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Prostatakrebs-Behandlung – wie die Darmflora mitspielt

19. Oktober 2020 | von Ingrid Müller

Die Darmflora besteht aus einem ganzen Kosmos an Mikroorganismen. Dieses Mikrobiom könnte auch bei der Behandlung von Prostatakrebs eine Rolle spielen. In einer Studie vermehrten sich die „guten“ Bakterien, während ungünstige Keime abnahmen. 

Die menschliche Darmflora setzt sich aus Billionen verschiedenster Mikroorganismen zusammen, die den Darm als unsichtbare Mitbewohner besiedeln. In dieser Wohngemeinschaft gibt es „gute“ Bakterien, die die Gesundheit fördern, aber auch krankmachende und ungünstige Keime. Diese Gesamtheit aller Mikroorganismen – das Mikrobiom – ist bei keinem Menschen gleich. Die individuelle Zusammensetzung der Darmflora aus Bakterien, Viren, Pilzen und Einzellern hängt von verschiedenen Faktoren ab. Einen Einfluss haben zum Beispiel die Ernährungsweise, das Alter oder Geschlecht eines Menschen. Forscher bringen diesen Mikrokosmos im Darm heute mit verschiedensten Krankheiten in Verbindung – von Diabetes mellitus über Depressionen und Fettleibigkeit bis hin zur Multiplen Sklerose.

Auch bei Behandlungen von Prostatakrebs könnte das Mikrobiom im Darm eine Rolle spielen, wie eine Studie von Forschern des Lawson Health Research Institute and der Western University vermuten lässt. Das Mikrobiom interagiert offenbar mit bestimmten Medikamenten, die Männer mit kastrationsresistentem Prostatakrebs als Hormontherapie anwendeten. Die Mikroorganismen könnten womöglich das medizinische Ergebnis der Behandlung günstig beeinflussen, vermuten die Forscher. Ihre Erkenntnisse veröffentlichten sie im Fachblatt Nature Communications.

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Darmflora: „Gute“ Bakterien vermehren sich unter Hormontherapie

An der Untersuchung nahmen 68 Männer teil, die an Prostatakrebs erkrankt waren. Sie nahmen entweder den Wirkstoff Abirateronacetat als Tabletten ein oder wendeten eine andere Variante der Hormontherapie an. Der Wirkstoff Abirateronacetat gehört zur Gruppe der Steroide. Ärzte setzen ihn im Rahmen der Hormontherapie bei fortgeschrittenem, kastrationsresistentem Prostatakrebs ein. In diesem Fall ist der Tumor unempfindlich gegenüber anderen Medikamenten geworden war und wächst trotzdem weiter. Abirateronacetat hemmt die Produktion des männlichen Geschlechtshormons Testosteron und bremst das Fortschreiten des Prostatakrebses. Auch andere Medikamente der Hormontherapie drosseln die Testosteronproduktion.

Die Forscher sammelten Stuhlproben der Probanden und analysierten sie im Labor. Als Kontrolle dienten Stuhlproben von Männern, die keine Hormontherapie erhielten. Sie fanden heraus, dass sich die Darmflora jener Männer, die Abirateronacetat einnahmen, drastisch verändert hatte. Die Darmbakterien verstoffwechselten den Wirkstoff so, dass sich deutlich mehr Bakterien namens Akkermansia muciniphila angesiedelt hatten. Schon frühere Untersuchungen hatten gezeigt, dass Androgenblocker wie Bicalutamid oder Enzalutamid zu einer Vermehrung dieser Bakterien führen.

Akkermansia muciniphila stärkt die Darmschleimhaut

Forscher schreiben dem Bakterium Akkermansia muciniphila verschiedene positive Wirkungen zu. Es ernährt sich vom Schleim der Dickdarmwand, fördert die Regeneration der Darmschleimhaut und trägt so zu deren Gesundheit bei. Einige Wissenschaftler stufen das Bakterium daher als „Probiotikum der nächsten Generation“ ein. Seine Rolle wurde schon in verschiedenen Studien untersucht.

Sie zeigten, dass das Bakterium das Ansprechen auf Immuntherapien bei Krebs positiv beeinflussen kann und noch weitere gesundheitsfördernde Wirkungen besitzt. Der Anstieg von Akkermansia muciniphila erhöhte die Produktion von Vitamin K2, dem Wissenschaftler Anti-Krebs-Eigenschaften zuschreiben – es soll das Tumorwachstum bremsen. Diese gesundheitsfördernden Bakterien seien also im Kampf gegen den Prostatakrebs vielleicht sehr nützlich, schlussfolgern die Forscher.

