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Prostatavergrößerung: Wie gut sind schonende Therapien?

05. Oktober 2022 | von Ingrid Müller

Mit einer gutartigen Prostatavergrößerung bekommen fast alle Männer mit zunehmendem Alter zu tun. Viele wünschen sich schonende Methoden, um die Prostata wieder zu verkleinern und die Symptome zu bessern. Wie gut sind minimal-invasive Verfahren? Ein Forscherteam liefert eine Einschätzung.

Eine gutartige Prostatavergrößerung – die benigne Prostatahyperplasie – ereilt fast jeden Mann im Lauf seines Lebens. Bei Männern unter 40 Jahren ist eine gutartige Prostatavergrößerung noch selten. Das ändert sich jedoch mit zunehmenden Lebensjahren. Zwischen 50 und 59 Jahren sind etwa 20 bis 45 von 100 Männern betroffen. In noch höherem Lebensalter kommen die typischen Prostata-Beschwerden dann immer häufiger vor.  Bis zu 70 von 100 Männern über 70 Jahren leiden unter Problemen beim Wasserlassen. Dazu gehören vor allem ein verstärkter Harndrang, häufiges nächtliches Wasserlassen, schwacher Harnstrahl, „Startschwierigkeiten“ beim Wasserlassen und das Nachtröpfeln. Diese Beschwerden können den Alltag und die Lebensqualität empfindlich stören. 

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Vergrößerte Prostata: Es gibt verschiedene Behandlungsstrategien

Wenn die Symptome noch nicht allzu ausgeprägt sind, können verschiedene Strategien helfen, die nicht Operation heißen: Abwarten und Beobachten sowie Medikamente und pflanzliche Mittel. Die Prostata verkleinern können die Behandlungen jedoch in der Regel nicht, sondern nur ihr weiteres Wachstum bremsen. Wenn aber die Prostata immer weiter wächst und die Harnröhre zunehmend einengt, bleibt vielen Männern irgendwann nur noch eine Operation übrig, wenn sie die lästigen Symptome wieder loswerden möchten. Es gibt inzwischen viele verschiedene Verfahren, um die Prostata zu verkleinern und die Symptome zu verbessern. 

Alle Medikamente - pflanzlich und chemisch

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Prostata Hilfe Deutschland: Foto von Tabletten und Kapseln
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Prostatavergrößerung: TURP ist die Behandlung der ersten Wahl

Als „Goldstandard“ bei einer gutartigen Prostatavergrößerung gilt nach wie vor die Transurethrale Resektion der Prostata, abgekürzt TURP. Ärztinnen und Ärzte entfernen dabei das überschüssige Prostatagewebe über die Harnröhre mit Hilfe einer Elektroschlinge. Den Eingriff führen sie unter einer Vollnarkose oder Rückenmarksnarkose (Spinalanästhesie) durch. Meist müssen Männer für kurze Zeit stationär in der Klinik bleiben. 

Die TURP ist mit einigen Nebenwirkungen verknüpft, zum Beispiel:

  • Infektionen des Harn- und Geschlechtstraktes
  • Störungen des Samenergusses – die retrograde Ejakulation (häufig)
  • Erektile Dysfunktion
  • Inkontinenz
  • TUR-Syndrom – eine schwerwiegende Komplikation, die bei ungefähr zwei Prozent aller Männer auftritt. Dabei wird im Rahmen der TURP Spülflüssigkeit in das Blutgefäßsystem eingeschwemmt.

 

TURP

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Prostata Hilfe Deutschland: Illustration der Prostata und Harnblase
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Benigne Prostatahyperplasie: Wie gut sind „sanftere“ Methoden?

Daher wünschen sich viele Männer sanftere Alternativen zur TURP, die sich bestenfalls ambulant durchführen lassen und nur mit einer Sedierung verbunden sind. Minimal-invasive Operationsverfahren gelten als schonender, sind mit weniger Nebenwirkungen und Komplikationen verbunden und sorgen dafür, dass Männer schneller wieder fit und auf den Beinen sind. 

Doch wie gut sind minimal-invasive Therapieverfahren bei einer vergrößerten Prostata? Das untersuchte ein Forscherteam um Prof. Juan Franco vom Institut für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Düsseldorf jetzt in einer neuen Studie. Die Ergebnisse wurden im Fachblatt British Medical Journal veröffentlicht. Ein erstes Fazit: Die Datenlage aus den Studien sei nicht so gut, dass sich die Wirksamkeit minimal-invasiver Methoden bei der gutartigen Prostatavergrößerung abschließend beurteilen ließe. Auch die Qualität der Studien lasse in vielen Fällen zu wünschen übrig, so urteilen die Autorinnen und Autoren.

Eine Cochrane-Analyse des gleichen Forscherteams aus dem letzten Jahr hatte ergeben, dass die neuen „sanfteren“ Methoden die Harnwegssymptome und die Lebensqualität der Männer etwa ähnlich gut verbesserten wie die TURP. Allerdings war hier die wissenschaftliche Evidenz der Untersuchungen nicht genügend. In ihre neue Analyse bezog das Forscherteam daher jetzt weitere Studien mit ein. 

Fünf minimal-invasive Methoden als Ersatz für TURP?

Den Autoren und Autorinnen zufolge gibt es fünf minimal-invasive Verfahren, die eine Alternative zur TURP sein könnten:

1. Prostata-Arterien-Embolisation (PAE)

Bei einer Prostata-Arterien-Embolisation verschließen Ärztinnen und  Ärzte jene Gefäße mit Hilfe kleiner Kügelchen (Mikrosphären), welche die Prostata hauptsächlich mit Blut versorgen. Jeder Mann hat zwei größere Prostataarterien – eine rechts und eine links. Die kleineren Arterien, die Blut und damit Sauerstoff und Nährstoffe zur Prostata bringen, bleiben dagegen offen. Durch die Prostata-Arterien-Embolisation kommt es zu einem Gefäßverschluss, einer Minderdurchblutung und zur Minderversorgung des Gewebes mit Sauerstoff und Nährstoffen (Ischämie) – das überschüssige Gewebe stirbt schließlich ab. Die PAE hat einige Nachteile: Sie dauert etwa doppelt so lange wie die TURP. Auch technisch ist die Operation anspruchsvoll. In vielen Fällen gelingt der Gefäßverschluss nicht beidseitig. Außerdem sind die Nebenwirkungen oft nicht unerheblich. 

2. Transurethrale Mikrowellentherapie (TUMT)

Bei einer Transurethralen Mikrowlellentherapie erhitzen und zerstören Ärztinnen und Ärzte das wuchernde Prostatagewebe mit Hilfe von nierigenergetischen Mikrowellen. Das Gewebe absorbiert der Körper entweder selbst oder er scheidet es mit dem Urin aus. Eine andere Variante ist HE-TUMT, die hochenergetische Transurethrale Mikrowellentherapie. 

3. Prostata-Harnröhren-Lifting (UroLift)

Beim Prostata-Harnröhren-Lifting pflanzen Ärztinnen und Ärzte spezielle Implantate in das Gebiet der Prostata ein. Diese heben das vergrößerte Prostatagewebe an und halten es zur Seite.  Auf diese Weise erweitern die permanenten Implantate die Harnröhre wieder. Der Harn kann anschließend besser abfließen.

4. Wasserdampfablation

Ein Strahl aus Wasserdampf löst bei der Wasserdampfablation das Absterben des Prostatagewebes aus. Es vernarbt und die vergrößerte Prostata schrumpft. Der Körper kann das abgestorbene Gewebe anschließend selbst beseitigen. 

5. Temporär implantierbares Nitinol-Körbchen (iTIND)

Bei iTIND legen Ärztinnen und Ärzte vorübergehend ein kleines Körbchen in die Prostata ein, um die verengte Harnröhre wieder zu erweitern. Das Körbchen drückt in dieser Zeit auf das benachbarte Prostatagewebe. Es wird dadurch weniger durchblutet und stirbt ab. Nach fünf bis sieben Tagen wird das Körbchen in der Prostata wieder zusammengefaltet und mit Hilfe eines Fadens über einen Harnröhrenkatheter entfernt. 

Bei diesen fünf Methoden zur Behandlung der benignen Prostatahyperplasie treten vermutlich weniger schwerwiegende unerwünschte Ereignisse auf, schreiben die Forschenden. Nicht systematisch untersucht in den Studien wurden allerdings Störungen der Sexualfunktion wie die retrograde Ejakulation und die Erektile Dysfunktion. Daher ist es wissenschaftlich nicht ausreichend nachgewiesen, ob die minimal-invasiven Methoden in diesen Punkten besser abschneiden als die TURP. 

Ein Vorteil der TURP gegenüber den „schonenderen“ Methoden scheint zu sein, dass erneute Behandlungen wegen der vergrößerten Prostata seltener nötig sind. Die Prostata wächst und vergrößert sich nur bei wenigen Männern nach dem Eingriff wieder.

Vergrößerte Prostata behandeln

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Methoden wie Aquablation mit Wasserstrahl waren ausgeschlossen

Nicht Teil der neuen Analyse waren Prostatabehandlungen wie die Aquablation. Dabei gehen Ärztinnen und Ärzte mit einem Wasserstrahl gegen das wuchernde Prostatagewebe vor. Der Grund für den Ausschluss dieser Behandlungen war, dass sie eine Vollnarkose oder Spinalanästhesie benötigen. Ein Kriterium, das aus Sicht der Forschenden nicht zur Kategorie „minimal-invasiv“ passt. Im Gegensatz dazu lässt sich zum Beispiel die Prostata-Arterien-Embolisation unter einer Lokalanästhesie durchführen und gilt daher als „minimal-invasiv“. Dass einige Verfahren ausgeschlossen waren, vermindere allerdings auch die Wertigkeit der neuen Analyse, räumen die Autoren und Autorinnen ein.  

Für die TUMT wurden insgesamt 16 Studien ausgewertet, für die PAE waren es sieben Studien. Für den Prostata-Harnröhren-Lift lagen zwei Studien und für die Wasserdampfablation und iTIND jeweils nur eine Studie vor. Bei diesen letzten beiden wurden die Männer nur drei Monate nachbeobachtet, also über einen sehr kurzen Zeitraum. Das Forscherteam betont zudem, dass es bei allen Studien größere methodische Mängel gebe, was ihre Aussagekraft einschränke. 

Auch derzeit noch laufende Studien würden Begrenzungen aufweisen. So fehle zum Beispiel in manchen Untersuchungen eine aussagekräftige Vergleichsgruppe. Außerdem stünden die sexuelle Funktion und erneute Prostatabehandlungen zu wenig im Fokus. Und zuletzt sei die geplante Zeit der Nachbeobachtung zu kurz angesetzt. Daher werde sich die Datenlage zu den minimal-invasiven Verfahren auch in absehbarer Zeit nicht verbessern, schlussfolgert das Forscherteam. 

Bei gutartiger Prostatavergrößerung alle Behandlungen gut abwägen 

Ärztinnen und Ärzte sollten daher ausführlich mit ihren Patienten über sämtliche Vor- und Nachteile der möglichen Behandlungen bei einer Prostatavergrößerung sprechen. Die Chancen und Risiken müssen sie gut gegeneinander abwägen. Eine Operation kommt beispielsweise in Frage, wenn Tipps wie eine verminderte Trinkmenge am Abend oder Medikamente die Symptome nicht ausreichend bessern können. Auch bei Nebenwirkungen der eingenommenen Arzneimittel oder wenn ein Mann nicht langfristig Medikamente einnehmen möchte, ist die Operation eine Möglichkeit. 

Wichtig bei der Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Prostata-Therapie ist auch, welchen Stellenwert die Sexualfunktion für einen Mann besitzt. Das Gleiche gilt für die Bereitschaft, sich womöglich erneut wegen der vergrößerten Prostata operieren zu lassen. Viele minimal-invasive Behandlungen bei der gutartigen Prostatavergrößerung gelten noch als experimentell und sollten nur im Rahmen von Studien durchgeführt werden. Ihre Wirksamkeit – auch über einen längeren Zeitraum – ist noch nicht genügend nachgewiesen. 

Das Forscherteam fordert: Eine Alternative zur TURP zu finden, sei definitiv notwendig. Aber diese müsse mindestens genauso effektiv wie die TURP sein und alle bekannten Probleme vermeiden, die mit dieser Methode verbunden sind.

Quellen:

  • Franco JVA, Jung JH, Liquitay CME, et al. What is the role of minimally invasive surgical treatments for benign prostatic enlargement? BMJ 2022; 377 doi: https://doi.org/10.1136/bmj-2021-069002 (Published 25 May 2022)
  • Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG), https://www.gesundheitsinformation.de/gutartige-prostatavergroesserung.html (Abruf: 4.10.2022)
  • European Association of Urology (EAU), https://patients.uroweb.org/de/transurethrale-mikrowellentherapie-tumt/ (Abruf: 4.10.2022)
  • Abt D , Hechelhammer L , Müllhaupt G , et al. Comparison of prostatic artery embolisation (PAE) versus transurethral resection of the prostate (TURP) for benign prostatic hyperplasia: randomised, open label, non-inferiority trial. BMJ 2018 Jun 19;361:k2338. doi: 10.1136/bmj.k2338.
  • Abt D, Müllhaupt G, Hechelhammer L, et al. Prostatic Artery Embolisation Versus Transurethral Resection of the Prostate for Benign Prostatic Hyperplasia: 2-yr Outcomes of a Randomised, Open-label, Single-centre Trial. Eur Urol. 2021 Jul;80(1): 34–42 .