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PSA-Test: ja oder nein?

06. März 2018 | von Martina Häring

Ist der PSA-Test für Männer sinnvoll oder nicht? Langsam gibt es aufgrund neuer Studiendaten ein Umdenken beim Prostatakrebs-Screening. Alle Vor- und Nachteile sowie die Risiken der Reihenuntersuchung im Überblick!

Ist die Bestimmung des PSA-Wertes zur Früherkennung von Prostatakrebs sinnvoll oder nicht? An dieser Frage scheiden sich seit vielen Jahren die Geister. Die einen argumentieren, dass der Nutzen des PSA-Tests überwiege, weil Ärzte gefährliche Tumoren früher diagnostizieren und behandeln können. Die anderen finden dagegen, der Preis für die Männer zu hoch sei. Denn durch den PSA-Test erhielten auch Männer eine Krebsdiagnose und ‑behandlung, die diese Therapien vielleicht gar nicht gebraucht hätten.

Zwei große Studien, die Männer über viele Jahre hinweg beobachtet hatten, kamen in dieser Frage zu unterschiedlichen Ergebnissen. Deshalb konnten sich die Fachgesellschaften in Deutschland lange Zeit nicht zu einer offiziellen Stellungnahme bezüglich des PSA-Tests durchringen. Neue Analysen der Studiendaten sprechen jedoch dafür, den PSA-Wert zu rehabilitieren. Der Würzburger Urologe und Prostatakrebs-Experte, Dr. Frank Schiefelbein, kommt zu einem eindeutigen Schluss: „Das alleinige Abtasten der Prostata reicht nicht aus, um Prostatakrebs auszuschließen. Eine deutlich verbesserte Aussagekraft lässt sich durch die Kombination mit der PSA-Bestimmung erreichen.“ Allerdings müssten Männer gut über die Vor- und Nachteile des PSA-Screenings aufgeklärt werden. „Die Diagnose Prostatakrebs darf niemals in einen Automatismus münden, den Patienten sofort operieren oder bestrahlen zu müssen“, betont Schiefelbein.

Früherkennung – das sind die Empfehlungen

Die Deutschen Gesellschaft für Urologie gibt folgende Empfehlungen zur Früherkennung von Prostatakrebs:

  • Im Alter von 45 Jahren sollten Männer die Basisvorsorge mit einer Tastuntersuchung der Prostata und der Messung des PSA-Wertes durchführen lassen. Zusätzlich kann eine Ultraschalluntersuchung sinnvoll sein, um die Größe der Prostata zu bestimmen.
  • In welchen Zeitabständen Männer die Früherkennung wiederholen sollten, hängt vom PSA-Wert und dem individuellen Prostatakrebsrisiko ab. Ist zum Beispiel ein naher Verwandter (Bruder, Vater) an Prostatakrebs oder die Mutter an Brustkrebs erkrankt, raten Urologen zur nochmaligen Untersuchung nach einem, zwei oder vier Jahren.
  • Die Voraussetzung für die Bestimmung des PSA-Wertes ist, dass der Arzt den Patienten vor der Untersuchung individuell über die Vor- und Nachteile der PSA-basierten Früherkennung aufklärt.

PSA-Test: Screening-Untersuchungen sind generell problematisch

Um zu verstehen, wie der PSA-Test überhaupt dermaßen in die Kritik geraten konnte, hilft ein kurzer Blick in den Vergangenheit. Ursprünglich wurde der PSA-Test entwickelt, um den Krankheitsverlauf bei Prostatakrebs zu überwachen. Hier spielt er auch heute eine wichtige Rolle, um den Behandlungserfolg zu überprüfen und einen Krebsrückfall zu erkennen. Erst später kamen Mediziner auf die Idee, den PSA-Wert auch zur Früherkennung bei gesunden Männern ohne Beschwerden – also zum Screening – heranzuziehen. Bei solchen Reihenuntersuchungen besteht grundsätzlich die Gefahr von sogenannten „falsch-positiven“ Testergebnissen. Das heißt: Auch bei Männern, die eigentlich gesund sind, kann der PSA-Wert erhöht sein. Unter Umständen führen Ärzte bei ihnen unnötige weitere Untersuchungen (z.B. eine Biopsie) oder sogar Krebsbehandlungen aufgrund einer falschen Diagnose durch. Krebstherapien haben jedoch schwerwiegende Nebenwirkungen – sie reichen von Inkontinenz bis zur Impotenz.

Noch wichtiger als die falsch-positiven Befunde ist bei Prostatakrebs die Tatsache, dass viele Männer erst in höherem Lebensalter erkranken und bösartige Tumoren in der Prostata unterschiedlich aggressiv sind. Diese Formen des Prostatakrebses wachsen oft sehr langsam und bedürfen möglicherweise überhaupt keiner Behandlung. „Aktive Überwachung“ oder „Beobachtendes Abwarten“ (engl. active surveillance oder watchful waiting) heißt diese Therapiestrategie. Diese Männer mit wenig aggressivem Prostatakrebs entwickeln womöglich Zeit ihres Lebens niemals Beschwerden. Die Früherkennung spürt aber Tumoren früher auf. Damit verkürzt sich die Lebenszeit, in der ein Mann unbeschwert und ohne das Wissen um seine Krebserkrankung, belastende Untersuchungen und Krebsbehandlungen leben kann. Das allein schmälert die Lebensqualität oft schon erheblich. Auch die Nebenwirkungen der Therapien haben es meist in sich.

Zwei Studien zum PSA-Test mit verschiedenen Ergebnissen

Diese Nachteile des PSA-Screenings nehmen Ärzte und Patienten nur dann in Kauf, wenn die positiven Auswirkungen – also eine bessere Lebensqualität und ein längeres Überleben – überwiegen. Genau das stellte jedoch eine US-Studie (PCLO-Studie) zum PSA-Test im Jahr 2009 in Frage. Sie kam zu folgendem Schluss: Die regelmäßige Früherkennung mittels Tastuntersuchung der Prostata und Bestimmung des PSA-Wertes führe nur dazu, dass Ärzte den Prostatakrebs früher erkennen. Nicht nachgewiesen sei es, dass die Männer länger lebten. Das Fazit der Wissenschaftler: Die PSA-Vorsorge sei deswegen nicht nur sinnlos, sondern sogar schädlich. Diese Aussage erregte damals ernormes Aufsehen. In den USA wurde das PSA-Screening fortan als „nicht empfehlenswert“ eingestuft.

Ein wenig anders fielen die Ergebnisse einer ebenfalls groß angelegten, europäischen Studie aus (ERSPC-Studie). Die Forscher fanden heraus, dass die PSA-gestützte Früherkennung auf Prostatakrebs das Leben der Männer sehr wohl verlängerte – jedoch nicht in dem Maß, dass die Vorteile eindeutig die Nachteile des Screenings überwogen hätten. Für ein allgemeines PSA-Screening sprachen sich die Autoren dieser Studie deshalb auch nicht aus. Erst müssten weitere Untersuchungen folgen, forderten sie.

Nutzlose Studienergebnisse: Alle Männer unterzogen sich PSA-Tests

Im Mai 2016 nahm die Diskussion über den Nutzen des PSA-Tests wieder Fahrt auf. Forscher hatten die Daten der PCLO-Studie aus den USA erneut ausgewertet und einen echten Skandal ans Licht gebracht: Diese Studie konnte gar nicht zu dem Ergebnis kommen, dass der PSA-Test das Überleben verlängerte. Bei den Männern aus der Kontrollgruppe hatte man zum Vergleich keine Früherkennungsmaßnahmen durchgeführt. Aber 90 Prozent diese angeblich Nicht-Getesteten ließen ihren PSA-Wert trotzdem auf eigene Faust bestimmen – und zwar fast genauso oft wie alle anderen Männer aus der Studie. Gegebenenfalls ließen sich die Männer aus der Kontrollgruppe auch behandeln. Damit waren beide Gruppen – laut Studienprotokoll mit und ohne PSA-Test, in Wirklichkeit aber fast alle mit PSA-Test – überhaupt nicht miteinander vergleichbar. Dass keine Unterschiede gefunden wurden, verwundert deshalb nicht.

Kritik am PSA-Test wird leiser

Also knöpften sich Wissenschaftler die beiden Studien aus den USA und Europa erneut vor. Im Sommer 2017 veröffentlichten sie die Neuauswertung der Daten. Jetzt ließ sich nachweisen, dass das frühere Aufspüren der Prostatakarzinome die Sterblichkeit tatsächlich deutlich reduzierte. Heute beobachten Urologen wieder mehr aggressiver Tumoren und fortgeschrittene Fälle von Prostatakrebs. Ob dies möglicherweise die Folge des seltener eingesetzten PSA-Screenings ist, darüber lässt sich nur spekulieren.

Zögerliches Umdenken beim PSA-Screening

In den USA zeichnet sich aufgrund der neuen Erkenntnisse langsam ein Umdenken ab: Ärzte sollten Männer zwischen 55 und 69 nun wieder über die Vor- und Nachteile des PSA-Tests aufklären. Die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) ist jedoch der Meinung, die Zeit sei noch nicht reif für eine allgemeine Empfehlung des PSA-Screenings. Sie will erst die weitere Datenlage abwarten.

Hierzulande gilt weiterhin der Grundsatz: Alle Männer ab 45 Jahren mit einer Lebenserwartung von mehr als zehn Jahren sollten sich über die Möglichkeiten der Früherkennung auf Prostatakrebs informieren. Ob sie den PSA-Test dann auf eigene Kosten durchführen lassen, müssen sie dann selbst entscheiden.