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Pluvicto®: Medikament gegen fortgeschrittenen Prostatakrebs
24. August 2026 | von Ingrid Müller - Chefredakteurin, aktualisiert und medizinisch geprüftFür Männer mit fortgeschrittenem Prostatakrebs wurde in Deutschland ein besonderes Medikament zugelassen: Lutetium (177Lu) Vipivotid-Tetraxetan (Pluvicto®). Alle Fakten zu Wirkung, Anwendung, Nebenwirkungen und Wirksamkeit. Außerdem: Tipps für Männer während und nach der Therapie mit dem radioaktiven Medikament.
Kurzübersicht
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Redaktion transparent: Warum nennen wir den Handelsnamen Pluvicto?
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Was ist Lutetium (177Lu) Vipivotid-Tetraxetan?
Lutetium (177Lu) Vipivotid-Tetraxetan ist ein radioaktives Medikament für Männer mit fortgeschrittenem, metastasiertem und kastrationsresistentem Prostatakrebs. Kastrationsresistent bedeutet, dass der Krebs nicht mehr ausreichend auf die Hormontherapie anspricht. Männer müssen vorher also schon eine Hormontherapie oder aber eine Chemotherapie erhalten haben.
Eine weitere Voraussetzung ist, dass der Prostatakrebs PSMA-positiv ist. Auf den Prostatakrebszellen muss das Eiweiß namens prostataspezifische Membranprotein (PSMA) vorhanden sein. PSMA kommt auf der Mehrzahl der Prostatakrebszellen vor, im übrigen Körper dagegen so gut wie nicht. Daher können Ärztinnen und Ärzte das PSMA gezielt als Angriffspunkt für die Krebstherapie nutzen.
Der Handelsname von Lutetium (177Lu) Vipivotid-Tetraxetan lautet Pluvicto®. Ein anderer Name ist Lutetium-177-PSMA-617, das vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Zusammenarbeit mit dem Klinikum und der Universität in Heidelberg entwickelt wurde. Seit 2022 ist das Arzneimittel in den USA zugelassen, jetzt auch in Deutschland. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hat dem Medikament am 13. Dezember 2022 die Zulassung für Europa erteilt, und damit auch für Deutschland.
Wie wirkt die Radioligandentherapie?
Lutetium (177Lu) Vipivotid-Tetraxetan ist sogenannter Radioligand. Daher heißt diese Krebsbehandlung auch Radioligandentherapie. Der Name stammt daher, dass das radioaktive Lutetium-177 (ein Radionuklid) an eine weitere Substanz – das Vipivotid-Tetraxetan als Liganden – gekoppelt wird. Und diese bindet sich wiederum ganz gezielt und spezifisch an das PSMA auf den Prostatakrebszellen. Die bösartigen Zellen nehmen den Wirkstoff ins Zellinnere auf. Er gibt dann von innen heraus seine radioaktive Strahlung ab. Diese schädigt das Krebsgewebe und lässt die Krebszellen absterben.
Für wen eignet sich das radioaktive Medikament?
Die Radioligandentherapie Pluvicto ist eine neue Therapiemöglichkeit für Männer, deren Prostatakarzinom diese Bedingungen erfüllt:
- Metastasiert – es sind Krebsabsiedelungen in anderen Organen und Geweben nachweisbar
- Kastrationsresistent – die Hormontherapie wirkt nicht mehr ausreichend
- PSMA-positiv – auf den Zellen lässt sich das prostataspezifische Membranantigen nachweisen
Männer müssen bereits eine Hormontherapie oder eine Chemotherapie mit Taxanen durchlaufen haben. In weiteren Studien wollen Forschende aber auch prüfen, ob sich diese Radioligandentherapie für Männer mit früherem Prostatakrebs eignet.
Um Männer zu identifizieren, für die eine Behandlung mit Lutetium (177Lu) Vipivotid-Tetraxetan in Frage kommt, setzen Ärztinnen und Ärzte meist den Wirkstoff Gallium (68Ga) Gozetotid ein. Dieses bindet – wie Pluvicto – an PSMA. In einem anschließenden PSMA-PET-CT (Positronenemissionstomografie in Kombination mit einer Computertomografie) lässt sich dies überprüfen.
Wie, wie oft und in welcher Dosierung wird es angewendet?
Lutetium (177Lu) Vipivotid-Tetraxetan ist eine klare, farblose bis schwach gelbliche Lösung. Nuklearmediziner und Nuklearmedizinerinnen verabreichen sie als Injektion oder Infusion über die Vene (intravenös). Empfohlen ist die Anwendung alle sechs Wochen. Insgesamt lassen sich bis zu sechs Dosen verabreichen. Wenn der Prostatakrebs fortschreitet oder Nebenwirkungen auftreten, die nicht tolerierbar sind, passen Ärztinnen und Ärzte die Dosis an.
Welche Nebenwirkungen kann Pluvicto haben?
