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Nach Prostata-Op: »Froh, dass der Wildwuchs raus ist«

15. Juni 2021 | von Ingrid Müller

Wie läuft die Prostata-Op ab und wie fühlt es sich danach an? Frank Hoffmann* erzählt im Interview aus dem Innenleben des Op-Saals, dem Roboter als Operationshelfer und wie er die Tage nach der radikalen Prostatektomie samt einer Inkontinenz erlebte. Interview von Ingrid Müller

Prostatektomie: »Glücklich, den Prostatakrebs los zu sein«

Herr Hoffmann*, Sie haben uns im letzten Interview von Ihrer Diagnose Prostatakrebs erzählt. Jetzt haben Sie die Prostata-Operation überstanden. Wie ist es Ihnen ergangen in der Klinik?

Zunächst einmal haben der Roboter und die ‚Maschinisten‘ anscheinend gute Arbeit geleistet, denn mir geht’s gut! Ich bin unheimlich froh, dass die Prostata jetzt raus ist - und damit auch der Wildwuchs dort beendet ist. Der Prostatakrebs kann so jetzt keinen weiteren Schaden anrichten. Das ist für mich schon eine große Erleichterung, muss ich sagen. Morgens um halb acht ging die ganze Prozedur los, nach einer schlaflosen Nacht. Ich war einer der Ersten, die operiert wurden, und hatte daher nicht viel Zeit für trübe Gedanken. Da der Op-Tag ein Brückentag war und ein Teil des medizinischen Personals frei hatte, waren es ‚nur‘ acht Männer, bei denen – wie bei mir – die Prostata entfernt wurde. 

Der Op haben Sie damals positiv, entspannt und auch realistisch entgegengesehen. Wie stand es jetzt im Op-Saal um Ihre Zuversicht?

Viele Grünkittel sprangen um mich herum, bestens gelaunt. Sie stellten sich mir nett vor - einer nach dem anderen -  und empfahlen mir, vor der Narkose an etwas Positives zu denken. Als ich auf den OP-Tisch gekrabbelt war, stellte man mir den Op-Roboter vor. Ein weißes, relativ kleines Gebilde, das Arme wie eine Spinne hatte. Nicht weit weg davon stand der Stuhl des Operateurs, der allerdings noch nicht besetzt war. 

Als der Anästhesist mich fragte, ob ich denn jetzt an etwas Schönes denken würde, antworte ich: ‚Ja, an eine Reise mit meiner Frau nach Namibia‘. Dass er mir anschließend erzählte, er habe das Land auch schon besucht, bekam ich nur noch am Rande mit. Dann ging ich Schlummern ...

Radikale Prostatektomie

Lesen Sie alles über Ablauf, Dauer und mögliche Folgen der Prostata-Op. Außerdem: Wie ein Roboter assistiert und für welchen Mann er sich eignet

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Wie fühlten Sie sich, als Sie wieder erwacht sind?

Eigentlich ganz gut. Ich war glücklich, den Prostatakrebs nach vielen Wochen des Bangens und Wartens endlich los zu sein. Das ist schon ein befreiendes Gefühl, zu wissen, dass der Krebs jetzt weg ist. Von dieser Empfindung war ich selbst ein bisschen überrascht. Die Krankenschwester im Aufwachraum erklärte mir, dass meine Op nur rund zwei Stunden gedauert habe – das sei unüblich kurz. Ich habe das gleich als ein gutes Zeichen gedeutet. 

Inwiefern?

Naja, der Roboter und der Operateur hatten wohl nicht so viel zu tun gehabt. Wäre der Prostatakrebs fortgeschritten gewesen, hätten sie vermutlich länger operiert. Das ist mir jedenfalls durch den noch etwas vernebelten Kopf geschossen. Die Schwester verriet mir noch, dass die Ärzte ganz nebenbei auch meinen Leistenbruch gerichtet hätten. Von diesem hatte ich bisher gar nichts gewusst. Schon wenige Stunden nach der Op stand ich auf und ging ein bisschen spazieren. Den Schwindel und die Übelkeit habe ich mit einer halben Tasse besänftigt. Und gegen die Schmerzen helfen ja bekannt Schmerzmittel.

Viele Männer haben nach einer Prostatektomie erst einmal mit der gefürchteten Inkontinenz zu kämpfen. Und Sie?

