Bewegungstraining zuhause: »Mit Laptop im Garten«

20. Mai 2020 | von Ingrid Müller

Das Coronavirus zwingt Menschen, daheim zu bleiben. Doch was ist mit Krebspatienten, die mit der Organisation Outdoor against Cancer (OaC) normalerweise Berge erklimmen? Die Gründerin, Petra Thaller, erklärt im Interview, warum das Training per Videos eine gute Alternative ist. 

Petra Thaller, Gründerin von Outdoor against Cancer © Claudia Ziegler

Frau Thaller, Sie haben wegen des Coronavirus die Berge und grünen Wiesen gegen Indoor und Sportmatte eingetauscht. Ihr Motto heißt jetzt: OACatHome – Outdoor against Cancer, aber daheim.

Die Corona-Krise kam ja schnell und unerwartet, auch für uns. Niemand hat es für möglich gehalten, dass ein Virus ein ganzes Land lahmlegen kann. Wir mussten also alle Outdoor-Termine der nächsten Wochen und Monate absagen und uns etwas Neues einfallen lassen, nämlich OACatHome. Derzeit ist es einfach nicht möglich, mit vielen Menschen, die sich noch dazu nicht kennen, draußen zu sein, in den Bergen zu wandern, zu segeln oder in entferntere Regionen zu unseren Camps zu reisen. Es ist leider verboten, und vermutlich wird das auch noch eine ganze Weile so bleiben.

Wir möchten aber Krebspatienten, ihre Familien und Freunde in Zeiten von Corona nicht alleine lassen. Wir alle können uns doch gut ausmalen, wie das ist: Krebs zu haben, und dann alleine in den eigenen vier Wänden zu sitzen und kaum raus zu können. Also haben wir uns im Team überlegt, wie wir krebskranke Menschen jetzt überhaupt erreichen können und was ihnen helfen könnte. So entstand die Idee, Videos zu drehen und unser Bewegungs- und Sportangebot über das Bewegtbild zu transportieren. Die Videos sollen eine Bereicherung für diese Krisenzeit sein. Und so wie es aussieht, gelingt uns das auch.

Sie haben das Indoor-Training sehr kurzfristig auf die Beine gestellt. Wie haben Sie es gemacht?

Für mich war das relativ einfach. Der Vater meiner Kinder, Jürgen G. Thaller, ist Regisseur für große Live-Events und verfügt über ein hochprofessionelles Netzwerk aus Kameraleuten, Cuttern und anderen. Unser Sohn Joshua studiert Sportwissenschaften und anfänglich nutzen wir einfach unser Büro – schon ging es los. Wir sind jetzt fast ein ‚Familienbetrieb‘.

Petra und Joshua Thaller mit Kameramann Roman Knoll

Der Satz, dass in der Krise eine Chance liege, wird ja derzeit oft zitiert.

Ja, er klingt zwar vielleicht ein wenig abgedroschen, stimmt aber oft. Wenn man seinen Kopf und die Gedanken in Bewegung setzt, sind Dinge möglich, an die man zuvor nicht im Entferntesten gedacht hat. Wieso sollte man auch? Kaum einer würde wohl freiwillig eine Bergkulisse gegen ein Zimmer eintauschen wollen. Aber Bewegung kann auch zuhause Freude machen, ein gutes Gefühl vermitteln und fit halten. Die Corona-Krise hat uns auch gezeigt, wie wir Menschen in den entlegensten Ecken der Republik erreichen können. Somit nutzen wir diese Krise als Chance. Auch danach werden wir weiterhin Videos anbieten.

Zunächst haben Sie sich alleine vor die Kamera gestellt und einfach losgeturnt.

Es ist zwar schon eine Zeit lang her, aber ich habe ausreichend Erfahrung vor der Kamera. Also fiel mir das nicht so schwer. Man darf sich halt nicht zu schade sein dafür, braucht ein bisschen Mut und sollte sich nicht ständig fragen, wie das jetzt wohl aussieht. Außerdem ist ein Bewegungstraining ja kein Bierernst. Es wird auch gelacht vor der Kamera. Vor allem, wenn mal etwas nicht hundertprozentig klappt.

Petra Thaller: Ganzkörper-Workout mit Einsatz

Man kann den Leuten so vermitteln, dass es um den Spaß an der Bewegung geht und sie auf diese Weise motivieren. Ich habe mir allerdings ziemlich schnell auch einen renommierten Sport- und Bewegungsprofi an die Seite geholt, Hape Meier. Er ist ständiger Lehrbeauftragter und Physiotherapeut beim Deutschen Olympischen Sportbund, kennt sich also bestens aus. Noch nie habe ich jemanden kennengelernt, der so viel von der Materie Sport und Bewegung versteht wie er.

