Sport nach Krebs – neue internationale Empfehlungen

11. November 2019 | von Ingrid Müller

Sport nach einer Krebserkrankung hat viele positive Effekte. Experten haben jetzt neue internationale Empfehlungen veröffentlicht, welcher Sport und wie viel es sein soll. Außerdem: Gegen welche Beschwerden das Training hilft!

Sport und Bewegung haben vielerlei positive Wirkungen – auch nach einer Krebserkrankung. Oft kämpfen Krebskranke, die ihre Therapien überstanden haben, noch viele Jahre später mit den Langzeitfolgen wie Erschöpfung (Fatigue)Ängsten oder eingeschränkten Körperfunktionen. Denn nicht nur die Krebserkrankungen selbst, sondern auch die oft intensiven Behandlungen hinterlassen ihre Spuren im Körper und in der Psyche. So wiesen zahlreiche Studien nach, dass Krebspatienten von einer gezielten Bewegungstherapie vor, während und nach der Krebsbehandlung profitieren: Sport verbesserte ihre Fitness, körperlichen Funktionen und die Lebensqualität.

Sport nach Krebs: „Bewegungsangebote unzureichend verankert“

Doch welche Art von Sport und wie viel sollte es sein? Dazu veröffentlichte ein internationales Konsortium jetzt neue weltweite Empfehlungen, die sogenannten ACSM-Guidelines 2019. Die Experten hatten dafür die Literatur und insgesamt rund 2.500 der jüngsten Studien durchforstet. Auf der Basis dieser Studiendaten aktualisierten sie die Empfehlungen des American College of Sports Medicine (ACSM) aus dem Jahr 2010. Diese neuen Empfehlungen sollen jetzt die Basis sein, um flächendeckend Bewegungsangebote in die Krebsnachsorge zu integrieren.

"Trotz dieser positiven Erkenntnisse sind Bewegungsangebote noch längst nicht überall in Deutschland vorhanden und auch in den Leitlinien zur Nachsorge einzelner Krebsarten nur unzureichend verankert."

Joachim Wiskemann, Sportwissenschaftler und Leiter Arbeitsgruppe Onkologische Sport- und Bewegungstherapie, Heidelberg

Sport nach Krebs – so viel sollte es sein

Für Prostatakrebs (und andere Krebsarten) geben die Experten folgende allgemeine Empfehlungen:

Sport: Menge und Intensität

  • Männer sollten dreimal wöchentlich ein moderates bis intensives Ausdauertraining für mindestens 30 Minuten betreiben. Zu den Ausdauersportarten gehören zum Beispiel Joggen, (Nordic)Walking, Wandern, Radfahren, Schwimmen, Skaten oder Skilanglauf.
  • Am besten kombinieren Sie es mit einem Krafttraining zweimal pro Woche. Dass alleiniges Krafttraining die Gesundheitsprobleme nach der Krebstherapie verbessert, konnten die Forscher nicht bestätigen
  • Sport und Bewegung während und nach einer Krebsbehandlung wirken sich positiv auf die Fatigue, Ängste, Depressionen, körperliche Funktionen und die Lebensqualität aus.

Nach einer Krebserkrankung auf keinen Fall inaktiv sein!

Zudem gibt es Hinweise darauf, dass ein körperliches Training auch krebsbedingte Beschwerden lindern kann, welche die Knochendichte oder den Schlaf betreffen. Allerdings können die Experten noch keine detaillierten Trainingsempfehlungen aufgrund der aktuellen Studiendaten geben.

Ebenfalls noch unklar ist die Frage, ob Bewegung bei Nebenwirkungen der Krebsbehandlung wie einer Herzinsuffizienz, Nervenschäden (Polyneuropathie), Schmerzen oder Übelkeit hilft. „Hier müssen noch weitere Forschungsarbeiten folgen, die die Wirksamkeit von Bewegungstherapie prüfen“, sagt Wiskemann.

Das Fazit der Experten lautet jedenfalls: Körperliche Aktivität sei sicher und jeder ehemalige Krebspatient solle körperliche Inaktivität tunlichst vermeiden.