So kurz nach der Op ist es nicht gleich offensichtlich, wie es um die Kontinenz steht. Man trägt ja eine Windel zur Vorsicht und der Urin wird über zwei Katheter entleert. Die Ärzte hatten mir gesagt, ich solle viel trinken, um die Blase zu spülen. Am Tag nach der Op entfernten sie zuerst den Harnröhrenkatheter. Den zweiten Blasenkatheter behielt ich noch bis zur ‚Dichtigkeitsprüfung‘ – das Wort trifft es ganz gut. Ein Test, der erst am dritten Tag nach der Op gemacht wird. Wenn die Prostata entfernt ist, schließen die Ärzte ja die Harnröhre direkt an die Blase an - und diese Nahtstelle muss sich erst schließen, damit nichts daneben läuft, wenn Sie so wollen. 

Was hat diese Prüfung denn ergeben?

Alles dicht! Ein Glück! Die Ärzte haben den verbliebenen Katheter verschlossen. Danach musste ich selbst versuchen, den Urin über die Harnröhre loszuwerden. Erst wenn das klappt, ziehen sie auch den zweiten Katheter. Bei mir gelang das Wasserlassen leider nicht auf Anhieb – Mist, dachte ich, vielleicht hat der Roboter einen Schnitt zu viel gesetzt!? Der erste Urinschwall ging in die Hose, aber noch nie war ich über eine nasse Hose so glücklich. Noch zwei weitere Male ist mir das in der nächsten Stunde passiert. Aber scheinbar ist das ganz normal. 

Inkontinenz 

Lesen Sie, wie sich eine Inkontinenz behandeln lässt und wie ein Beckenbodentraining helfen kann.

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Das war es mit den Nebenwirkungen der Op?

Noch nicht ganz. Auch mit dem Restharn schien ich zunächst ein Problem zu haben. Man lässt den Restharn selbst über den Katheter ab und misst die verbliebene Menge, die man nicht eigenständig nach draußen befördert hat. Und dieser Wert schwankte bei mir nicht unerheblich. Zuerst lag er bei 130 Millilitern, fiel dann auf 0, blieb dort über mehrere Messungen, um dann nachts auf 50 und schließlich wieder 130 Milliliter zu klettern. Und Blut im Urin hatte ich auch noch. 

Haben Sie sich Sorgen gemacht darüber?

Auf jeden Fall! Ich habe mich gefragt: Was ist jetzt wieder los? Also aus meiner Patientensicht wäre es schön gewesen, wenn mir jemand vorher gesagt hätte, dass ein solches Auf und Ab beim Restharn-Wert durchaus möglich ist. Dann hätte ich nicht beunruhigt sein und mir den Kopf darüber zerbrechen müssen. 

Auch eine Erektile Dysfunktion kann Männern blühen, wenn der Operateur beim Eingriff Nerven verletzt.

Ja, das wusste ich vorher, dass ich damit vielleicht rechnen muss. Aber in der Klinik erklärten mir die Ärzte, dass bei mir noch eine nervenerhaltende Prostataentnahme möglich gewesen sei. Also sollten Erektionsstörungen und Inkontinenz nach der Op eigentlich nicht auftreten. Und sie sagten mir, dass mein Prostatakrebs noch nicht in die Lymphknoten und das angrenzende Gewebe gestreut hat. Er ist also lokal vor Ort geblieben. Für die spätere Therapie bedeute dies, dass man nur den PSA-Wert beobachten müsse. Mensch! Das waren doch nach langer Zeit endlich wieder positive Nachrichten!

Sie schrieben uns, auch Ihre Angehörigen und Freunde hätten Ihnen einige Glücksmoment beschert. 

Das Tolle war, dass sich viele Bekannte und Freunde wieder an mich erinnert haben. Sie ließen Grüße über meine Frau ausrichten oder schrieben mir über die sozialen Netzwerke, um sich nach meinem Zustand zu erkundigen. Für mich als Kranken ist das wirklich höchst erfreulich. Ich habe grundsätzlich zum Telefon gegriffen, denn ich bin ein Freund des persönlichen Gesprächs. Es ist eindeutiger und bringt viel mehr rüber an Gedanken und Gefühlen, wie ich finde. Dank Corona können derzeit nämlich höchstens zwei Besucher pro Tag in die Klinik kommen. Und sie können nur jeweils eine halbe Stunde bleiben. Es kann also ganz schön einsam werden im Krankenhaus.

Interview

Frank Hoffmann erzählt im Interview, warum er sich gegen Prostatakrebs gut gewappnet fühlte und wie er dennoch daran erkrankte.

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Die Klinik kümmert sich ja nicht nur um die Op, sondern berät Männer auch, wie es in ihrem Alltag weiter geht.

