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Früherkennung von Prostatakrebs: Männer gehen weiterhin nicht hin

11. Mai 2021 | von Ingrid Müller

Prostatakrebs ist oft heilbar, wenn Ärztinnen und Ärzte ihn früh entdecken. Doch die Mehrzahl der Männer scheut den Arztbesuch zur Krebsfrüherkennung nach wie vor. Das gilt umso mehr während der Corona-Pandemie, wie eine Studie aus Schweden zeigt. 

Die Krebsfrüherkennung ist bei Männern weiterhin nicht sonderlich beliebt. Viele machen nach wie vor einen großen Bogen um die Arztpraxen, wenn es um die Krebsvorsorge geht. Im Jahr 2019 nahmen bundesweit nur rund 4,73 Millionen Männer eine Tastuntersuchung zur Früherkennung von Prostatakrebs wahr. Dies entspricht einem Anteil von mageren zwölf Prozent. 

Damit rangieren die männlichen Bundesbürger bei der Krebsvorsorge auch jetzt wieder deutlich hinter den Frauen, die sich viel öfters für dieses Angebot entscheiden. So ließen sich im Jahr 2019 rund 16,73 Millionen Frauen (40 Prozent) auf Brust- und Gebärmutterhalskrebs untersuchen. Diese Zahlen gehen aus dem Barmer Arzt-Report 2021 hervor. Als Datengrundlage für den Bericht dienten die Abrechnungsziffern der Ärzte für die verschiedenen Untersuchungen zur Krebsfrüherkennung. 

Prostatavorsorge: Ein Mann erzählt!

Der Hamburger Toni Tillmann erzählt im Interview, warum er seit über 20 Jahren regelmäßig zum Prostata-Check geht.

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Warum Männer die Krebsfrüherkennung scheuen

Dabei versuchen Experten im Gesundheitssystem seit vielen Jahren, mehr Männern die Krebsvorsorge schmackhaft zu machen – ohne durchschlagenden Erfolg. Es gibt viele Gründe, warum sich die Mehrzahl der Männer so viel weniger als Frauen um ihre Gesundheit kümmert. Scham vor unangenehmen Untersuchungen oder die Angst vor einer einschneidenden Diagnose spielen für viele sicherlich eine Rolle. 

Dazu kommt das Verständnis vieler Männer, dass ein Arzt erst dann nötig ist, wenn sie tatsächlich ein Gesundheitsproblem haben. Zum Arzt ohne Beschwerden - rein zur Vorbeugung? Diese Frage beantworten sich viele Männer mit einem klaren "Nein". So bleibt zum Beispiel ein Prostatakrebs oft viele Jahre unentdeckt. Außerdem sind einige Männer es schlichtweg nicht gewohnt, über ihre körperlichen oder seelischen Befindlichkeiten zu sprechen. Diese und andere Gründe führen dazu, dass Männer im Schnitt fünf Jahre kürzer leben als Frauen.

Doch Männer könnten von der Früherkennung von Prostatakrebs profitieren und sich selbst sogar einiges ersparen. „Eine Krebsvorsorgeuntersuchung kann Leben retten. Je früher Krebs erkannt wird, desto eher ist er heilbar“, sagt Dr. Ursula Marschall, Leitende Medizinerin bei der Barmer. Ihr besonderer Appell richtet sich daher auch an das starke Geschlecht: „Vor allem Männer sollten sich überlegen, häufiger zur Vorsorge zu gehen.“

 

Krebsfrüherkennung – der Osten hat die Nase vorne

Krebsfrüherkennung: Wo die meisten männlichen Vorsorgemuffel leben

Vorsorgemuffel gibt es überall in Deutschland, aber in einigen Regionen leben besonders viele, wie der Report zeigt. Das gilt sowohl für Frauen als auch für Männer. So gingen zum Beispiel die Frauen im Saarland und in Niedersachsen am seltensten zur Krebsvorsorge (36,5 und 38,5 Prozent). Im Osten der Bundesrepublik lagen die Untersuchungsraten dagegen deutlich höher. Spitzenreiter bei der Krebsfrüherkennung waren die Frauen in Brandenburg - mit stolzen 42,8 Prozent.

