Newsletter
Tragen Sie sich für unseren Newsletter ein und erhalten Sie monatlich Updates von uns – direkt in Ihr Postfach.
Achtung!
Bitte prüfen Sie Ihren Spam-Ordner auf den Eingang der Bestätigungs-Mail.
„Mein Penis ist jetzt deutlich kürzer“
10. August 2026 | von Karoline Keßler-WirthKörperliche Auswirkungen der Prostatektomie: ein Interview mit einem Betroffenen
Prostataentfernung und danach ist alles gut? Die OP, wenn auch ein Routineeingriff, kann durchaus körperliche Folgen haben. Diese wiederum haben Auswirkungen auf die Sexualität und damit auf das ganze Leben. Ein 63-Jähriger spricht vier Jahre nach einer radikalen Prostataentfernung mit dem Da-Vinci-Roboter darüber, wie die OP seinen Körper verändert hat und wie er damit umgeht.
Wie war das für Sie, als Sie die Diagnose Prostatakrebs erhalten haben?
Das hat mich nicht groß umgehauen. Ich habe mir natürlich Gedanken gemacht, habe das Ganze aber sehr schnell sehr rational betrachtet. Insofern konnte ich gut mit der Diagnose umgehen. Es war auch schnell klar, dass es kein Krebs im Endstadium ist, und auch kein besonders aggressiver Krebs.
Wovor hatten Sie mehr Angst: vor dem Krebs oder vor den Folgen der Behandlung?
Ich bin generell kein Mensch, der Angst hat. Von daher stand auch das Thema Angst vor dem Tod für mich nicht im Raum. Mein Urologe hat zu mir gesagt, dass ich zu jung bin, um mit dem Prostatakrebs weiterzuleben, und dass die Gefahr besteht, dass der Krebs streut. Ich habe auf meinen Arzt vertraut, und hatte dann auch relativ zügig einen OP-Termin bei einem Spezialisten in einem großen Krankenhaus. Klar, wenn man auf der Liege liegt, und es gleich losgeht, ist einem schon etwas mulmig. Aber dass ich die OP machen lasse, das stand nie in Frage, auch, wenn sie Folgen haben kann. Ich hatte einen Bekannten aus dem Fitness-Studio, er hat seinen deutlich erhöhten PSA-Wert ignoriert, hat mit einer weiteren Untersuchung zu lange gewartet, der Krebs hat gestreut und er ist gestorben. Die OP selbst war bei mir minimal-invasiv, ich konnte nachmittags schon wieder aufstehen.
Was hat sich nach der OP körperlich verändert?
Nach der Operation hatte ich durch die Entfernung der Lymphknoten massive Wassereinlagerungen im Skrotum, also im Hodensack. Diese Einlagerungen waren erheblich, sind lange geblieben und verhinderten Erektionen quasi durch Unlust. Da nach der OP zunächst auch nächtliche Erektionen ausblieben, führte diese Nichtnutzung zu einer starken Degeneration des Schwellkörpergewebes. Mein Penis ist jetzt drei, vier Zentimeter kürzer als zuvor und deutlich dünner. Außerdem hat sich die Form verändert, er ist jetzt nach oben gebogen anstatt wie vorher nach unten. Daher mein Rat: So schnell wie möglich nach einer OP mit Hilfe einer Penispumpe für regelmäßige Erektionen sorgen! Eine geringere Penislänge durch die Verkürzung der Harnröhre soll ja nur temporär sein. Eine weitere unangenehme Veränderung ist der Verlust des inneren Schließmuskels. Wenn ich den Beckenboden entspanne, wie es beim Sex der Fall ist oder beim aktiven Versuch, Flatulenzen loszuwerden, kommt es zu Urinverlust. Beim Sex und speziell beim Orgasmus kann die Urinmenge auch recht hoch sein, wenn nicht häufiger die Blase entleert wird.
Hat Sie das überrascht?
Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich mein Penis so sehr verändert. Auch mit dem Urinverlust in diesen Situationen hatte ich nicht gerechnet.
Über welche Folgen der Operation wird Ihrer Meinung nach noch immer zu wenig gesprochen?
Über diese Problematik mit den Schwellkörpern. Mein Urologe hatte mir vorher geraten, mir eine Penispumpe zu besorgen, da die Schwellkörper bei Nichtnutzung beeinträchtigt werden. Durch die Wassereinlagerung habe ich das Thema vernachlässigt, auch mein Urologe hat in der Richtung nicht nachgesorgt. Welche Folgen das hat, war mir nicht bewusst. Und wie stark sich der Penis verändern kann, auch nicht. Insgesamt hätte ich mir mehr Aufklärung gewünscht.
Wie sieht es beim Orgasmus aus?
Ich habe einen trockenen oder stummen Orgasmus, also ohne Ejakulat. Aber ich verliere während des Orgasmus Urin. Je nachdem, wie viel Urin ich verliere, ist der Orgasmus stärker oder schwächer. Je stärker, desto mehr Urin kommt heraus. Der Orgasmus insgesamt ist nicht mehr so intensiv wie früher. Aber zumindest kann ich noch eine Erektion halten, auch über einen längeren Zeitraum. Ich bin keine 20 mehr, die Sexualität und auch die Lust verändert sich sowieso. Sexuell war die OP für mich schon ein Einschnitt.
Wie sieht es bei Ihnen mit der Kontinenz aus?
Ich bin noch kontinent, das funktioniert gut. Es kommt selten vor, dass ich Urin verliere, nur manchmal, wenn ich etwas Schweres hebe oder lache. Aber auch dann ist es meistens nur ein Tropfen. Ich hatte noch nie komplett die Hose nass. Ich verliere aber auch Urin, wenn ich Darmgase aktiv entweichen lasse.
Wie wirkt sich das auf Ihr Leben aus?
Ich habe mich in den vergangenen Jahren viel um meine Eltern gekümmert, ihnen geholfen, bei ihnen geputzt, eingekauft, im Garten gewerkelt. Meine Mutter lebt noch, da bin ich immer noch im Einsatz. Das nimmt Zeit in Anspruch. Aber ich habe das auch als Grund vorgeschoben, die Suche nach einer neuen Partnerin gar nicht erst zu beginnen, eben, weil das Thema Sexualität so schwierig ist. Und je mehr Zeit ins Land geht, desto schwieriger wird es. Ich hatte seit der Operation keinen Sex mehr mit einer Frau. Wenn es unten nicht mehr funktioniert, kann es sein, dass sich eine Partnerin gar nicht auf eine Beziehung einlassen will. Und man selbst will ja auch beim Sex seinen Mann stehen, die Partnerin befriedigen. Natürlich würde ich mir wünschen, wieder eine Partnerin zu haben. Ich bin ein Mensch, der gerne in einer langen und festen Beziehung lebt. Aber wie und zu welchem Zeitpunkt des Kennenlernens spricht „Mann“ über all das mit einer potenziellen Partnerin? Das ist nicht einfach.
Gab es Momente, in denen Sie mental zu kämpfen hatten – und was hat Ihnen geholfen, damit umzugehen?
Geholfen hat mir mein Mindset: Alles ist relativ. Das sage ich mir immer, um mich nicht zu sehr aufzuregen. Auch in anderen Situationen, beispielsweise im Beruf. Die ganze Situation nach der OP könnte noch viel schlimmer sein. Ich bin noch kontinent und habe noch eine Erektion. Außerdem hatte ich keine Wahl. Ich konnte das Risiko, einen streuenden Tumor im Körper zu haben, nicht eingehen. Aber ohne eine Partnerin, ohne das Körperliche, fehlt manchmal schon etwas.
Wie wichtig waren Offenheit und Gespräche mit ihrem Umfeld für Sie?
Ich habe viel mit mir allein ausgemacht. Mit meiner Familie habe ich über den Krebs gesprochen, aber nicht im Detail über die körperlichen Folgen. Außerdem habe ich einen guten Freund, mit ihm spreche ich über die Krankheit und etwas direkter über meinen Körper, auch, wenn es ein Tabuthema ist. Eine Selbsthilfegruppe habe ich noch nie besucht. Mit meinem Urologen kann ich offen sprechen.
Wann hatten Sie nach der OP das Gefühl: Jetzt geht es wieder aufwärts?
Ein wichtiger Moment war, als feststand, dass der Tumor nicht gestreut hatte. Da sagt man sich: Jawoll, hat nicht gestreut, super, und weiter geht es. Aber dadurch, dass ich bei der Diagnose nicht in ein Loch gefallen war, war das auch kein so großer Höhenflug. Dafür bin ich nicht der Typ.