Darmflora: Androgen nutzende Bakterien nehmen ab

Das Forscherteam fand zudem heraus, wie sich die Hormontherapie allgemein auf das Mikrobiom auswirkt. Sowohl Abirateronacetat als auch andere Hormontherapien senkten die Anzahl jener Mikroorganismen, die Androgene für ihren Stoffwechsel nutzen, zum Beispiel Corynebacterium spp. Diese ließen sich besser in Schach halten. „Die Ergebnisse zeigen ganz klar, dass das Mikrobiom an der Reaktion auf eine Behandlung beteiligt ist“, erklärt der Lawson-Wissenschaftler Dr. Jeremy Burton.

Und Brendan Daisley vom Lawson Health Research Institute betont: „Unsere Studie zeigt eine Schlüsselinteraktion zwischen einem Krebsmedikament und dem Mikrobiom im Darm, die wiederum ‚gute‘ Mikroorganismen mit Anti-Krebs-Eigenschaften fördert.“

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Mikroorganismen der Darmflora: Kontakt mit den Wirkstoffen

Herkömmliche Hormontherapien bei Prostatakrebs zielen darauf ab, die Produktion von Androgenen zu unterdrücken. Unter dem Einfluss dieser Hormone wächst der Prostatakrebs bei vielen Männern. Fehlt das Testosteron, hat der Tumor auch keinen „Treibstoff“ mehr für sein Wachstum. „Bei vielen Männern sind diese Hormontherapien leider nicht dauerhaft wirksam“, sagt Dr. Joseph Chin, Urologe am London Health Sciences Centre (LHSC). „Für diese Fälle erforschen wir alternative Therapien“.

Abirateronacetat ist eine sehr wirksame Behandlung für Männer, deren Prostatakrebs unempfindlich gegenüber anderen Behandlungen geworden ist und nicht mehr auf diese anspricht. Der Wirkstoff reduziert zwar auch die Androgene im Körper, aber dies geschieht über einen anderen Mechanismus als bei traditionellen Hormonbehandlungen. Ein weiterer Unterschied ist, dass Männer das Medikament oral als Tabletten einnehmen und nicht als Spritze anwenden. Das bedeutet, dass der Wirkstoff über den Magen-Darm-Trakt aufgenommen wird und so ins Blut gelangt. Bei einer Injektion landet er dagegen gleich in der Blutbahn.

„Wenn Medikamente oral eingenommen werden, kommen sie auf ihrer Reise durch den Verdauungstrakt mit Billionen von Mikroorganismen in Kontakt“, erklärt Dr. Jeremy Burton. „Lange Zeit war es ein Geheimnis, warum Abirateronacetat so wirksam ist. Deshalb wollten wir wissen, ob die Darmflora womöglich ein Mitspieler ist.“

Mikrobiom und Darmflora – Forschungsfelder der Zukunft

Jetzt wollen die Forscher die Wechselwirkungen von Medikamenten mit dem Mikrobiom weiter unter die Lupe nehmen. „Wir fangen gerade erst an, die verschiedenen Wege zu enthüllen, wie das menschliche Mikrobiom die Entwicklung, das Fortschreiten und die Behandlung von Krebs beeinflusst“, erklärt Brendan Daisley. Ziel ist es, das Mikrobiom dafür zu nutzen, um die medizinischen Ergebnisse nach einer Behandlung für verschiedene Erkrankungen zu verbessern.

In einer weiteren Studie untersuchen die Forscher zum Beispiel, ob die Stuhltransplantation mit dem Mikrobiom eines gesunden Spenders die Darmflora eines Patienten mit schwarzem Hautkrebs (malignes Melanom) verändern kann. Sie wollen herausfinden, ob sich „gute“ Bakterien wie Akkermansia muciniphila stärker vermehren und das Ansprechen auf die Immuntherapie verbessern. Interessant für die Forscher ist auch, ob die Analyse des Mikrobioms eines Patienten Voraussagen darüber zulässt, wie gut er auf spezifische Therapien anspricht.

„Auch wenn noch mehr Forschung nötig ist“, sagt Burton, „vielleicht sind wir eines Tages in der Lage, das Mikrobiom eine Patienten zu analysieren und die bestmögliche Behandlung für ihn zu finden. Und vielleicht können wir zukünftig das Mikrobiom so beeinflussen, dass sich die Behandlungsergebnisse verbessern. Das wäre ein neuer Schritt in Richtung personalisierte Medizin.“

Quellen

  • Daisley, B.A., Chanyi, R.M., Abdur-Rashid, K. et al. Abiraterone acetate preferentially enriches for the gut commensal Akkermansia muciniphila in castrate-resistant prostate cancer patients. Nat Commun 11, 4822 (2020). https://doi.org/10.1038/s41467-020–18649‑5 (Abruf: 19.10.2020)
  • Deutsche Krebsgesellschaft, https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/basis-informationen-krebs-allgemeine-informationen/abirateron.html (Abruf: 19.10.2020)