Der Sozialdienst der Klink hat mich über die anschließende Rehamaßnahme beraten, die ich auf alle Fälle in Anspruch nehmen werde. Sie helfen einem zum Beispiel, wenn man inkontinent ist oder Erektionsstörungen haben sollte. Und ich war bei einer Ernährungsberatung. Die Experten erklärten mir, dass Zucker, Milchprodukte und Eiweiß gute "Krebsfütterer" seien. Also werde ich diese Nährstoffe in Zukunft reduzieren so gut es geht. Das Gleiche gilt auch für Fleisch, Weizenprodukte und Nudeln. All diese Lebensmittel sind nicht verboten, aber man sollte sie in Maßen konsumieren. Ich muss sehen, was ich davon wie gut im Alltag umgesetzt bekomme. Denn der Spaß am Essen soll ja auch nicht auf der Strecke bleiben. 

Jetzt sind Sie wieder zu Hause seit einigen Tagen. 

Fünf Tage nach der Op wurde bei mir der letzte Katheter gezogen und jetzt stehen fast alle Hebel auf 'normal'. Die Betonung liegt aber auf 'fast'. Denn nach dem Ziehen des Katheters vor der Abreise wurde ich total inkontinent. Trotz der Vorlage war die gesamte Hose nass. Was für ein Mist, dachte ich mir. Auch während der Rückreise lief der Harn unaufhaltsam. Zuhause besorgte ich mir erst einmal Windelhosen, die seitlich dicht und besser als alle Vorlagen sind. 

Was hat Ihnen der behandelnde Arzt zur plötzlichen Inkontinenz gesagt?

Als der Operateur am zweiten Tag nach der Entlassung bei mir anrief und sich nach meinem Gesundheitszustand erkundigte, erzählte ich ihm von meiner Inkontinenz nach dem Entfernen des Blasenkatheters. Er sagte, ich solle nochmals umgehend in die Klinik kommen, denn es dürfe nicht sein, dass man erst kontinent und dann auf einmal ‚undicht‘ sei. Also fuhr ich mit meiner Frau wieder in die Klinik. Dort untersuchte mich ein Urologe gründlich und auch eine Laboruntersuchung des Urins folgte. Es schien jedoch alles ganz normal zu sein. Der Arzt meinte, in seinen sechs Jahren in der Urologie sei ihm das Problem, erst ‚dicht‘ und dann ‚undicht‘ zu sein, noch nicht untergekommen. 

Ich selbst hätte den Harnverlust übrigens ohne seinen Anruf als völlig normal angesehen. Denn in dem Formblatt, das mir vor der Entlassung ausgehändigt wurde – es heißt 'Patientenabschluss nach radikaler Prostatektomie' – steht: Nach dem Ziehen des Katheters sei durchaus eine Inkontinenz für drei bis vier Tage möglich. Der Arzt erklärte mir allerdings, dass damit der Harnröhrenkatheter gemeint sei, nicht der Blasenkatheter. Ich finde, dass diese Information für andere Männer schnellstens korrigiert gehört.

Aber für immer anfreunden müssen Sie sich nicht mit der Inkontinenz.

Auf keinen Fall! Mein Arzt gab mir einige Verhaltensänderungen mit auf den Weg. Zum Beispiel solle ich liegen, gehen, liegen, wenig sitzen und beim Aufstehen den Harn pressen. Erstaunlich ist, dass es sich dank dieser Tipps sofort verbesserte und der Harn nur noch leicht tröpfelte. Aber auch das wird durch weitere Übungen in der Reha noch verschwinden. Und verraten kann ich auch, dass beim ersten Orgasmus zwar kein Ejakulat vorhanden ist, aber sich das entspannende Gefühl wie vor der Op einstellt.

Gibt es etwas, was Sie anderen Männern mitgeben möchten?

Die ‚große Baustelle‘, wie ich die radikale Prostatektomie nenne, hätte sich meiner Meinung nach durch eine moderne Prostatakrebsvorsorge wie das mpMRT vermeiden lassen. An meiner Situation ändert das zwar jetzt nichts mehr, aber allen Männern möchte ich sagen: Ihr habt es selber in der Hand! Geht rechtzeitig zu Vorsorge, macht euch auch mal schlau darüber. Googelt nicht nur tolle Autos und schöne Frauen, sondern sucht eure Vorsorgemöglichkeiten. Bleibt oder werdet gesund!

Das Interview führte Ingrid Müller.

* Name von der Redaktion geändert – unser Interviewpartner möchte anonym bleiben.