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Prostatakrebs: Urintest identifiziert Männer mit guter Prognose

22. November 2021 | von Ingrid Müller

Welcher Mann mit Prostatakrebs braucht sofort eine Behandlung, bei welchem genügt das Abwarten? Ein Urintest könnte neue Anhaltspunkte für die Aggressivität des Prostatakrebses liefern – und damit eine Antwort auf diese knifflige Frage.

Hat ein Mann ein niedriges, mittleres oder hohes Risiko, dass der Prostatakrebs weiter wächst? Diese Frage ist selbst für erfahrene Onkologen und Onkologinnen nicht immer einfach zu beantworten. Aber davon hängt der Therapievorschlag entscheidend ab. Bei Männern mit einem Niedrig-Risiko-Prostatakrebs ist der Tumor wenig aggressiv. Ärzte und Ärztinnen können mit der Therapie zunächst abwarten und den Tumor beobachten. Aktive Überwachung oder active surveillance heißt diese Strategie. Erst wenn der Prostatakrebs weiter wächst, beginnen sie mit der Behandlung. Dagegen ist bei einem Hoch-Risiko-Prostatakrebs umgehendes Handeln gefragt, zum Beispiel eine Operation

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Prostatakrebs behandeln oder kontrollieren?

“Zwischen diesen beiden Extremen gibt es aber noch eine dritte Kategorie – und zwar Männer mit einem mittleren Risiko, dass der Prostatakrebs aggressiver wird und sich weiter entwickelt“, sagt Dr. Jeremy Clark von der University of East Anglia (UEA) in Norwich, England. „Und in diese Gruppe fällt ungefähr die Hälfte aller Männern mit der Diagnose Prostatakrebs“. Für diese Männer seien die Behandlungsstrategien weitaus weniger klar – „bis jetzt“, so Clark.

Denn vielleicht haben die Forschenden von der UEA jetzt eine Lösung für dieses Problem gefunden: Ein spezieller Urintest (Prostate Urine Risk Test = PUR-Test) soll jene Männer besser identifizieren, die ein mittleres Risiko für das Fortschreiten ihres Prostatakrebs mitbringen. Sie könnten sich gemeinsam mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin für eine aktive Überwachung entscheiden und damit womöglich eine sofortige Krebsbehandlung inklusive der unerwünschten Nebenwirkungen ersparen. Die Ergebnisse ihrer Studie veröffentlichten sie in der Novemberausgabe des Fachmagazins Life.

 

„Viele Männer sterben nicht an, sondern mit ihrem Prostatakrebs“

In vorherigen Untersuchungen hatte das Forscherteam schon gezeigt, dass der Urintest Männer mit niedrigem und hohem Risiko für das Fortschreiten des Prostatakrebses sicher herausfiltern kann. Jetzt stimmte das Team den Test noch feiner ab, um auch jene Männer mit einem mittleren Risiko für die Weiterentwicklung des Tumors zu erkennen. Der Studienleiter Jeremy Clark sagt: „Prostatakrebs ist einerseits für eine hohe Anzahl an männlichen Krebstoten verantwortlich. Andererseits ist er zunehmend eine Erkrankung, an der Männer nicht sterben, sondern mit der sie sterben.“ 

Der Urintest bezieht sich auf die Aggressivität des Prostatakrebses und seine Fähigkeit, sich auf andere Organe auszubreiten und Metastasen zu bilden. Beim Prostatakarzinom streut der Tumor meist in die Knochen, Leber, Lunge und das Gehirn. Dann ist der Krebs nicht mehr heilbar und er könnte den Mann das Leben kosten. „Prostatakrebs ist jedoch sehr komplex und die Risiken unterscheiden sich erheblich von Mann zu Mann“, erklärt Clark. 

Aktive Überwachung

Lesen Sie, was hinter der active surveillance steckt und für welchen Männer sie sich eignet.