Ist es nicht ein bisschen einsam – für Sie vor einer Kamera und für das Gegenüber vor dem PC?

So einsam ist das für mich nicht, und hoffentlich dann auch nicht mehr für die Zuseher. Sie können sich mit Freunden und der Familie auch unabhängig von der geografischen Entfernung über Zoom oder Skype zum Sporteln verabreden. ‚Nähe trotz Distanz‘, so lautet ja die Devise in der Corona-Krise. Wir alle leben derzeit in einer Ausnahmesituation, in der wir uns erst einmal zurechtfinden und umdenken müssen. Keiner von uns konnte sich das vorstellen, dass wir wochenlang nicht unserer Wege gehen dürfen.

Mobil und beweglich werden … auch in den eigenen vier Wänden.

Diese Unfreiheit und das Gefühl des Eingesperrtseins setzen vielen Menschen am meisten zu.

Ja, das größte Problem ist das Kasernieren. Viele Menschen haben keine Ansprache mehr und sind sozial isoliert. Auch das schwächt übrigens das Immunsystem, verstärkt Depressionen und verursacht Stress. Das ist nicht nur bei einer Krebserkrankung kontraproduktiv, sondern für alle Menschen. Natürlich würde auch ich lieber rausfahren und auf den Berg steigen. Aber mit den Videos lässt sich der Zeitraum doch gut überbrücken, bis diese Freiheiten wieder möglich sind.

Was können Krebspatienten denn in den Videos sehen und lernen?

Wir produzieren Inhalte zu ganz verschiedenen Themen: Bewegung, Sport, Psycho-Education und Talks mit Spezialisten. Es gibt Trainings zur Kräftigung, Mobilisation und Stimulation des Immunsystems. Die Psycho-Education vermittelt Wissen über psychische Belange und in Experten-Talks geht es um sportwissenschaftliche Fakten. Die Inhalte sind fundiert aufgesetzt. Jede Woche – montags und freitags – stellen wir zwei neue Videos live auf unsere Webseite. Und es gibt einen Wochen-Trainingsplan, mit dem die Nutzer sehr einfach ein sinnvolles Training planen können – mit und ohne Krebs.

Training mit Kevin und Helena, SportwissenschaftlerIn und PsychoonkologeIn

Wenn Sie Outdoor mit Indoor vergleichen würden – die größten Unterschiede?

Die liegen eigentlich schon auf der Hand. Positiv an der Indoor-Bewegung ist, dass wirklich jeder mitmachen kann – von der Familie bis hin zur Freunden. Und niemand muss lange anreisen. Er kann üben, wann und wo er will, die Videos beliebig oft abrufen und einfach weiter trainieren, wenn er Lust hat. Frische Luft haben Sie übrigens auch am Fenster, auf dem Balkon oder im Garten. Ein Teilnehmer erzählte mir, dass er seinen Laptop auf den Rasen gestellt und dort geübt hat. Das geht! Aber einen Vitamin-D-Schub wie durch das UV-Licht im Freien kriegen Sie natürlich nicht, wenn Sie im Zimmer turnen – selbst am offenen Fenster nicht.

Sie würden gerne noch mehr Menschen beweglicher machen – Krebskranke, Angehörige, Freunde. Ihre Ideen dafür?

Anfangs haben wir die Videos nur im kleinen Rahmen gedreht. Aber dann kamen immer mehr Anfragen, ob wir das nicht auch größer aufziehen könnten. Es gibt jetzt schon englische Transkripte der Videos und weitere Sprachen werden noch kommen – italienisch, griechisch und ungarisch. Versuchen Sie mal, als Krebspatient in Ungarn ein therapiebegleitendes Sportangebot zu bekommen – es ist unmöglich. Wir weiten die Idee also auf verschiedene europäische Länder aus und erreichen so auch deutlich mehr Menschen als mit den Bewegungstrainings vor Ort.

Interview

OAC-Gründerin Petra Thaller erzählt im Interview, warum das Bergwandern so schön ist und der wichtigste Schritt der vor die Haustüre ist.

Ein Blick in die Zukunft: Wann kehren Sie in die Berge zurück?

Ich hoffe, bald! Aber sagen kann ich natürlich es nicht. Einen Corona-Fall bei unseren Krebspatienten können wir auf keinen Fall riskieren. Wir müssen uns also noch gedulden. Aber digital sind wir jetzt jedenfalls bestens aufgestellt, wenn die Corona-Krise überstanden ist.

Outdoor against Cancer

Alle Informationen über die Initiative Outdoor against Cancer (OAC), die Trainings per Video und Experten-Interviews