Die Behandlung mit einer Radioligandentherapie kann einige Nebenwirkungen hervorrufen. Die wichtigsten sind:
- Müdigkeit, Schwäche
- Blasse Haut
- Kurzatmigkeit
- Mundtrockenheit
- Übelkeit und Erbrechen
- Verstopfung, Durchfall
- Bauchschmerzen, Unterleibsschmerzen
- Verminderter Appetit, Gewichtsverlust
- Störungen der Blutbildung im Knochenmark: Blutarmut (Anämie), verminderte Anzahl an Blutplättchen (Thrombozytopenie), Leukozyten (Leukopenie) und neutrophilen Granulozyten (bestimmte weiße Blutkörperchen = Neutropenie)
- Harnwegsinfektion
- Akutes Nierenversagen
Lutetium (177Lu) Vipivotid-Tetraxetan ist eine radioaktive Substanz. Eine langfristige Behandlung mit dem Wirkstoff kann das Krebsrisiko erhöhen. Wichtig ist es daher, die Männer über Vorsichtsmaßnahmen aufzuklären. Sie sollte weitere Strahlungsquellen, etwa im Rahmen anderer Krebstherapien, vermeiden.
Lutetium (177Lu) Vipivotid-Tetraxetan wirkt zudem potenziell embryotoxisch – das heißt, es kann Embryonen schädigen. Zudem birgt die Radioligandentherapie das Risiko von zeitweiser oder dauerhafter Unfruchtbarkeit (Infertilität). Es gibt aber die Möglichkeit der Kryokonservierung, bei der sich Samenzellen vor der Behandlung entnehmen und einfrieren lassen.
Außerdem müssen Ärztinnen und Ärzte regelmäßige Blutbilder anfertigen und die Nierenwerte sowie die Leberwerte kontrollieren, um Störungen der Blutbildung, ein akutes Nierenversagen und Störungen der Leberfunktion rechtzeitig zu erkennen. Eventuell müssen sie die Therapie anpassen oder absetzen.
Jeder Mann, der sich mit Lutetium (177Lu) Vipivotid-Tetraxetan behandeln lässt, muss gut über die womöglich auftretenden Nebenwirkungen und Symptome informiert sein. Im Notfall gilt es, rasch zu handeln und sofort einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen.
Was ist vor und nach der Anwendung zu beachten?
Männer sollten vor und nach der Anwendung von Lutetium (177Lu) Vipivotid-Tetraxetan ihre Trinkmenge deutlich erhöhen und so oft wie möglich ihre Blase entleeren. Dies vermindert die Strahlenbelastung im Urogenitaltrakt.
Außerdem sollten sie mindestens:
- zwei Tage nach der Anwendung von Pluvicto viel Wasser trinken und so häufig wie möglich urinieren – auf diese Weise spülen Sie das radioaktive Arzneimittel aus dem Körper aus.
- zwei Tage keinen engen Kontakt (weniger als einen Meter) zu Menschen haben, die im eigenen Haushalt leben
- sieben Tage engen Kontakt zu Kindern und Schwangeren vermeiden
- sieben Tage auf sexuelle Aktivitäten verzichten
- drei Tage getrennt von Personen des eigenen Haushalts schlafen, bei Kindern gilt ein Zeitraum von mindestens sieben Tagen, bei Schwangeren mindestens 15 Tage
- bis 14 Tage nach der Therapie mit Lutetium (177Lu) Vipivotid-Tetraxetan effektiv mit Kondomen verhüten
- während der Behandlung mit Pluvicto und für die Dauer von 14 Wochen nach der letzten Dosis kein Kind zeugen.
Benutzung von Toiletten
Treffen Sie in den ersten zwei Tagen nach der Behandlung besondere Vorsichtsmaßnahmen, um eine Verunreinigung (Kontamination) zu vermeiden:
- Setzen Sie sich beim Urinieren auf der Toilette hin und pinkeln Sie nicht im Stehen.
- Verwenden Sie bei jedem Toilettengang Toilettenpapier.
- Waschen Sie sich nach dem Toilettengang gründlich die Hände.
- Entsorgen Sie Toilettentücher oder Toilettenpapier sofort nach dem Gebrauch in der Toilette.
- Spülen Sie Tücher oder andere Gegenstände, die Körperausscheidungen wie Blut, Urin und Fäkalien enthalten, in der Toilette hinunter.
- Utensilien, die sich nicht in der Toilette hinunter spülen lassen, etwa Verbände, entsorgen Sie in separaten Abfallbeuteln aus Kunststoff.
- Medizinische Ausrüstung, die durch Körperflüssigkeiten kontaminiert sein könnte (beispielsweise Katheterbeutel, Kolostomiebeutel, Bettpfannen, Wasserdüsen), entleeren Sie sofort in die Toilette und reinigen diese anschließend.
Duschen und Wäschepflege
- Duschen Sie für mindestens sieben Tage nach der Behandlung täglich.
- Waschen Sie Unterwäsche, Schlafanzüge, Laken und sämtliche Kleider, die Schweiß, Blut oder Urin enthalten können, getrennt von der Wäsche anderer Haushaltsangehörigen im Standardwaschgang. Spezielle Bleichmittel oder zusätzliche Spülgänge sind nicht nötig.
Tipps für Pflegende
Für zwei bis drei Tage nach der Behandlung sollten Pflegende folgende Tipps beherzigen:
- Bettlägerige oder eingeschränkt mobile Männer sollten Pflegende nach Möglichkeit unterstützen. Ratsam ist es, bei der Hilfe im Bad Einweghandschuhe zu tragen.
- Beim Aufwischen von Erbrochenem, Blut, Urin oder Stuhl sollten Pflegende Kunststoffhandschuhe tragen, die sie anschließend in einem separaten Abfallbeutel aus Kunststoff entsorgen.
Abfall entsorgen
- Alle wegzuwerfenden Gegenstände sollten Sie in einem separaten Abfallbeutel sammeln. Benutzen Sie diesen nur zu diesem Zweck (keine anderen Abfälle einwerfen).
- Halten Sie die separaten Müllbeutel aus Kunststoff getrennt von anderem Haushaltsabfall und bewahren Sie sie außer Reichweite von Kindern und Tieren auf.
- Lassen Sie sich im Krankenhaus erklären, wie und wann Sie diese Abfallbeutel entsorgen.
Welche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten gibt es?
Bisher wurden keine spezifischen Wechselwirkungen von Lutetium (177Lu) Vipivotid-Tetraxetan mit anderen Arzneimitteln festgestellt.
Wie wirksam ist Lutetium (177Lu) Vipivotid-Tetraxetan?
Für Männer mit Prostatakrebs, die eine Standardtherapie und zusätzlich Lutetium (177Lu) Vipivotid-Tetraxetan erhalten haben, zeigte sich ein verbessertes Gesamtüberleben.
FAQs: RadioligandentherapieWas kostet eine Lutetium-Therapie? Eine Therapie mit Lutetium, zum Beispiel mit dem Medikament Pluvicto bei Prostatakrebs, ist sehr teuer. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) beziffert die Kosten auf rund 157.000 Euro pro Jahr und Patient. Wichtig ist es daher, sorgfältig auszuwählen, welcher Mann mit fortgeschrittenem Prostatakrebs von einer Radioligandentherapie profitiert. Die gesetzlichen Krankenkassen und privaten Krankenversicherungen übernehmen in der Regel die Kosten für die Lutetium-Therapie, wenn Ärzte die Indikation (medizinische Notwendigkeit) stellen. Wie lange verlängert Lutetium bei Prostatakrebs das Leben? Es lässt sich nicht pauschal sagen, wie lange eine Radioligandentherapie mit Lutetium-177 das Leben verlängert, zum Beispiel bei fortgeschrittenem Prostatakrebs. Studien deuten aber darauf hin, dass es sich um einige Monate handelt. Lutetium-177 verlängert das durchschnittliche Gesamtüberleben um ungefähr vier Monate im Vergleich zur Standardtherapie. Die Überlebenszeit kann jedoch individuell auch länger ausfallen. Die PSMA-Therapie kann sich also günstig auf die Lebenserwartung auswirken. Ist die Lutetiumtherapie bei Prostatakrebs wirksam? Ja, die Therapie mit Lutetium 177 kann das Fortschreiten von Prostatakrebs wirksam aufhalten. Dadurch verlängert sich die Lebenszeit und auch die Lebensqualität lässt sich in vielen Fällen verbessern oder aufrechterhalten. Die Radioligandentherapie ist bei fortgeschrittenem, metastasiertem und kastrationsresistentem Prostatakrebs eine Möglichkeit, wenn andere Behandlungen ausgeschöpft sind. Kann Prostatakrebs mit Metastasen geheilt werden? Nein, ein Prostatakrebs mit Metastasen gilt in der Regel als nicht mehr heilbar. Aber: Es gibt noch viele Therapie, um das Wachstum des Tumors zu bremsen, die Symptome zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und die Lebenszeit zu verlängern. Geheilt werden kann Prostatakrebs am besten in einem frühen Stadium, wenn der Tumor noch lokal auf die Prostata begrenzt ist. Auch bei einem lokal fortgeschrittenen Tumor ohne Fernmetastasen (z.B. Knochen, Leber, Lunge) ist manchmal eine Heilung möglich. Welche Erfahrungen haben Menschen mit der Therapie mit Lutetium-177 gemacht? Die Radioligandentherapie kann einige Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwäche oder Mundtrockenheit oder mit sich bringen, aber viele Männer machen die Erfahrung, dass sie gut verträglich ist. Auch Symptome wie Schmerzen nehmen meist ab und die Lebensqualität verbessert sich dadurch. Wie lange wirkt Lutetium-177? Lutetium-177 besitzt eine Halbwertszeit von ungefähr sieben Tagen (dann ist die ursprüngliche Menge auf die Hälfte gesunken). Die Therapie entfaltet ungefähr sechs Wochen lang ihre Wirkung auf die Metastasen. Der Effekt tritt also nicht sofort in voller Höhe ein, sondern entfaltet sich binnen Wochen und Monaten. Meist wird die Therapie mehrmals im Abstand von einige Wochen wiederholt. |
Quellen:
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