Inkontinenz bei Prostatakrebs

Mit Inkontinenz haben viele Männer mit Prostatakrebs zu kämpfen, vor allem nach einer Operation und Strahlentherapie. Alle Behandlungen bei Inkontinenz im Überblick!

Die Inkontinenz, aber auch die Erektile Dysfunktion sind die beiden Symptome, die Männer mit Prostatakrebs am meisten zusetzen. Aus Umfragen wissen Ärzte, dass die Inkontinenz den Alltag, Beruf und die Lebensqualität der Männer erheblich beeinträchtigt. Die Ursache der Inkontinenz und des unfreiwilligen Harnverlustes sind ist die Operation (radikale Prostatektomie), aber auch die Strahlentherapie.

Wie entsteht die Inkontinenz?

Der Operateur entfernt neben der Prostata auch Teile der Harnröhre und des Harnblasenschließmuskels. Er befindet sich am Blasenausgang und ist für das Öffnen und Schließen der Harnblase zuständig. Ist der Schließmuskel geschwächt, entfällt der Druck, der von außen auf die Harnröhre einwirkt – sie schließt nicht mehr richtig. Der Grund für die Mitentfernung ist die Lage der Prostata: Sie umschließt den oberen Teil der Harnröhre und Teile des Schließmuskels. Der zweite Harnröhrenschließmuskel unterhalb der Prostata verbleibt jedoch – und dieser lässt sich gezielt trainieren!

Die Strahlentherapie kann das Gewebe der Blase und des Schließmuskelsystems soweit verändern, dass Sie das Wasserlassen behindern. Anfangs entzündet sich das Gewebe, später kann es vernarben und die Blasenfunktion stören.

Belastungsinkontinenz und Dranginkontinenz

Es gibt verschiedene Formen der Inkontinenz. Die meisten Männer leiden nach einer Operation oder Bestrahlung unter einer Belastungsinkontinenz. Bei körperlicher Anstrengung, dem Tragen schwerer Lasten oder beim Husten und Niesen geht ungewollt Urin ab. Dabei nimmt der Druck auf den Bauchraum und die Harnblase zu. Ist jetzt kein intakter Blasenschließmuskel vorhanden, ist der Urinabgang nicht aufzuhalten. Seltener ist die Dranginkontinenz. Betroffene verspüren einen heftigen Harndrang, obwohl die Blase kaum gefüllt ist. Dieser setzt häufig und sehr plötzlich ein. Der Urinverlust lässt sich dann nicht mehr kontrollieren.

Dass die Inkontinenz bei Männern nach einer Prostatakrebsbehandlung keine Seltenheit ist, zeigen folgende Zahlen:

Operation und Inkontinenz: Zahlen

  • Nach dem Ziehen des Blasenkatheters haben die meisten Männer Schwierigkeiten, den Urin zu halten. In der Mehrzahl der Fälle bessert sich die Inkontinenz innerhalb der ersten Wochen oder Monate nach der radikalen Prostatektomie.
  • Drei Monate nach der Op hat noch etwa jeder zweite Mann mit Inkontinenz zu tun.
  • 18 Monate nach der Operation erleben 4 bis 21 von 100 Männern gelegentlich einen unkontrollierten Harnabgang, etwa beim Husten oder Niesen. Dabei wirkt enormer Druck auf die Harnblase ein.
  • Fünf Jahre nach der Operation benötigen noch 28 von 100 Männern Hilfsmittel gegen ihre Inkontinenz.
  • Bis zu 7 von 100 Männern leiden dauerhaft unter der Inkontinenz.

Bei den meisten Männern bessert sich die Inkontinenz im Laufe der Zeit – nicht bei allen verschwindet sie wieder ganz. Die Behandlung der Inkontinenz ist ein Schwerpunkt in der Reha (Anschlussheilbehandlung, AHB). Es gibt verschiedenen Möglichkeiten der Inkontinenz-Therapie – ein Überblick!

Hilfsmittel bei Inkontinenz

Apotheken, Sanitätshäuser, Drogerien oder der Internetversandhandel bieten heute eine Reihe von Hilfsmitteln für die Inkontinenz, die Sicherheit gewähren und unangenehme Momente vermeiden helfen. Verwenden Sie Vor- und Einlagen, die den Harn auffangen und aufsaugen. So können Sie sich im Alltag freier und ohne Scham bewegen. Auch wenn es wohl den meisten Männern anfangs seltsam erscheinen mag, zumindest zeitweise „wie ein Baby“ Windeln zu tragen – Mann kann sich daran gewöhnen! Und es ist allemal besser, als ständig peinliche und damit stressige Situationen im Alltag befürchten zu müssen oder gar zu erleben. Dann können Sie sich sorglos aus dem Haus trauen.

Je nach Stärke der Inkontinenz gibt es die Hilfsmittel in verschiedenen Größen und mit unterschiedlicher Saugkraft. Ein gutes Inkontinenzprodukt sollte:

  • unangenehme Gerüche gut einschließen
  • Ausscheidungen sicher aufnehmen
  • geräuscharm, optisch unauffällig und hautfreundlich sein
  • einfach zu handhaben sein

Kleine Inkontinenzeinlagen genügen bei leichter Inkontinenz. Für eine stärkere Inkontinenz sind dagegen Inkontinenz-Slips besser geeignet. Sie haben noch andere mehr oder weniger unattraktive Namen: Windel-Slip, Inkontinenz-Pants oder Windelhosen. Inkontinenzhilfen gibt es als Einweg- oder Mehrwegprodukte.

Lassen Sie sich von Ihrem Urologen oder einem Spezialisten im Krankenhaus beraten, welches Hilfsmittel für Sie geeignet ist. Die Krankenkassen übernehmen den Hauptanteil der Kosten. Sie müssen jedoch die gesetzlich festgelegten Zuzahlungen leisten – mindestens fünf, höchstens zehn Euro pro Rezept.

Beckenbodentraining gegen die Inkontinenz!

Physiotherapeuten setzen heute das Beckenbodentraining als sehr wirksame Behandlung der Inkontinenz ein. Es ist speziell auf Männer zugeschnitten, heißt auch physiotherapeutisches Kontinenztraining und ist Teil der Rehamaßnahmen. Das Beckenbodentraining zielt vor allem darauf ab, das verbliebene Schließmuskelsystem der Harnröhre zu stärken und auf Vordermann zu bringen! Mit der Zeit soll Harnröhrenschließmuskel die Funktion des teilweise entfernten Muskels übernehmen. Sie lernen dabei, die Beckenbodenmuskeln aktiv anzuspannen und wieder zu lockern – so kräftigen Sie die Muskeln mit der Zeit.

Was ist der Beckenboden und wo befindet er sich?

Der Beckenboden ist ein Muskel, den Sie weder spüren noch sehen. Er lässt sich aber trainieren wie Muskeln an den Armen, Beinen oder dem Bauch. Viele Männer (wie auch Frauen) wissen nicht, dass es ihn überhaupt gibt und wo er sich befindet. Der Beckenboden ist eine Muskelplatte, die den Bauchraum und die Organe im Becken von unten her abschließt. An den Seiten ist er nach oben gebogen. Optisch können Sie sich den Beckenboden wie eine „Hängematte“ im Bauchraum vorstellen. Die Muskeln reichen vom Schambeinknochen bis zum Kreuz- und Steißbein. Bei Männern gibt es Öffnungen im Beckenboden für die Harnröhre und den Darm. Auch der Damm gehört übrigens zum Beckenboden.

  • Beginnen Sie zeitnah nach der Operation mit dem Beckenbodentraining, aber legen Sie auch nicht zu intensiv los, um die Wundheilung nicht zu beeinträchtigen.
  • Anfangs trainieren Sie langsam mit „halber Kraft“, dann steigern Sie die Intensität in der zweiten Zeitphase allmählich.
  • Wichtig: Keine Übung darf Schmerzen verursachen!

Bis sich erste Erfolge durch das Beckenbodentraining einstellen, brauchen Sie jedoch ein wenig Geduld und müssen regelmäßig üben. Aber nach einigen Wochen oder Monaten Beckenbodengymnastik bessert sich die Inkontinenz bei den meisten Männern.

Biofeedback gegen Inkontinenz

Das Biofeedback ist eine Methode, bei der Sie den Erfolg Ihres Trainings widergespiegelt bekommen, zum Beispiel optisch über den Computer. Sie erhalten also eine Rückmeldung, wie gut Sie Ihre Muskeln an- und entspannen. So bekommen Sie ein noch besseres Gefühl für das Training und Ihren Beckenboden. Außerdem über- und unterfordern Sie Ihre Muskeln nicht. Biofeedback kann die Wirksamkeit eines Beckenbodentrainings unterstützen. Die Methode arbeitet mit einem kleinen Sensor, der sich im Analkanal befindet und die Spannung des Beckenbodens misst. Es gibt Biofeedbackgeräte für daheim und Sie können auch zuhause üben.

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Elektrostimulation und Magnetfeldstimulation

Die Elektro- und Magnetfeldstimulation zählen zu den physikalischen Therapien. Sie können die Inkontinenz eventuell ebenfalls verbessern. Dabei stimulieren feine elektrische Impulse oder Magnetfelder die Nerven, welche die Harnblase und deren Verschlussmechanismen steuern. Wenn die Nerven wieder normal funktionieren, bessert sich auch die Inkontinenz.

Inkontinenz mit Medikamenten behandeln

Der Wirkstoff Duloxetin wirkt speziell gegen Belastungsinkontinenz. Er gehört zu den sogenannten Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern und ist eigentlich ein Antidepressivum. Für Männer mit Inkontinenz besitzt der Wirkstoff jedoch keine Zulassung (nur für Frauen). Ärzte können das Medikament jedoch „Off Label“ verschreiben. Allerdings besitzt das Medikament nicht unerhebliche Nebenwirkungen, weshalb Ärzte den Einsatz kontrovers diskutieren.

Bei einer Dranginkontinenz helfen Medikamente welche die Blasenfunktion stabilisieren und die Beschwerden lindern. Wirksam sind Arzneien aus der Wirkstoffgruppe der Anticholinergika.

Operation bei Inkontinez: Künstlicher Schließmuskel

Bei schwerer Inkontinenz, die länger als ein Jahr besteht, und wenn andere Behandlungen ausgeschöpft sind, hilft wiederum ein operativer Eingriff.

Eine Möglichkeit ist Einpflanzen eines künstlichen Schließmuskels (Sphinkter). Er besteht aus einer kleinen Pumpe, einem Flüssigkeitsreservoir und einer Manschette.

Künstlicher Schließmuskel – so läuft die OP!

  • Die Manschette wickelt der Arzt um die Harnröhre. Sie enthält Flüssigkeit, die sich ausdehnt und so die Harnröhre verengt.
  • Die Manschette ist mit einer Pumpe verbunden, die der Arzt in den Hodensack einpflanzt.
  • Das Reservoir mit Flüssigkeit implantierte er im Bauchraum neben der Harnblase.
  • Soll sich die Blase leeren, betätigen Sie die Pumpe im Hodensack. Die Flüssigkeit aus der Manschette entweicht, gelangt in das Reservoir und die Blockade der Harnröhre ist aufgehoben – der Urin kann abfließen.
  • Die Manschette füllt sich dann automatisch wieder und verschließt die Harnröhre.

Den meisten gelingt es, ihre Blasenfunktion auf diese Weise wieder vollständig zu kontrollieren – Sie müssen jedoch ein wenig manuelles Geschick dafür mitbringen.

Minimal-invasive Op: Schlingen, Kissen und Ballons

Daneben gibt es verschiedene minimal-invasive Methoden, die ebenfalls bei Belastungsinkontinenz helfen. Ärzte implantieren verschiedene Schlingensysteme, Kissen oder Ballons. Sie drücken entweder die Harnröhre zusammen und verhindern so den unkontrollierten Harnabgang. Oder sie bringen die Harnröhre wieder in die richtige Position und stabilisieren sie. Allerdings muss der Schließmuskel der Blase noch eine Restfunktion besitzen.

Die Inkontinenz lässt sich gut behandeln oder besser sich mit der Zeit von selbst. Besprechen Sie immer mit Ihrem behandelnden Arzt, ob und welche Behandlun bei Inkontinenz für Sie in Frage kommt!

Quellen

  • Patientenleitlinie Prostatakrebs: https://www.krebshilfe.de/fileadmin/Downloads/PDFs/Leitlinien/PLL_Prostatakrebs_1_WEB_180528.pdf
  • Deutsche Krebshilfe Blaue Ratgeber „Prostatakrebs“, https://www.krebshilfe.de/fileadmin/Downloads/PDFs/Blaue_Ratgeber/017_0116.pdf
  • Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG), www.gesundheitsinformation.de (Abruf: 26.10.2018)
  • LMU München, http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Urologische-Klinik-und-Poliklinik/de/patienteninformation/inkontinenz_mann/index.html
  • https://www.urologielehrbuch.de/harninkontinenz_mann.html

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