Bei den Männern konnten die Forschenden noch deutlichere Unterschiede zwischen den verschiedenen Bundesländern ausmachen. Besonders zurückhaltend bei den Vorsorgeuntersuchungen waren die Männer im Saarland (9,3 Prozent) und in Bayern (10,3 Prozent). Die Nase vorn bei der Früherkennung von Prostatakrebs hatten die Männer in Mecklenburg-Vorpommern mit 13,8 Prozent. 

Der Report zeigte auch, dass viele Männer die Krebsvorsorge erst vermehrt in höherem Alter wahrnehmen. Nur wenige gehen – wie empfohlen – ab dem 45. Lebensjahr einmal im Jahr zur Tastuntersuchung.

Die Forschenden rätseln noch über die Gründe für die Zögerlichkeit und die regionalen Unterschiede bei der Wahrnehmung der Angebote zur Krebsfrüherkennung. Marschall sagt: „Rein medizinisch sind diese Unterschiede nicht erklärbar.“  Daher seien vertiefende Analysen nötig. 

 

Corona-Pandemie: Noch größere Zurückhaltung bei der Krebsvorsorge

Auch wenn noch keine genauen Zahlen für Deutschland vorliegen: Die Corona-Pandemie dürfte sehr wahrscheinlich dazu geführt haben, dass  noch weniger Menschen die Krebsfrüherkennung wahrgenommen haben. Viele haben Angst, sich bei einer Routineuntersuchung in der Arztpraxis mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 anzustecken – und dann womöglich schwer an Covid-19 zu erkranken. Sie suchen deshalb nur ihren Arzt auf, wenn sie tatsächlich ein akutes Gesundheitsproblem haben – und dann auch oft erst sehr spät.

Schon im letzten Jahr 2020, als die Corona-Pandemie in vollem Gang war, rüttelten Urologen und andere Fachärzte in Deutschland ihre Patienten wach und riefen sie dazu auf, ihre Arzttermine wahrzunehmen. Manche hatten sie aus Angst vor dem Coronavirus auf einen späteren Zeitpunkt verschoben oder gleich ganz abgesagt. Dabei ist das Ansteckungsrisiko in Arztpraxen und Kliniken sehr gering, weil dort strenge Hygieneregeln gelten.

 

Gut ein Drittel weniger Prostatakrebs-Diagnosen durch Corona

Dass Männer aufgrund der Corona-Pandemie offenbar den Gang zum Arzt gescheut haben, unterstreicht eine aktuelle Studie der schwedischen Universität Uppsala. Die Forschenden fanden heraus, dass die Anzahl der Prostatakrebs-Diagnosen in Schweden während der ersten Welle der Corona-Pandemie von März bis Juni 2020 deutlich gesunken ist. 36 Prozent weniger Männer als in den Vorjahren erhielten die Diagnose „Prostatakrebs“. Nicht verändert war dagegen die Anzahl jener Männer, die eine Behandlung mit dem Ziel der Krebsheilung erhielten.  Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Fachmagazin Scandinavian Journal of Urology.

Coronavirus und Covid-19

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Als Ursachen für den Rückgang der Diagnosen von Prostatakrebs haben die Wissenschaftler verschiedene Gründe ausgemacht. „Anfangs haben die Gesundheitsbehörden besonders älteren Menschen geraten, ihre sozialen Kontakte zu reduzieren. Das Gleiche galt für nicht notwendige und dringende Arztbesuche“, erklärt der Urologe Prof. Pär Stattin. „Und gleichzeitig empfahl die Arbeitsgruppe für die Schwedischen Leitlinien zu Prostatakrebs, dass nur Männer mit Prostatakrebs-Symptomen ärztliche Hilfe suchen sollten. Unsere Studienergebnisse zeigen, dass diese Empfehlungen auch beachtet wurden.“ 

Die Studie stützt sich auf die Daten des Nationalen Prostatakrebsregisters (NCPR). Dieses enthält die persönlichen Daten von 98 Prozent der ungefähr 10.000 Männer, die jedes Jahr in Schweden die Diagnose Prostatakrebs bekommen. Das Krebsregister umfasst außerdem die Charakteristika des Prostatakarzinoms sowie die Behandlungen, die ein Mann erhalten hat. 

Die Forschenden verglichen die Monate März bis Juni 2020 – also die erste Welle der Corona-Pandemie – mit den gleichen Monaten der Jahre 2017 bis 2019. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

  • Im Frühjahr 2020 war die Anzahl der neu registrierten Prostatakrebsfälle drastisch gesunken.
  • Der stärkste Rückgang zeigte sich bei Männern, die 75 Jahre und älter waren. Er lag bei 51 Prozent.
  • Bei Männern unter 70 Jahren wurden 28 Prozent weniger Fälle von Prostatakrebs festgestellt.
  • Vorläufige, noch unveröffentlichte Daten zeigen: Während der zweiten Corona-Welle im Herbst 2020 nahm die Anzahl der Prostatakrebs-Diagnose weniger stark ab als in der ersten Welle der Corona-Pandemie.

 

Unklar ist, was genau der Rückgang der Diagnosezahlen für die Prognose jener Männer bedeutet, deren Prostatakrebs nicht im Jahr 2020 gefunden wurde. „Es hängt jetzt besonders davon ab, ob das Gesundheitssystem diese Diagnose noch ‚nachholen‘ kann.  Weil Prostatakrebs in vielen Fällen langsam wächst, hat eine kleine zeitliche Verzögerung vermutlich nur einen geringen Effekt“, hofft der Urologe Stattin.

 

Trotz Corona: Behandlung von Prostatakrebs nicht beeinträchtigt

Die Studie fand zudem heraus, dass sich die Anzahl der Männer nicht veränderte, die sich wegen ihres Prostatakrebses einer Operation unterzogen. Dies lässt sich zum Teil dadurch erklären, dass Ärzte die Wartelisten für den chirurgischen Eingriff verkürzen konnten, weil weniger neue Prostatakrebs-Diagnosen gestellt wurden. Die Männer kamen also vermutlich schneller an ihre Prostata-Op als sonst. 

Und noch eine erstaunliche Zahl stellten die Forschenden fest: Die Anzahl der Männer, deren Prostatakrebs die Ärzte mit dem Ziel der Heilung behandelten, stieg sogar im Vergleich zu den Vorjahren um 32 Prozent. Den Forschern zufolge lässt sich dies durch den Trend der letzten Jahre erklären, bei Prostatakrebs verstärkt die Strahlentherapie einzusetzen, besonders bei lokal fortgeschrittenem Prostatakarzinom

„Die Ergebnisse lassen vermuten, dass das Schwedische Gesundheitssystem der Behandlung von Prostatakrebs während der Corona-Pandemie höchste Priorität eingeräumt hat“, schlussfolgert Stattin. „Die Versorgung von Prostatakrebspatienten war weniger beeinträchtigt als andere europäische Länder es berichtet hatten“, so der Urologe weiter.

 

Früherkennung von Prostatakrebs – das steht Männern zu 

Die Früherkennung von Prostatakrebs ist in Deutschland gesetzlich verankert. Die jährliche Tastuntersuchung der Prostata bei Männern ab dem 45. Lebensjahr ist eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen. Auch die privaten Krankenversicherungen übernehmen die Kosten. Bei Männern mit einer familiären Vorbelastung für Prostatakrebs, etwa wenn der Vater oder Bruder schon daran erkrankt ist, beginnt die Krebsvorsorge schon früher ab dem 40. Lebensjahr. 

Früherkennung von Prostatakrebs

Lesen Sie, welche Methoden der Früherkennung es gibt und wie sie ablaufen - der Überblick!

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Einen regelmäßigen PSA-Test und die Bestimmung des PSA-Wertes bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen dagegen weiterhin nicht. Die Begründung: Das PSA-Screening an gesunden Männern schade mehr als es nutze, so das Fazit von Experten des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswegen (IQWIG). Der Stellenwert des PSA-Wertes in der Früherkennung von Prostatakrebs ist aber nach wie vor umstritten. Urologen und Urologinnen plädieren heute für einen sogenannten „risikoadaptierten PSA-Test“. Dabei beziehen Ärzte verschiedene Risikofaktoren eines Mannes mit ein, etwa einen Prostatakrebs in der Familie

Nur wenn der Verdacht auf Prostatakrebs besteht, übernehmen sie die Kosten für den PSA-Test. Das Gleiche gilt, wenn Ärztinnen und Ärzte schon einen Prostatakrebs diagnostiziert haben und den Verlauf anhand des PSA-Wertes kontrollieren wollen. 

Quellen: