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Fokale Therapien bei Prostatakrebs – welche gibt es?

01. September 2021 | von Ingrid Müller

Fokale Therapien erscheinen vielen Männern mit Prostatakrebs als angenehmere Behandlungsvarianten. Sie gelten als schonender, weil Ärztinnen und Ärzte nur den kranken Teil der Prostata behandeln. Die wichtigsten fokalen Therapien im Überblick. 

Fokale Therapien sind einen Behandlungsmöglichkeit für Männer, deren Prostatakrebs noch örtlich auf die Prostata beschränkt ist. Der bösartige Tumor hat in diesem Fall noch nicht die Kapsel der Prostata durchbrochen und auch keine Metastasen in anderen Organen gebildet, etwa in der Leber oder den Knochen. Bei einer fokalen Therapie behandeln Ärztinnen und Ärzte nur jenen Teil der Prostata, in dem sich der bösartige Tumor gebildet hat - und nicht die gesamte Vorsteherdrüse. Ziel ist es, den Tumor möglichst vollständig zu beseitigen und den Prostatakrebs dadurch zu heilen. 

 

Fokale Therapien sind schonender

Fokale Therapien zählen zu den minimal-invasiven Eingriffen. Bekannter sind diese unter dem Begriff „Schlüssellochchirurgie“. Solche Eingriffe sind schonender, kommen mit kleinen Schnitten aus, besitzen weniger Nebenwirkungen und verursachen seltener Komplikationen. Die Krebspatienten erholen sich schneller und werden rascher wieder gesund. 

Dies ist mit ein Grund, warum viele Männer solche Teilbehandlungen der Prostata nachfragen und sich lieber für sie entscheiden würden. Für manche Männer kommen auch Standardbehandlungen oder eine aktive Überwachung (active surveillance) aufgrund ihrer Vorstellungen und Überzeugungen überhaupt nicht in Frage 

 

Fokale Therapie – für welchen Mann?

Für die fokale Therapie gibt es verschiedene Voraussetzungen. Die wichtigsten sind:

  • Der Prostatakrebs muss einseitig und lokal auf die Prostata begrenzt sein.
  • Der Tumor in der Prostata muss ein niedriges Risikoprofil besitzen. Das heißt: Er darf nicht aggressiv sein und die Gefahr muss niedrig sein, dass er erneut wächst.
  • Es darf nur ein Krebsherd in der Prostata vorhanden sein. Wenn es mehrere Krebsherde gibt, müssen sich dicht beieinander liegen und dürfen nicht über die gesamte Prostata verstreut sein.
  • Der Gleason-Score muss 6 betragen.
  • Der PSA-Wert muss unter 10 Nanogramm pro Milliliter (ng/ml) liegen.
  • Der Befund der Tastuntersuchung muss unauffällig sein.
  • Das betroffene Areal in der Prostata muss relativ klein sein: Es dürfen in der systematischen Biopsie auf einer Seite maximal 50 Prozent positive Stanzen vorhanden sein.
  • Die Diagnose des Prostatakarzinoms muss jetzt laut der aktuellen Leitlinie durch eine multiparametrische Magnetresonanztomografie (mpMRT), Fusionsbiopsie und systematische Biopsie erfolgen. So stellen Ärzte sicher, dass tatsächlich nur ein lokal begrenzter Prostatakrebs vorliegt.

 

Ärztinnen müssen deshalb vor der Behandlung eine sehr genaue Diagnostik der Krebsherde innerhalb der Prostata durchführen.

 

Fokale Therapie – für wen nicht?

Die fokale Behandlung eignet sich nicht für jeden Mann. Oft sind die Tumoren in verschiedenen Bereichen der Prostata lokalisiert – Ärzte sagen, sie wachsen „multifokal“, also an mehreren Plätzen der Vorsteherdrüse. Auch die Tatsache, dass Prostatatumoren oft sehr heterogen sind – also verschieden bösartig und aggressiv - spricht gegen eine fokale Therapie. 

Wie wirksam die Teilbehandlung bei lokal begrenztem Prostatakrebs mit mittlerem Risiko sowie bei lokal fortgeschrittenem Prostatakarzinom ist, wissen Forschende noch nicht genau. Daher empfehlen Ärzte sie auch in diesen Fällen nicht.

 

Wie wirksam sind fokale Therapien?

Im Vergleich zu den Standardtherapien bei Prostatakrebs, etwa der radikalen Prostatektomie, Strahlentherapie von außen oder der LDR-Brachytherapie sind die Daten aus Studien zur Wirksamkeit weniger aussagekräftig. Wie effektiv die fokalen Therapien langfristig im Vergleich zu den Standardbehandlungen sind, können Ärzte daher noch nicht abschließend beurteilen. 

Über dieses Risiko, dass der Prostatakrebs nach einer fokalen Behandlung zurückkehren kann, informieren Ärzte ihre Patienten jedoch genau. Dann ist eine sogenannte Salvage-Therapie (engl. Salvage = Bergung, Rettung) nötig. Diese kann aber eventuell zur schlechteren funktionellen und auch onkologischen Ergebnisse führen. Auch das müssen Männer wissen, die sich für eine fokale Behandlung ihres Prostatakrebses entscheiden. 

 

Fokale Therapien – der Überblick

Inzwischen ist eine ganze Reihe von fokalen Behandlungen der Prostata bekannt – lesen Sie, welches die wichtigsten Methoden sind.

 

Vaskuläre gezielte photodynamische Therapie (VTP)

Bei der vaskulär-gezielten photodynamischen Therapie (VTP) kommt der Wirkstoff namens Padeliporfin zum Einsatz – eine Substanz, die Gewebe und Organe lichtempfindlich macht. Eine solche Substanz heißt auch Photosensibilisator oder Photosensitizer. 

Der Ablauf der Methode lässt sich so beschreiben:

  • Ärztinnen und Ärzte führen optische Fasern über den Damm in jene Bereiche der Prostata ein, die behandelt werden sollen. Dies geschieht mit Hilfe einer speziellen Planungssoftware und Ultraschall.
  • Sie verabreichen die Substanz Padeliporfin über die Vene (intravenös)
  • Dann wird die Prostata sofort für 22 Minuten beleuchtet. Das Laserlicht besitzt eine spezielle Wellenlänge und aktiviert die lichtempfindliche Substanz Padeliporfin – dadurch geht das Gewebe vor Ort zugrunde und stirbt ab.
  • Die VTP dürfen nur Krankenhäuser anwenden.
  • Der Eingriff geschieht unter einer Vollnarkose.
  • Nach der VPT dürfen sich Männer einige Stunden keinem direkten Licht aussetzen.

 

Die VTP ist für folgende Fälle von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA zugelassen:

  • Noch unbehandelter lokaler Prostatakrebs
  • Niedrig-Risiko-Prostatakrebs: T1c oder T2a, Gleason Score 6, PSA < 10 ng/ml
  • Lokal begrenzter Prostatakrebs: maximal drei positive Proben mit einem maximalen Eindringen des Tumors von 5 mm bei jeder der drei Proben oder 1-2 positiven Proben mit > 50 % Befall oder einer PSA-Dichte ≥ 0.15 ng/ml/mm3)

 

Behandlung mit Laserfasern

Lesen Sie, wir die VTP funktioniert und für wen sie geeignet ist.

© Thomas Albrecht/Uniklinikum Dresden

 

Hochintensivierte fokussierte Ultraschallablation (HIFU)

Bei der HIFU werden hochenergetische Schallwellen über eine im Darm platzierte Ultraschallsonde auf die Prostata fokussiert. Die Schallwellen treffen sich in einem einzigen Punkt, lösen Vibrationen im Gewebe aus und lassen Hitze (75 bis 90°C) entstehen – dadurch sterben  die Krebszellen ab. 

Ärzte und Ärztinnen können auch größere Bereiche der Prostata behandeln, indem sie mehrere Einzelanwendungen kombinieren. Die HIFU ist unter einer Regionalanästhesie oder Vollnarkose möglich.

HIFU

Alle Fakten zur HIFU lesen Sie hier. Außerdem: Ist die HIFU so gut wie OP und Bestrahlung?

© shiivamjha/Pixabay.com

 

Fokale Kryotherapie

Bei der Kryotherapie gehen Ärztinnen und Ärzte mit Hilfe von Kälte gegen die Krebsherde in der Prostata vor. Die tiefen Temperaturen von etwa -40°C zerstören die Krebszellen und lassen das Gewebe absterben.

Kryotherapie

Alle Fragen und Antworten zur Kältetherapie der Prostata lesen Sie hier.

geralt/Pixabay.com

 

Irreversible Elektroporation (IRE)

Die Irreversible Elektroporation (IRE) ist eine noch relativ neue fokale Therapie bei Prostatakrebs. Elektroporation bedeutet: Zwei Elektroden, durch die Strom fließt, werden über den Damm in die Prostata eingestochen (meist sind es insgesamt zwei bis sechs Elektrode). Der Strom zerstört die Zellmembranen und löst den Untergang des Krebsgewebes aus. Bei der IRE ist nicht die Hitzeentwicklung für das Absterben des Gewebes verantwortlich. Forschende nehmen an, dass sich dadurch empfindliche Strukturen wie zum Beispiel die Harnröhre besser schonen lassen. 

IRE

Alle Fragen und Antworten zur Irreversiblen Elektroporation finden Sie hier.

© Wilhei/Pixabay.com

 

Weitere fokale Therapien bei Prostatakrebs

  • Fokale Laserablation
  • Fokale Brachytherapie
  • Fokale Radiofrequenzablation (RFA)
  • Fokale stereotaktische Bestrahlung (SBRT)
  • Fokale Mikrowellentherapie
  • Fokale transurethrale Ultraschallablation

 

Für diese Verfahren gibt es noch keine ausreichenden Wirksamkeitsnachweise und 
Sicherheitsdaten. Daher ist keines dieser Verfahren zur allgemeinen Behandlung bei Prostatakrebs empfohlen. Nur im Rahmen von kontrollierten Studien sollen Ärzte die Behandlungen anwenden.

 

Was geschieht nach der fokalen Behandlung der Prostata?

Wichtig ist, dass Ärzte und Ärztinnen nach einer fokalen Therapie sowohl die behandelten als auch die nicht behandelten Prostatabereiche mit Hilfe einer Biopsie untersuchen (die therapierten Areale mit gezielter, die restliche Prostata mit systematischer Biopsie). Sie entnehmen dabei Gewebeproben und Pathologen untersuchen diese anschließend im Labor auf Krebszellen. 

Ähnlich wie bei der Strategie der aktiven Überwachung ist diese Kontrollbiopsie sechs bis zwölf Monate nach der fokalen Behandlung empfohlen. Auf diese Weise lässt sich feststellen, ob die Behandlung erfolgreich war oder nicht. Auch lassen sich eventuelle weitere Krebsherde aufspüren oder ausschließen. Die Bestimmung und Überwachung des PSA-Wertes alleine genügt dafür nicht. 

Wenn sich binnen sechs bis zwölf Monaten nach der fokalen Therapie ein neues Karzinom gebildet hat, stufen Ärzte dies als Therapieversagen ein – die Behandlung hat in diesem Fall nicht genügend gewirkt. Dann folgen weitere Therapien, die sich an der Größe des Tumors, dem Gleason-Score, Ihrem Alter und vorhandenen Begleiterkrankungen ausrichten. Dies gilt übrigens auch, wenn das behandelte Areal der Prostata tumorfrei ist, aber sich zusätzliche Krebsherde an einer anderen Stelle entwickelt haben. 

Quellen: