßnahmen vor, um Sie bei der Verarbeitung und Bewältigung der Krebserkrankung zu unterstützen.
  • … behandeln psychische, soziale und körperliche Auswirkungen der Krebserkrankung. Bei Männern mit Prostatakrebs sind die Erektile Dysfunktion und Inkontinenz die Folgen der Therapien, die sie am meisten belasten.
  • … unterstützen Sie bei der Bewältigung Ihres Alltags.
  • … helfen Ihnen, Sozialleistungen zu beantragen und durchzusetzen, auf die Sie einen Anspruch haben. Zudem beraten sie Sie in sozialen und rechtlichen Fragen.

Wie stellen Psychoonkologen eine seelische Belastung fest?

Eine seelische Belastung bei Krebspatienten zu erkennen ist für die Psychoonkologie nicht ganz leicht. Denn nicht alle Betroffene gehen auf die gleiche Weise mit ihrer Krebserkrankung um oder leiden unter den gleichen Beschwerden im selben Ausmaß. Aus Studien ist jedoch bekannt, dass sich bis zu 60 von 100 Krebspatienten enorm seelisch belastet fühlen. Fast 50 Prozent aller Menschen mit Krebs haben große Ängste, allen voran vor dem Fortschreiten oder der Rückkehr der Krebskrankheit. Spezielle Fragebögen helfen Psychoonkologen, seelische Belastungen und ihre Stärke besser einzuordnen.

Distress-Thermometer

Hinter dem Distress-Thermometer verbirgt sich ein Kurztest, den Ärzte speziell für Krebspatienten entwickelt haben. „Distress“ bedeutet im Englischen „psychosoziale Belastung“. Im ersten Teil des Tests geben Sie auf einer Punkteskala von 1 bis 10 an, wie Sie sich derzeit fühlen. Die 1 steht dabei für „überhaupt nicht belastet“, die 10 dagegen für „extrem belastet“. Ein Wert von 5 und aufwärts bedeutet, dass Sie eine Belastung erleben.

Im zweiten Teil des Fragebogens geben Sie an, in welchem psychosozialen Bereich Sie in den letzten Wochen Schwierigkeiten hatten – von der Partnerschaft, Familie, Freunden bis hin zum gewohnten Alltag und Beruf. Die Testergebnisse lassen Rückschlüsse darauf zu, in welchem Bereich Sie besonders leiden und Hilfe benötigen. Sie können jedoch keine Aussage darüber treffen, ob Sie unter einer echten Depression oder Angststörung leiden.

Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS)

Der HADS ist ein Test, mit dem sich psychische Beeinträchtigungen bei einem Menschen erfassen lassen. Über einen Fragebogen, der 14 Aussagen umfasst, schätzen Sie Ihre allgemeine und seelische Verfassung ein. Diese lauten zum Beispiel:

  • Ich fühle mich angespannt oder überreizt
  • Manchmal habe ich ein ängstliches Gefühl in der Magengegend
  • Ich blicke mit Freude in die Zukunft
  • Ich kann mich an einem gutem Buch, einer Radio- oder Fernsehsendung erfreuen

Sie wählen aus den Antwortmöglichkeiten jene aus, die am meisten auf Sie persönlich zutrifft – Ihrer Antwort ist wiederum ein bestimmter Punktwert von 0 bis 3 zugeordnet. Am Schluss werden alle Punkte zusammengezählt. Aus dem Ergebnis lässt sich abschätzen, wie wahrscheinlich eine psychische Belastung bei Ihnen ist. Wie beim Distress-Thermometer lassen sich auch mit dem HADS keine psychischen Erkrankungen diagnostizieren.

Welche Behandlungen bietet die Psychoonkologie?

Es gibt mehrere Behandlungsmöglichkeiten, die sich Psychoonkologen zunutze machen. Allerdings existiert nicht „die eine“ Therapie, die zu jedem Krebspatienten passt. Es hängt von der Art und der Schwere der seelischen Belastung ab, welche Behandlung Psychoonkologen einsetzen. Hilfreich ist manchmal auch eine Kombination mehrere Therapien.

Entspannungstechniken

Entspannungsmethoden lindern Ihre innere Anspannung, Unruhe und Ängste. Sie helfen Ihnen, besser zur Ruhe zu kommen, mindern seelische Belastungen und sorgen für eine bessere Lebensqualität. Wirksam sind zum Beispiel Autogenes Training oder die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson. Am besten erlernen Sie die Entspannungstechnik unter professioneller Anleitung. Später können Sie die Übungen selbst zuhause, aber auch am Arbeitsplatz oder unterwegs durchführen.

Autogenes Training

Dabei wiederholen Sie bestimmte Sätze, etwa „Ich bin ganz ruhig“, „Mein rechter Arm wird schwer“ oder „Mein Atem wird ruhig“. Das Autogene Training ähnelt einer Selbsthypnose und versetzt Ihren Körper langsam in einen entspannten Zustand. Sie müssen ein wenig üben, bis sich die gewünschten Erfolge einstellen.

Progressive Muskelentspannung nach Jacobson

Sie spannen einzelne Muskelgruppen an, halten die Spannung für einige Sekunden und lockern die Muskulatur dann wieder. Ein Beispiel: Sie ballen die rechte Hand zur Faust, halten diese und öffnen sie wieder. Danach folgen die linke Hand und immer weitere Muskelgruppen. Sie wechseln zwischen der linken und rechten Körperseite hin und her. So lösen Sie Verkrampfungen und Ihr Körper lockert und entspannt sich.

Imaginative Verfahren

Imaginative Verfahren arbeiten allein mit Ihrer Vorstellungkraft! Sie erzeugen dabei selbst eine Art „Kopfkino“ und stellen sich auf Ihren Phantasiereisen schöne, angenehme Bilder vor. Das kann ein Spaziergang am Strand sein, ein Bad im Meer oder eine Bergwanderung. So wecken Sie positive Erinnerungen, Vorstellungen, Gefühle und Empfindungen. Ängste und Anspannung lassen nach und Sie erleben einen tiefen Ruhezustand.

Yoga

Yoga soll den Körper und Geist in Balance bringen sowie die Muskeln und Nerven stärken. Es gibt verschiedenste Yoga-Techniken – am besten bekannt ist das Hatha-Yoga. Manche Yoga-Formen fordern Sie stärker sportlich, während andere mehr mit Meditation arbeiten. Yoga erlernen Sie am besten von einem Profi. Fragen Sie vorher bei Ihren behandelnden Ärzten und Therapeuten nach, welche Art des Yogas für Sie am besten geeignet ist. Sie sollten sich dabei körperlich nicht überfordern.

Meditation

Die Meditation zielt darauf ab, den Geist durch Achtsamkeits- oder Konzentrationsübungen zu beruhigen und zu sammeln. Sie „versenken“ sich in sich selbst, konzentrieren sich auf den Moment und das Hier und Jetzt. So erreichen Sie einen Zustand tiefer innerer Ruhe.

Patientenseminare

Patientenseminare (auch Psychoedukation oder Patientenedukation) sind eine gute Möglichkeit, um Ihr Befinden und Ihre Lebensqualität zu verbessern. Viele Rehakliniken oder die ambulante Nachsorge bieten diese Form der Wissensvermittlung an. Sie lernen zum Beispiel:

  • welche Untersuchungs- und Behandlungsmöglichkeiten es bei ihrer Krebserkrankung gibt
  • was Sie selbst für Ihre Gesundheit tun können, zum Beispiel durch eine gesunde Ernährungausreichende Bewegung, Nikotinverzicht oder mäßigen Alkoholkonsum
  • wie Sie besser mit Stress und Ihrer Krebserkrankung umgehen
  • welche Hilfen es gibt und wo Sie psychosoziale Unterstützung finden

Patientenseminare sind außerdem eine gute Möglichkeit, um mit anderen Krebspatienten in Kontakt zu kommen und sich mit ihnen auszutauschen. Vielen hilft es zu sehen, dass es anderen genauso geht wie ihnen selbst.

Psychotherapie

Die Psychotherapie versucht, die seelischen Nöte durch Gespräche zu lindern. Medikamente kommen dabei nicht zum Einsatz. Es gibt verschiedene Arten der Psychotherapie, beispielsweise:

Verhaltenstherapie

Ziel ist es, erlernte Denkweisen und Verhaltensmuster wieder zu „verlernen“. Sie identifizieren gemeinsam mit Ihrem Psychotherapeuten negative Gedanken und Verhaltensweisen – dann entwickeln Sie Alternativen zu diesen. Die Verhaltenstherapie verringert Ängste, Depressivität sowie körperliche und seelische Beschwerden. Langfristig beeinflussen Sie somit auch Ihre Lebensqualität positiv.

Psychoanalyse

Der Therapeut hilft Ihnen, Konflikte zu erkennen und zu bearbeiten. Manchmal liegen diese auch weiter zurück, etwa in der Kindheit. Sie nehmen gemeinsam derzeitige Beziehungen zu anderen Menschen unter die Lupe, die Sie eventuell belasten. Auch Verlust oder Versagensängste spielen eine Rolle in der Psychoanalyse. Der Psychotherapeut hört aktiv zu und hilft Ihnen, bislang unbekannte Zusammenhänge aufzudecken und zu verstehen.

Paartherapie

Diese bezieht auch Ihren Lebenspartner in die Psychotherapie mit ein. Ohnehin ist der Partner oder die Partnerin ein wichtiger Teil in der Psychoonkologie. Die Paartherapie hilft in vielen Fällen, das Ausmaß der seelischen Belastungen zu verringern.

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen in der Regel die Kosten für die Verhaltenstherapie und psychoanalytische Verfahren. Die Psychotherapie gibt es als Einzel‑, Gruppen- oder Paartherapie.

Künstlerische Therapien

Musik, Kunst und Tanz sind Ausdrucksformen, die vielleicht anfangs nicht jedermanns Sache sind. Denn manch einer schwingt selten das Tanzbein oder den Pinsel. Aber: Über künstlerische Therapien, die ohne Worte auskommen, können viele Krebspatienten ihre Gefühle viel besser ausdrücken und so ihre Krebserkrankung verarbeiten. Sie können zeichnen, malen, mit Ton arbeiten, singen, ein Instrument spielen oder tanzen. Viele Einrichtungen, zum Beispiel Rehakliniken, bieten solche künstlerischen Therapien begleitend an. Weitere Informationen finden Sie auf der Internetseite der Bundesarbeitsgemeinschaft Künstlerische Therapien

Psychoonkologie: Wo finde ich die richtige  Hilfe?

Krebsärzte sind sich heute einig, dass allen Krebspatienten und den Angehörigen frühzeitig und wiederholt psychoonkologische Hilfestellung zugänglich sein sollte. Und zwar unabhängig von der Schwere der Krebserkrankung und in allen Phasen der Krankheit. Wichtig sind jedoch Ihre persönlichen Wünsche und Vorstellungen. Überlegen Sie, welche Sorgen, Ängste und Nöte Sie plagen. Scheuen Sie sich nicht, psychoonkologische Hilfe in Anspruch zu nehmen – dies ist ganz normal!

Psychoonkologie: stationäre Angebote

  • Zertifizierte KrebszentrenOnkologischen Zentren oder Organkrebszentren müssen eine psychoonkologische Betreuung sicherstellen. Sprechen Sie Ihre behandelnden Ärzte und Pflegefachkräfte an, wenn Sie in seelischen Nöten sind. Ein Verzeichnis zertifizierter Krebszentren finden Sie im Internet unter oncomap.de.
  • Rehakliniken: Alle onkologischen Rehakliniken bieten psychoonkologische Unterstützung an. Sie können sich beraten lassen, Entspannungstechniken lernen oder an Patientenseminaren teilnehmen. Auch eine Kurzzeit-Psychotherapie ist in einer Rehaklinik möglich.
  • Sozialdienst der Klinik: Bei sozialrechtlichen Fragen sowie der Suche nach Ansprechpartnern und Adressen ist der Sozialdienst der Klinik oder Rehaklinik eine gute Anlaufstelle.

Ambulante Angebote der Psychoonkologie

Manche Krebspatienten haben auch noch seelischen Unterstützungsbedarf, wenn Sie die Klinik und Rehaklinik verlassen haben. Es gibt deshalb Angebote in Wohnortnähe:

  • Ambulante Psychoonkologen: Der Krebsinformationsdienst (DKFZ) bietet eine Suchfunktion an, über die Sie ambulant arbeitende Psychoonkologen in der Nähe Ihres Wohnortes ausfindig machen können. Sie haben eine Weiterbildung zur Beratung und Behandlung von Krebspatienten absolviert. Auch über die Webseiten des Kassenärztlichen Vereinigungen können Sie nach Psychoonkologen in Ihrem Bundesland suchen. Sowohl Ärzte als auch Psychologen bieten Psychotherapien an.
  • Fragen Sie auch Ihren Hausarzt oder behandelnden Facharzt nach Anlaufstellen bei psychischen Problemen. Sie verfügen meist schon über Adressen, weil Sie in der Regel nicht sein erster Krebspatient sind.
  • Psychosoziale Krebsberatungsstellen: Dort bekommen Sie Informationen zu Ihrer Krebskrankheit, aber auch Unterstützung bei sozialen und rechtlichen Fragen sowie der Bewältigung von seelischen Problemen und Krisen. Adressen von Krebsberatungsstellen in Ihrer Nähe erhalten Sie zum Beispiel auf den Internetseiten der Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ).
  • Psychoonkologische Ambulanzen gibt es in einigen Krankenhäusern, zertifizierten Krebszentren und onkologischen Schwerpunktpraxen.
  • Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeorganisationen: Dort finden Sie Krebspatienten, denen es oft genauso geht wie Ihnen. Andere Betroffene können Ihnen Mut machen, Ängste nehmen oder Hoffnung und Zuversicht geben. Wer selbst eine Krebserkrankung durchgemacht hat, verfügt meist über einige Tipps und Anregungen, die für Sie vielleicht ebenfalls hilfreich sind.

 

Quellen

  • S3-Leitlinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten (gültig bis 30.1.2019)
  • Deutsche Krebsgesellschaft und Deutsche Krebshilfe: Patientenleitlinie Psychoonkologie, Februar 2016
  • Deutsches Krebsforschungszentrum (DFKZ), krebsinformationsdienst.de (Abruf: 10.1.2019)