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Aktive Überwachung: Urintest statt Biopsie

16. Juni 2026 | von Ingrid Müller

Bei der Strategie der Aktiven Überwachung sind regelmäßige Prostatabiopsien zur Kontrolle nötig. Womöglich könnte ein Urintest die Biopsien in Zukunft ersetzen. Dies legt die Studie einer US-Forschungsgruppe nahe.

Die Aktive Überwachung ist die bevorzugte Strategie für Männern mit Prostatakrebs, deren Tumor ein niedriges Risiko für das weitere Wachstum birgt. Normalerweise kontrollieren Ärztinnen und Ärzte in regelmäßigen Abständen durch eine Gewebeentnahme (Biopsie), wie sich der Tumor verhält, ob er aggressiver wird und weiter wächst. Eine Biopsie ist jedoch ein invasiver Eingriff, der einige Risiken mit sich bringt, zum Beispiel Schmerzen und Infektionen

Vielleicht können in Zukunft Urintests die Biopsien während der Aktiven Überwachung ersetzen, berichtet eine Forschungsgruppe um Jeffrey J. Tosoian vom Vanderbilt University Medical Center in Nashville in der Maiausgabe des Fachmagazins Journal of Urology

Das Prinzip: Der Urintest bestimmt die Aktivität mehrerer Gene und soll so voraussagen können, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein höhergradiger und somit behandlungsbedürftiger Prostatatumor vorliegt. 

Aktive Überwachung

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Urintest: Wie aktiv sind bestimmte Gene?

In der Studie kam der sogenannte „MyProstateScore 2.0“ (MPS2) zum Einsatz. Dieser Test analysiert 18 spezifische genetische Marker im Urin. Bei einem erhöhten PSA-Wert soll er bei der Entscheidung helfen, ob eine (potenziell unnötige) Biopsie oder eine Magnetresonanztomografie (MRT) wirklich erforderlich ist. Schon im vergangenen Jahr hatte das Forschungsteam gezeigt, dass dieser Score unnötige Prostatabiopsien bei Männern mit erhöhtem PSA-Wert vermeiden kann. 

Der MPS2 erfasst Gene, die bei hochgradigen Prostatakarzinomen stärker exprimiert (überexprimiert) werden als bei niedriggradigen Tumoren. Der Begriff „überexprimiert“ bedeutet, dass die Gene stärker aktiv sind und mehr Eiweiße hergestellt werden. Während der Aktiven Überwachung soll daher die Unterscheidung zwischen gefährlichen und wenig aggressiven Tumoren möglich sein.

Die Forschenden untersuchten jetzt den Einsatz der Methode bei Männern, die sich wegen eines Niedrigrisiko-Prostatakarzinoms einer Aktiven Überwachung unterzogen. „Die derzeit eingesetzten Überwachungsverfahren, darunter PSA-Messungen und die Magnetresonanztomografie, sind keine verlässlichen Indikatoren für das Vorliegen eines höhergradigen Tumors. Deshalb sind während der Aktiven Überwachung regelmäßige Kontrollbiopsien erforderlich“, schreiben die Forschenden.

Urintest im Vergleich mit Biopsie und MRT

An der Studie nahmen 330 Männer teil, die im Schnitt 69 Jahre alt waren und bei denen ein Prostatakarzinom der Grade Group 1  diagnostiziert worden war. In diese Kategorie fallen Tumore, die am wenigsten aggressiv sind und die geringste Neigung haben, weiter zu wachsen. Die Grade Group (ISUP-Gruppe) ist ein international gebräuchliches System zur Klassifikation von Prostatakrebs. Die Grade Group 1 entspricht einem Gleason-Score 6 (3+3). Diese Tumoren wachsen sehr langsam, sind gesundem Gewebe noch sehr ähnlich und bilden selten Metastasen in anderen Organen und Geweben wie den Knochen, der Leber oder Lunge.  

Die Probanden hatten sich für die Strategie der Aktiven Überwachung entschieden und sollten sich in dieser Zeit Kontrollbiopsien unterziehen. Vor der Gewebeentnahme gaben alle Probanden eine Urinprobe zur Analyse im Labor ab. Danach wurden die Ergebnisse aus dem Urintest mit jenen aus der Biopsie verglichen. 

Bei 85 Prozent der Männer hatten die Ärztinnen und Ärzte vor der Biopsie eine multiparametrische Magnetresonanztomografie (mpMRT) durchgeführt. Dieses bildgebende Verfahren funktioniert mit starken Magnetfeldern und Radiowellen. Es liefert detaillierte Schnittbilder von der Prostata und umgebenden Strukturen. Die Forschungsgruppe verglich den Urintest zusätzlich mit den mpMRT-Bildern, um die Genauigkeit des Tests zu überprüfen. 

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Viele Biopsien wären dank Urintest vermeidbar

Die zentralen Ergebnisse der Studie:

  • Die Kontrollbiopsie wies bei 123 Männer (37 Prozent) einen Tumor der Grade Group ≥ 2 nach. Diese bedeutet ein mindestens niedriges bis mittleres Risiko, dass er weiter wächst.
  • Bei 31 Männern (9,4 Prozent) brachte die Biopsie einen Tumor ans Licht, der mindestens ein mittleres Risiko für das Weiterwachsen barg (Grade Group ≥ 3). 
  • Der Urintest erkannte 97 Prozent der Tumoren der Grade Group ≥ 3 und hätte zugleich 64 Prozent der unnötigen Biopsien vermeiden können, schreibt die Forschungsgruppe. 
  • Die MRT entdeckte dagegen nur 79 bis 82 Prozent dieser Prostatakarzinome und hätte 50 Prozent der nicht notwendigen Biopsien überflüssig gemacht. 
  • Auch bei Tumoren der Grade Group ≥ 2 schnitt der Urintest besser ab als die MRT.

 

„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Urintests die Zahl invasiver Biopsien reduzieren könnten, ohne die frühzeitige Erkennung höhergradiger Prostatakarzinome zu gefährden“, schlussfolgern die Forschenden. Derzeit ist der Urintest noch in der Erprobung und nicht verfügbar

Die Studie besitze jedoch auch einige Einschränkungen, schreiben sie. So wurden die Werte für den MPS2 aus dem Urin rückblickend kalkuliert und nicht in die Entscheidungsfindung zur Biopsie mit einbezogen. Auch waren die Daten zur Anzahl der vorher durchgeführten Biopsien nicht verfügbar. Darüber hinaus waren nicht alle Bevölkerungsgruppen in die Studie einbezogen, zum Beispiel Schwarze Männer. Daher seien weitere Studien nötig. 

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