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Urintest identifiziert Männer mit mittlerem Progressionsrisiko

Der Test reagiert auf bestimmte Biomarker im Urin. Insgesamt bildet er vier Kategorien ab, um den Verlauf der Krebserkrankung besser vorherzusagen: Normales Gewebe (PUR-1) sowie niedriges (PUR-2), mittleres (PUR-3) und hohes Progressionsrisiko (PUR-4). 

Das Forscherteam nutzte die Gewebeproben von 215 Männern aus der Biopsie und von neun Männern nach einer radikalen Prostatektomie für die experimentellen Untersuchungen im Labor. Die Urinproben wurden vor der Biopsie gesammelt und stammten von 295 Männern. Sie waren wegen ihrer Krebserkrankung in verschiedenen Kliniken in England zur Behandlung.

Bekannt sei es, dass bei Männern mit mittlerem Risiko erhöhte Mengen an Krebsgewebe mit dem Gleason-Zellmuster 4 eine wesentliche Rolle für das Fortschreiten des Tumors spielten. Je nach Häufigkeit können sie zu Tumoren mit einem Gleason von 6 (in dem Fall 3+4) oder 8 (in dem Fall 4+3) tendieren. Deswegen werden Tumore mit einem Wert von 7 als Tumore mit mittlerem (intermediären) Risiko bezeichnet. 

„Unsere Studie zeigt, dass der PUR-Test die Menge des Gleason-Zellmusters 4 genau beziffern kann, ohne dass eine Biopsie notwendig wäre“, sagt Clark. Der Urintest sei nicht nur in der Lage, das alleinige Vorhandensein von aggressivem Prostatakrebs festzustellen, sondern auch erhöhte Mengen an solchen gefährlichen Krebszellen in der Prostata nachzuweisen. „Dadurch können wir sehen, welcher Mann mit mittlerem Risiko eine Behandlung braucht und welchen wir zunächst aktiv überwachen können“, so Clark weiter. 

Der Urintest könnte auch nützlich sein, um die Krebserkrankung bei Männern zu kontrollieren, die derzeit noch keine Therapie benötigten. „Er zeigt uns den Notfall, wenn sich die Erkrankung aggressiver wird, sich ausbreitet und wir handeln müssen“, fügt Clark hinzu. 

 

Dank Urintest könnte die Biopsie zukünftig verzichtbar sein

Aus der Sicht des Forscherteams ist es dringend notwendig, die diagnostischen Möglichkeiten zu verbessern und den Verlauf der Prostatakrebserkrankung besser abschätzen zu können. Nur so ließe sich die Anzahl der Überdiagnosen und Übertherapien vermindern. Zugleich könne man Männer mit aggressivem Prostatakrebs angemessener behandeln. Von Vorteil sei es auch, wenn Ärztinnen und Ärzte durch einen Test vorab auf invasive Biopsien verzichten könnten. 

Der Urintest wird derzeit in einer Studie überprüft, die von Prostate Cancer UK und der Initiative „Movember” unterstützt wird. Anschließend soll eine größere Untersuchung mit noch mehr Männern folgen. Dabei wollen die Forschenden auch herauszufinden, welche biologischen Veränderungen der Urintest genau aufspürt. Dr. Sarah Hsiao von der Organisation Movember sagt: „Der Test kann ein spezifisches krankhaftes Charakteristikum ausfindig machen, das Gleason Zellmuster 4. Und dieses ist mit einem erhöhten Risiko verbunden, dass der Prostatakrebs fortschreitet.“ 

Wichtig sei diese Erkenntnis, weil für Männer mit variierenden Spiegeln des Gleason-Zellmusters 4 in der Regel eine Prostatabiopsie nötig ist. Erst dann entscheiden Ärztinnen und Ärzte mit ihren Patienten, ob eine aktive Überwachung möglich oder eine Behandlung ratsam ist. „Wenn der Test auch in weiteren Studien verlässliche Ergebnisse liefert, könnte er den Prozess der gemeinsamen Entscheidungsfindung unterstützen – und Männer könnten sich eine Biopsie ersparen, die einige Nebenwirkungen wie Infektionsrisiken mit sich bringt“, so Hsiao.

 

Quellen: