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Prostatakrebs: »Ich lebe einfach weiter und genieße«

23. März 2020 | von Ingrid Müller

An Prostatakrebs erkranken allein in Deutschland rund 65.000 Männer jährlich neu. Martin Eifler, 60, ist einer davon. In Interview erzählt er, wie es war, als er die Diagnose bekam - und warum er das Leben trotzdem schön findet.

Martin Eifler © privat

Herr Eifler, wie sind Sie dahinter gekommen, dass bei Ihnen gesundheitlich etwas nicht stimmt?

Eigentlich gar nicht, denn bei mir hat alles gestimmt. Jedenfalls  schien es so. Vor sieben Jahren war ich das erste Mal beim Urologen, und da war alles in Ordnung. Im Jahr 2018 dachte ich, es sei mal wieder Zeit für einen Besuch bei ihm. Der PSA-Wert war bei dieser Untersuchung leicht erhöht, bei knapp 4. Ich habe das auf meine Outdooraktivitäten geschoben, denn ich bin leidenschaftlicher Radfahrer.

Dann waren Sie ja schon bestens über den PSA-Wert informiert.

Ja, ich hatte gehört, dass Radfahren ein Grund für einen erhöhten PSA-Wert sein kann. Ich arbeite außerdem als Krankenpfleger und habe daher vermutlich mehr mit der Medizin zu tun als andere Männer. Sorgen habe ich mir also keine gemacht, und bei der nächsten Kontrolle war der PSA wieder im normalen Bereich. Die Tastuntersuchung ergab nichts Auffälliges, genauso wenig wie der Ultraschall. Und Beschwerden hatte ich auch keine. Ich habe mich wirklich gesund gefühlt.

Was zwar subjektiv stimmte, aber nicht den medizinischen Tatsachen entsprach.

Das ist ja das Verrückte, dass man keine Symptome und trotzdem Krebs hat. Mir ging es körperlich gut. Im letzten Jahr war der PSA-Wert dann doch wieder angestiegen. Bei 4,3 lag er diesmal und der Arzt hat im Ultraschall eine Verschattung auf der Prostata gesehen. Es folgte eine Biopsie und im November bekam ich die Diagnose Prostatakrebs – mit 60. Das war natürlich keine schöne Nachricht.

Nicht jeder Arzt zeigt viel Fingerspitzengefühl, wenn er eine Krebsdiagnose mitteilt. Wie hat Ihnen Ihr Arzt beigebracht, dass Sie Prostatakrebs haben?

Er sagte, die Gewebeproben hätten ein bösartiges Ergebnis gebracht.  Aber er hat mich sofort beruhigt und gesagt, ich solle nicht in Panik verfallen, nichts überstürzen, in Ruhe überlegen – und dann über die Therapie entscheiden. Er hatte mir eine Entfernung der Prostata vorgeschlagen, und vielleicht noch eine Strahlentherapie hinterher. Der Tumor war zwar nicht ganz aggressiv, aber eben auch nicht vollkommen harmlos. Obwohl der Arzt mir auch die Folgen der Op wie Impotenz und Inkontinenz beschrieb, wollte ich nur eines: Der Prostatakrebs sollte weg, und zwar gleich!

Das Wort »Krebs« macht wohl den meisten Menschen Angst. Sie verbinden es gleich mit dem Tod. Wie hat es sich für Sie angefühlt?

Ich war geschockt – anders kann ich es nicht sagen. Natürlich habe ich mich direkt nach der Biopsie gefragt, wie ich wohl selbst auf eine Krebsdiagose reagieren würde. Wissen Sie, ich bin ein eher ängstlicher Typ, der schnell zur Panik neigt. Ich hatte gedacht: Du drehst garantiert durch, wenn das Wort Krebs fällt!

Und psychologische Unterstützung wäre nichts für Sie gewesen?

Ich brauchte sie nicht, denn erstaunlicherweise war ich gar nicht so durch den Wind, wie ich von mir selbst angenommen hatte. Es hat nur ungefähr einen Tag gedauert, und dann habe ich mir gesagt: »Martin, du fühlst dich doch wohl und gesund und hast Freude am Leben wie sonst auch – trotz der Krebsdiagnose im Hinterkopf«. Ich habe mich also selbst überrascht. Auch meine Freunde haben sich gewundert, wie gelassen ich mit der Nachricht umgegangen bin.

Woher kam denn Ihre Gelassenheit?

Ein Grund ist wahrscheinlich wieder, dass ich medizinisch nicht ganz unbedarft bin. Im Krankenhaus sind Sie mit allem möglichen konfrontiert – vom Magen- und Darmkrebs bis zum Pankreaskarzinom. Ich wusste, es gibt noch weitaus Schlimmeres. Und vielleicht verstehe ich auch die Therapien ein bisschen besser als jemand, der keinen medizinischen Beruf hat. Außerdem sind einige meiner Freunde ebenfalls von einer Krebserkrankung betroffen. Krebs ist ja keine Seltenheit.

Nach einer Krebsdiagnose graben viele in ihrem vergangenen Leben nach den Ursachen: Sie auch?

Naja, überlegt hatte ich schon, warum es jetzt ausgerechnet mich getroffen hat. Manchmal gibt es ja in der Familie schon Krebsfälle und man kann genetische Ursachen dafür verantwortlich machen. Bei mir ist allerdings kein einziger Verwandter an Krebs erkrankt. Die Gene kamen also schon mal nicht in Frage. Dafür kamen Herzkrankheiten vor und ich habe eher damit gerechnet, dass mich irgendwann ein Herzinfarkt trifft. Vermutlich wird es nicht zu ergründen sein, warum der Prostatakrebs bei mir entstanden ist. Ich sage mir einfach: Es ist eben so.

Viele denken ja: Ich bin jung, lebe gesund, treibe Sport und Krebs trifft die anderen. Dachten Sie daran, selbst etwas falsch gemacht zu haben?

Ich trinke gerne ab und zu einen guten Whisky oder Wein und ich rauche eine Zigarette zum Genuss. Es macht mir Spaß und bedeutet für mich Lebensqualität. Ich wollte mir deswegen aber keine Vorwürfe machen und auch nicht nach der Schuld suchen. Denn ich wollte und will das Leben genießen, und da muss man halt auch damit rechnen, dass etwas schief geht. Es gibt ja auch viele, die nicht rauchen, gesund essen, viel Sport treiben und trotzdem krank werden.

Mir kam dabei ein junger Fußballer in den Kopf – ich bin übrigens Eintracht Frankfurt-Fan –  der kürzlich an Hodenkrebs erkrankt ist. Ich hatte mitverfolgt, wie er mit seiner Krankheit umgangen ist, wie er wieder ins Leben und den Sport zurückgekommen ist. Das hat mir ein positives Gefühl vermittelt. Ich habe mir gesagt: »Komm, du warst regelmäßig zur Vorsorge, hattest keine Symptome und vielleicht ist der Prostatakrebs ja noch gut behandelbar«.

Wie haben Sie es gemacht, den richtigen Arzt und die richtige Therapie zu finden?

Ganz einfach: Den PC angeschaltet und Google gefragt – so machen es doch die meisten. Und ich wollte ja am liebsten gleich morgen unters Messer. Wahrscheinlich ist das bei vielen der erste Impuls, aber es ist nicht unbedingt die beste Idee. Denn es muss nicht alles gleich hopplahopp gehen. Prostatakrebs sei kein Notfall, hatte mir mein Arzt gesagt. Ich habe mir dann Zeit genommen, eine Zweitmeinung eingeholt und mich auf die Suche nach der passenden Klinik gemacht.

Das gleicht manchmal der Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen. Nach welchen Kriterien sind Sie dabei vorgegangen?

Ich habe viel gelesen, vor allem im Internet. Ich habe mir angeschaut, wie oft eine Klinik die Prostataoperation durchführt. Sie sollte zum Tagesgeschäft gehören und Ärzte sollten eine solche Op nicht nur zweimal im Jahr machen. Außerdem habe ich gelesen, dass man auch mit Hilfe eines Roboters operieren kann – das wusste ich vorher nicht. Und ich habe das Feedback von anderen Patienten studiert. Das kann auch aufschlussreich sein.

Sie haben die Prostatektomie vor einigen Wochen hinter sich gebracht – wie ist es Ihnen ergangen?

Zuerst einmal war ich unheimlich erleichtert, dass ich keine Metastasen in den Lymphknoten und anderen Organen hatte. Der Krebs war noch auf die Prostata beschränkt. Eine sehr gute Nachricht. Und ich muss sagen: Mit der Klinik, den Ärzten, Pflegern, Sozialarbeitern und der Physiotherapie war ich sehr zufrieden. Ich habe mich gut aufgehoben und behandelt gefühlt.

Die Prostatektomie kann Nebenwirkungen wie eine Erektile Dysfunktion und Inkontinenz haben – vertrauen Sie uns an, wie es bei Ihnen ist?

Vor der Op hatte ich Folgendes mit mir ausgemacht: Im Vordergrund steht, dass der Krebs  weg ist und ich geheilt werden kann, selbst wenn im Anschluss Impotenz und Inkontinenz drohen. Allerdings war ich schon ernüchtert, nachdem der Katheter entfernt worden war. Ich stand im Flur, der Urin lief herunter und der ganze Schlafanzug war nass. Und zwar ohne, dass ich irgendetwas davon mitbekommen hätte. Es waren die Blicke der Schwester, die mich aufmerksam gemacht hatten.

Für viele vermutlich eher eine Erinnerung aus Kindheitstagen …

Genau, also das fand ich schon sehr extrem und ich war außer mir. Ich dachte, du kannst nicht mehr arbeiten gehen und musst dir alle Hosen eine Nummer größer bestellen, damit eine mächtige Windel drunter passt. Aber nach einem Tag wurde es besser, Gottseidank! Und was die Erektile Dysfunktion angeht, da will ich nicht um den heißen Brei herumreden: Momentan ist die Potenz gleich null, da darf man schon gefrustet sein. Ich nehme aber Medikamente ein und hoffe natürlich, dass es sich noch bessert.

Manche fassen nach einer Krebsdiagnose den Beschluss, ihr Leben auf den Kopf zu stellen. Gibt es auch bei Ihnen etwas, das Sie anders betrachten oder machen als zuvor?

Ja und nein. Auch wenn es ein bisschen abgedroschen klingt: Ich versuche, jeden Tag so zu leben, als wäre es der letzte. Ich gönne mir mehr, drehe den Euro nicht um, nehme viele Erlebnisse mit und freue mich daran. Kurz gesagt: Ich lasse es mir gutgehen.

Mit ‚Nein‘ würde ich auf Ihre Frage nach der Veränderung antworten, weil ich weiter Rad fahre, wandern gehe und mich mit der Familie und Freunden treffe. Ich möchte einfach teilhaben am Leben. Und ich trinke weiter meinen heißgeliebten Schwarzen Tee und auch mal ein Bier, obwohl es für die Kontinenz wahrscheinlich nicht so toll ist. Vielleicht werde ich so keine 100 Jahre alt, aber das lasse ich mir nicht nehmen. Ich bin ein Genussmensch und möchte nicht jedes Laster aufgeben.

Wenn Sie anderen Männer aus Ihrer Erfahrung etwas mitgeben würden – was wäre das?

Mein Rat lautet ganz einfach: Geht zur Vorsorge, Männer! Ich sage es all meinen Freunden. Das Abtasten ist nichts Schlimmes, man kann es gut überstehen. Den PSA-Test und die Ultraschalluntersuchung würde ich auch durchführen lassen, selbst wenn man beides ohne konkreten Krebsverdacht selbst bezahlen muss. Nebenbei  gesagt finde ich es ein Unding, dass die Kassen die Kosten dafür nicht erstatten. Es gibt ja auch ärmere Männer, die sich das vielleicht nicht leisten können. Und zuletzt würde ich sagen: Prostatakrebs bedeutet nicht, dass das Leben zu Ende ist. Es kann weiterhin sehr schön sein.

 

Das Interview führte Ingrid Müller.