Körperliche Aktivität – leicht, moderat oder intensiv?

Um die Intensität der körperlichen Aktivität zu bestimmen, gibt es verschiedene Messwerte. Aber auch Ihr subjektives Befindet liefert Anhaltspunkte dafür, wie stark Sie sich körperlich belasten:

  • Leichte körperliche Aktivität: Sie können sich problemlos mit Ihrem sportlichen Mitstreiter unterhalten. Außerdem kommen Sie dabei nicht ins Schwitzen.
  • Moderate körperliche Aktivität: Sie können sich während des Sports noch einigermaßen unterhalten. Sie laufen ohne großartig zu schnaufen und schwitzen leicht.
  • Intensive körperliche Aktivität: Sie können sich beim Sport kaum oder nicht mehr unterhalten und schwitzen stark. Sie selbst würden die körperliche Belastung als „schwer“ bezeichnen.

 

Mit dem Sport nach Krebs anfangen – so geht’s!

Bevor Sie mit dem Sport beginnen:

  • sprechen Sie unbedingt mit Ihrem Arzt, ob etwas gegen sportliche Aktivitäten spricht.
  • ist ein sportmedizinischer Checkup ratsam. Die Untersuchung zeigt, wie es um Ihre körperliche Leistungsfähigkeit steht. Dann arbeiten Sie gemeinsam mit Ihrem Arzt beziehungsweise einem Kardiologen, Sportmediziner oder Experten in einer Reha-Einrichtung einen individuellen Trainingsplan aus, der zu Ihnen passt.

 

Ein erster Schritt zur sportlichen Aktivität könnte zum Beispiel eine Kombination aus Gymnastik zur Kräftigung der Muskulatur, Dehnungsübungen und ein leichtes Ausdauertraining sein. So steigern Sie Ihre Leistungsfähigkeit Schritt für Schritt.

Interview: „Wir gehen raus, magst mit?“

Petra Thaller, Gründerin der Initiative Outdoor against Cancer (OAC), erklärt im Interview, warum das Bergwandern so schön ist und der wichtigste Schritt der vor die Haustüre ist.

Manchen fällt es nicht leicht, mit dem Sport zu beginnen. Folgende Tipps helfen Ihnen dabei:

  • Überlegen Sie sich zunächst, welche Sportart Ihnen Spaß machen würde – so fällt es Ihnen anschließend leichter, tatsächlich bei der Stange zu bleiben. Es gibt zwar keine verbotenen Sportarten, aber einige, die für ehemalige Krebspatienten empfehlenswerter sind als andere.
  • Am besten suchen Sie sich sportliche Mitstreiter, die auch Ihre Motivation stärken. Der innere Schweinhund gibt so eher Ruhe.
  • Wenn Sie zuvor schon eine Sportart betrieben haben, nehmen Sie diese – wenn möglich – wieder auf. Manchmal müssen Sie Ihren Sport vielleicht an Ihre neuen Bedürfnisse und Fähigkeiten anpassen.
  • Wichtig ist, dass Sie sich anfangs nicht zu viel zumuten und überfordern, sondern es langsam angehen lassen. Dann steigern Sie die Intensität allmählich. Sie sollten am nächsten Tag keinen extremen Muskelkater haben. Auch Schmerzen deuten darauf hin, dass Sie womöglich zu viel trainiert haben. Fragen Sie Ihren Arzt in diesem Fall.
  • Hören Sie in sich hinein und tun Sie nur das, was Ihnen wirklich gut tut – Sie müssen keine Höchstleistungen vollführen oder gar Wettkämpfe gewinnen.

