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Prostatavergrößerung oder Prostatakrebs? Die Fahndung im Urin

29. März 2021 | von Ingrid Müller

Eine gutartige Prostatavergrößerung und Prostatakrebs verursachen zunächst oft ähnliche Symptome. Forscher haben jetzt eine Methode gefunden, um beide Erkrankungen zu unterscheiden: Sie lesen im Urin. Praxistauglich ist das aber noch nicht. 

Die Unterscheidung zwischen einer gutartigen Prostatavergrößerung und bösartigem Prostatakrebs kann selbst für erfahrene Ärzte knifflig sein. Neben der Tastuntersuchung, dem transrektalen Ultraschall und dem PSA-Test bringt normalerweise bringt nur die Prostatabiopsie Sicherheit, ob die Zellen in der Prostata gut- oder bösartig sind. 

Forschende der Universität Witten/Herdecke haben jetzt eine neue Methode erforscht, um beide Erkrankungen voneinander zu unterscheiden – sie lesen es aus dem Urin ab. Dies könne zukünftig die Diagnostik bei Prostatakrebs deutlich erleichtern, sagen die beiden Forscher Lukas Markert und Dr. Andreas Savelsbergh. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im renommierten Fachmagazin PLOS ONE.

Fahndung nach Erbgutstücken im Urin

Die Forscher analysierten Urinproben von 25 Männer mit gutartiger Prostatavergrößerung und 28 Männern mit Prostatakrebs. Ihr Krebs in der Prostata war unterschiedlich gefährlich und aggressiv. Sie identifizierten kleine Bruchstücke des Erbguts im Urin, um zwischen den beiden Erkrankungen zu unterscheiden. 

Bei diesen Fragmenten handelt es sich um sogenannte Micro-RNAs (miRNAs) und piwi-interacting-RNAs (piRNAs). Das sind kurze Abschnitte der Erbinformation, die nicht selbst in die Produktion von Eiweißen übersetzt werden. Sie regulieren nur das Abschreiben und den Transport von Geninformationen. Diese Bruchstücke vervielfältigten die Forscher im Labor und lasen die Informationen mit Hilfe einer speziellen Methode (dem sogenannten Next-Generation-Sequencing) aus. 

Bald Urinprobe statt Biopsie?

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass diese winzigen RNA-Abschnitte (RNA = Ribonukleinsäuren) offenbar an der Entstehung und dem Verlauf des Prostatakrebses beteiligt sind. In den mehr als 2.500 analysierten RNA-Bruchstücken konnten sie ein spezielles Muster ausfindig machen. Für ihre Analyse setzen sie auch das maschinelle Lernen ein, das selbstständig große Mengen an Daten durchforstet. „Ändert sich die Zusammensetzung der RNAs im Urin, spricht das scheinbar für oder gegen einen Prostatakrebs“, erklärt Lukas Markert. Damit, so die Hoffnung der Forscher, könnten die Micro-RNAs zukünftig als Biomarker dienen, die Hinweise auf eine gut- oder bösartige Prostataerkrankung liefern.

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„Neben dem PSA-Wert und der Biopsie könnte dies als hilfreiches Diagnosekriterium in der Urologie etabliert werden. Wir hoffen, dass die Methode bald Anwendung findet. Trotzdem ist uns bewusst, dass wir nur einen Grundstein gelegt haben.“ Weitere Untersuchungen an größeren Patientengruppen sowie die Entwicklung eines Test-Kits seien jetzt notwendig, um die Studienergebnisse zu bestätigen. 

Die Urinuntersuchung auf Prostatakrebs hätte jedenfalls einige Vorteile für die Männer. Sie ist schmerzlos und risikofrei. Manche Männer berichten nämlich, die Biopsie sei mit geringen Schmerzen verbunden . Wenn sich die Gefahr direkt aus dem Urin ablesen lässt, verbessere sich der Komfort für die Männer, hoffen die Forscher. 

Prostatavergrößerung und Prostatakrebs – ähnliche Symptome

Die gutartige Prostatavergrößerung ist eine Erkrankung, mit der fast alle Männer im Lauf ihres Lebens zu tun bekommen. Etwa 75 Prozent aller Männer zwischen 60 und 69 Jahren erkranken daran. Bei den über 80-Jährigen sind es sogar bis zu 86 Prozent. In den verschiedenen Stadien der Prostatavergrößerung erleben Männer mit vergrößerter Prostata sehr ähnliche Symptome wie bei einem Prostatakrebs. 

Dazu gehören zum Beispiel ein schwacher Harnstrahl, eine längere Dauer des Wasserlassens, unvollständige Blasenentleerung oder Harnwegsinfekte. Der Grund ist, dass die größer werdende Prostata die Harnröhre immer weiter einengt. Diese verläuft mitten durch die Vorsteherdrüse. 

Solche Probleme beim Wasserlassen können jedoch auch auf ein Prostatakarzinom hindeuten. Denn auch ein Tumor lässt die Prostata wachsen und kann schließlich auf die Harnröhre drücken. Genauso wie die Prostatavergrößerung ist auch der Prostatakrebs bei Männern keine Seltenheit: Er ist die häufigste Krebsart bei Männern in Deutschland und weltweit. Diese Tumorart ist zudem die dritthäufigste Krebstodesursache bei Männern. 

Quelle: 

  • Markert L, Holdmann J, Klinger C, Kaufmann M, Schork K, Turewicz M, et al. (2021) Small RNAs as biomarkers to differentiate benign and malign prostate diseases: An alternative for transrectal punch biopsy of the prostate? PLoS ONE 16(3): e0247930. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0247930