 

Nicht nur Sport nach Krebs, sondern auch viel Bewegung im Alltag

Daneben gilt es, sich im Alltag möglichst viel zu bewegen. Einige Tipps:

  • Fahren Sie mit dem Fahrrad zum Bäcker oder Supermarkt. Sie können auch einen Spaziergang zu Ihren Morgen-Brötchen machen.
  • Treppensteigen erscheint vielen zwar nicht besonders spannend, ist aber eine bewegte Alternative zur Rolltreppe oder dem Fahrstuhl.
  • Nach dem Essen gehen Sie einige Schritte an der frischen Luft spazieren. Auch vom Zubettgehen ist ein Spaziergang im Freien hilfreich, um anschließend besser einzuschlafen.
  • Wenn Sie einen Garten haben: Gärtnern Sie! Auch Umgraben oder Unkrautjäten zählt als Bewegung.
  • Arbeiten im Haushalt wie Putzen, Staubsaugen und Aufräumen sind ebenfalls mit Bewegung verbunden und allemal besser, als auf der Couch zu sitzen.

 

Interview: "Mit Laptop im Garten"

Petra Thaller erklärt im Interview, wie das Bewegungstraining in Corona-Zeiten auch im Garten gelingt.

Sport nach Krebs – Adressen und Hilfe

Wenn Sie mit dem Sport anfangen möchten, helfen vielleicht folgende Adressen, die Unterstützung dabei anbieten:

  • Krebszentren: Große Kliniken bieten oft Spezialsprechstunden zu den Themen Sport und Bewegung an. Dort können Sie sich beraten lassen.
  • Behandelnde Ärzte: Im Rahmen der Nachsorge gibt es einige Möglichkeiten, wie Sie körperlich aktiv sein können. Fragen Sie Ihren Arzt nach entsprechenden Angeboten.
  • Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB): Die Initiative „Sport pro Gesundheit“ bietet auf ihrer Webseite mehr Informationen. Zudem gibt es das Angebot „Bewegung gegen Krebs“. Dort finden Sie Infos zu Sportmöglichkeiten und Bewegung im Alltag. Zudem erfahren Sie dort, wie Sie Krebs vorbeugen, aber auch während der Krebstherapie sportlich aktiv sein können.
  • Landessportbünde: Dort finden Sie regionale Angebote zu „Sport nach Krebs“.
  • Deutscher Behindertensportverband (DBS): Der Verband bietet Sportgruppen für Menschen mit Krebserkrankungen als Rehabilitationssport in Reha-Sportgruppen an. Sie können nach diesen im Internet unter suchen.
  • Regionale Krebsberatungsstellen geben Auskunft zu Sportangeboten. Das Deutsche Krebsforschungszentrum bietet eine Suche nach Krebsberatungsstellen in Ihrer Nähe an.
  • Selbsthilfeorganisationen kennen die Sport- und Bewegungsangebote vor Ort meist ebenfalls gut.
  • Nationales Tumorcentrum Heidelberg (NCT): Netzwerk OnkoAktiv
  • Outdoor Against Cancer (OAC)Wandern, Bergsteigen, Outdooraktivitäten, Segeln und vieles mehr.

 

Quellen

  • K. L. Campbell, K. Winters-Stone, J. Wiskemann, A. M. May, A. L. Schwartz, K. S. Courneya, D. Zucker, C. Matthews, J. Ligibel, l. Gerber, G. S. Morris, A. Patel, T. F. Hue, F.M. Perna, K. H. Schmitz (2019) Exercise Guidelines for Cancer Survivors: Consensus Statement from International Multidisciplinary Roundtable. Medicine & Science in Sports & Exercise, DOI 10.1249/MSS.0000000000002116
  • Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT): https://www.nct-heidelberg.de/das-nct/newsroom/aktuelles/details/bewegung-und-krebs-internationale-experten-veroeffentlichen-empfehlungen-fuer-krebspatienten.html (Abruf: 10.11.2019)
  • Deutsche Krebshilfe e.V.: Bewegung und Sport bei Krebs, Blaue Ratgeber, https://www.krebshilfe.de/infomaterial/Blaue_Ratgeber/Bewegung-und-Sport-bei-Krebs_BlaueRatgeber_DeutscheKrebshilfe.pdf (Abruf: 10.11.2019)
  • Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), https://www.krebsinformationsdienst.de (Abruf: 10.11.2019)